"Beuys": Dem Mythos in die Augen schauen

    Video26. Mai 2017, 18:01
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    Die Aufhebung der Grenze zwischen Kunst und Leben strebte Joseph Beuys so kompromisslos wie wenige Künstler an. Der Filmemacher Andres Veiel nähert sich in dem Mythos in einer Collage von Archivmaterialien an

    Wien – Diese Augen! Dieser traurige, neckische, dunkle, hellwache Blick des Künstlers Joseph Beuys! Ganz frisch, noch warm, führt man ihn unter der Haut mit sich hinaus in die Welt, wenn man nach Andres Veiels aktuellem Biografiefilm Beuys das Kino verlässt. Wenn man wieder hinausgeht in diese Welt, die doch so ganz anders ist, als der 1986 verstorbene Künstler sie für die Zukunft im Sinne hatte.

    Eine inklusive Gesellschaft jenseits herkömmlicher Politik, jenseits des Kapitalismus strebte Beuys an. Der Weg dorthin führte für ihn über die Aufhebung der Grenze zwischen Kunst und Leben, die Freilegung der in den Menschen schlummernden Kreativität. "Jeder Mensch ist ein Künstler", lautet Beuys' wohl bekanntestes Diktum. Nicht dass jeder ein Bildhauer oder ein Poet sei, meinte er dabei. Er wollte vielmehr jede menschliche Tätigkeit zur Kunst erklären: jede Arbeit, jede Regung, ja jeden Gedanken.

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    Wie kompromisslos, streitbar und beherzt Beuys seine "erweiterte Kunst" verfocht, vermittelt nun Veiels Film wirkungsvoll in dokumentarischen Bildern. Fotos, Videos, Briefe, TV-Diskussionen und Interviews hob der deutsche Regisseur aus dem Archiv. Zwischenzeitlich hört man Ausschnitte aus neu gedrehten Interviews mit Zeitgenossen. Präsentiert werden die Bilder im Zuge von Kamerafahrten über Kontaktabzugbögen oder als "Bilder im Bild" – ein wenig so, als ob sich jemand ganz assoziativ durch ein Archiv klickte, um immer wieder auszuruhen, wirken zu lassen.

    Interpretation nur im Notfall

    Spürbar ist es Veiels Anliegen, die Kunst für sich sprechen zu lassen. Beuys' Installationen und Aktionen werden meist weniger erklärt denn zur Empfindung in den Raum gestellt. Das ist freilich stimmig im Hinblick auf den Rang, den Beuys der Intuition zuerkannte. Zur rationalen Interpretation solle man nur im "Notfall" greifen, riet er einmal.

    Und so findet man sich zunächst also mitten in jener Menschenmenge wieder, der Beuys 1971 die Performance Celtic+~ vorführte. Wenig später gleitet man sacht und in aller Stille durch die Installation Plight (1985), ein Environment aus Filzsäulen, einem Klavier, einem Fiebermesser. Dazwischen hört man Reaktionen von Besuchern von Beuys' Retrospektive im New Yorker Guggenheim-Museum 1979.

    Erst allmählich nähert man sich den Einzelheiten von Beuys' Begriff der "sozialen Plastik". Erst später erfährt man, dass ihm der Filz, insbesondere aber auch das Fett, als "ideale Möglichkeit" erschienen, die Formbarkeit der Welt zu demonstrieren, die ihm vorschwebte. Erst später wird der Film auch die Biografie thematisieren, die in der Deutung des Beuys'schen Schaffens gemeinhin eine zentrale Rolle einnimmt: das kalte Elternhaus in Kleven und die Wärme, die er fand, als er 1944 mit einem Kriegsflugzeug abstürzte und von Tataren per Filzzelt und Fettpackungen vor dem Tod gerettet worden sein soll.

    In den Hintergrund rückt in Veiels Beuys-Darstellung der "Kunstschamane" Beuys. Zwar ist etwa die legendäre Performance I like America and America likes me (1974) zu sehen, für die sich Beuys mit einem Kojoten, dem Symboltier der amerikanischen Ureinwohner, in einer New Yorker Galerie einsperrte. Zur Sprache gelangen seine spirituellen Ideen, seine Bezüge auf die Anthroposophie etwa, aber nur mittelbar.

    Anti-Parteien-Partei

    Veiel interessiert sich stärker für den Politiker Beuys, dafür, wie er seine Ideen zur sozialen Frage in Diskussionen mit Kunstkritikern, später aber auch als Initiator einer Anti-Parteien-Partei verfocht – mitunter durchaus populistisch. Viel Aufmerksamkeit fällt indes auch auf den Lehrer Beuys, der auf der Düsseldorfer Kunstakademie für einen Eklat sorgte, indem er in seine Klasse 400 statt zehn Studenten aufnahm.

    Den "ganzen" Beuys wird man in Veiels Film daher wohl kaum kennenlernen. Angesichts des ausufernden Schaffens des Künstlers wäre dieser Anspruch allerdings wohl auch vermessen gewesen. Hauptsache, man hat wieder einmal in diese Augen schauen können. (Roman Gerold, 26.5.2017)

    Jetzt im Kino

    • "Wo ich bin, ist Akademie": Beuys unter seinen Studenten in Düsseldorf.
      foto: zeroonefilm / bpk stiftung schloss moyland uteklophaus

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