Studie: Löhne von Ausländern sinken, Österreicher verdienen mehr

26. Mai 2017, 17:47
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Die Löhne sind in Österreich nur langsam gestiegen. Das trifft vor allem auf Ausländer und schlecht ausgebildete Inländer zu

Wien – Durch die österreichische Arbeitswelt geht ein Riss, der größer wird. Er spaltet das Land in jene, die einen sicheren Job haben und jedes Jahr etwas mehr verdienen, und jene, die immer weiter zurückfallen. Zwar haben Ausländer im Durchschnitt schon immer weniger verdient als Österreicher, in den vergangenen Jahren hat sich die Kluft jedoch weiter vergrößert: Sie hat sich fast verdoppelt.

Das sind einige zentrale Ergebnisse einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo, die dieses Wochenende präsentiert wird und dem STANDARD vorab vorlag. Die Wifo-Ökonomen Helmut Mahringer, Rainer Eppel und Thomas Leoni sind der Frage nachgegangen, welche Erklärungen es für die verhaltene Lohnentwicklung in Österreich in den vergangenen 15 Jahren gibt.

Eine zentrale Erklärung liegt laut den Forschern in der Spaltung des Arbeitsmarktes in stabile und instabile Beschäftigte.

Als stabil beschäftigt gilt jeder, der ganzjährig arbeitet. Alle anderen, also Personen, die nur mit Unterbrechungen beschäftigt waren oder Saisonarbeit geleistet haben, zählen in der Studie als instabil Beschäftigte. 34,1 Prozent der Arbeitnehmer fallen in diese zweite Kategorie.

Große Unterschiede zwischen den Gruppen gibt es bei der Lohnentwicklung. Die mittleren Bruttolöhne nahmen inflationsbereinigt zwischen den Jahren 2000 und 2015 insgesamt um 6,2 Prozent zu. In der Gruppe der stabil Beschäftigten lag der Zuwachs bei etwas über sieben Prozent, während die Reallöhne bei den instabil Beschäftigten stagnierten (plus 0,3 Prozent).

Viele Jobwechsel

Verändert hat sich die Zusammensetzung der Gruppen. Vor allem Ausländer finden immer seltener stabile Jobs. Nur 44 Prozent der Ausländer hatten 2015 das ganze Jahr über eine Arbeit, 2000 waren es 53 Prozent. Bei den Österreichern sind es 72 Prozent, vor 15 Jahren lag der Wert bei 68 Prozent. Weil sie häufig von Job zu Job springen, fallen Ausländer oft um die jährliche Lohnerhöhung um.

Die Wifo-Zahlen zeigen zudem, dass die stark gestiegene Einwanderung aus den EU-Mitgliedsländern in Osteuropa, etwa aus Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Slowakei, Spuren hinterlassen hat. Die ausländischen Beschäftigten arbeiten häufiger im Tourismus, in der Landwirtschaft oder als Leiharbeiter. Mit der Öffnung des Arbeitsmarktes für Beschäftigte aus diesen Staaten ist es zu einem "Knick" in der Lohnentwicklung gekommen. Durch die Öffnung des Arbeitsmarktes ist es zu einem Anstieg des Arbeitskräfteangebots gekommen, was sich auf die Löhne auswirkt.

Die Reallöhne unter Beschäftigten mit nichtösterreichischer Staatsbürgerschaft sind seit dem Jahr 2000 um über drei Prozent gefallen, während sie für Österreicher um neun Prozent gestiegen sind. Das mittlere Bruttoeinkommen eines Österreichers war 2000 im Monat noch 270 Euro höher als das eines Ausländers. 2015 waren es schon 530 Euro.

Aussagen mit Vorsicht genießen

Die Wifo-Studie zeigt, dass Aussagen über die durchschnittliche Entwicklung der Reallöhne mit Vorsicht zu genießen sind. Denn hinter den Zahlen verbergen sich oft gewaltige Unterschiede. Viele Ausländer und Österreicher profitieren von den Lohnerhöhungen schlicht nicht mehr, weil das System auf einen stabileren Arbeitsmarkt ausgerichtet ist. Es profitieren jene, die fix und langfristig beschäftigt sind. Für zwei Drittel der Österreicher sind die Reallöhne zwischen 2000 und 2015 deutlich gestiegen, auch wenn die Finanzkrise 2009 für einen Dämpfer sorgte. Doch von diesem Trend am wenigsten profitiert haben junge Österreicher.

Auch Österreicher ohne Ausbildung, die also maximal eine Pflichtschule abgeschlossen haben, finden immer schwerer einen sicheren Job. Fast jeder Zweite, 46,5 Prozent, hatte 2015 keinen Job, in dem er das ganze Jahr über arbeiten konnte, entsprechend war hier die Lohnentwicklung deutlich verhaltener.

Die Interpretation der Zahlen ist laut Wifo-Ökonom Helmut Mahringer nicht ganz einfach. Denn nicht jeder, der instabil beschäftigt ist, hätte lieber eine durchgehende Beschäftigung – viele nutzen auch die Flexibilität gern, vor allem Jüngere und Akademiker.

Anderen bereitet es aber Kopfschmerzen. Die Politik könne ihnen helfen, so die Autoren, indem Betriebe, die viele Leute für kurze Zeit zum AMS schicken und dann wieder anstellen, mehr in die Arbeitslosenversicherung einzahlen müssen. (Andreas Sator, András Szigetvari, 27.5.2017)

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