"Old Man's Journey" im Test: Bittersüße Bilderbuchwanderung aus Wien

28. Mai 2017, 11:00
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Das Indie-Studio Broken Rules schickt einen alten Mann auf einen nostalgischen Ausflug

Schon immer waren die Spiele des Wiener Entwicklerstudios Broken Rules etwas Besonderes. Schon der Erstling "And Yet It Moves" spielte auf originelle Art und Weise mit Physik und Schwerkraft, "Chasing Aurora" sicherte sich als eines der ersten Spiele die Wii U als Plattform und das geheimnisvolle "Secrets of Raetikon" schickte Spielerinnen und Spieler in eine magische Alpenwelt. Für "Old Man’s Journey" (iOS, Android, Windows, Mac, ab 5,49 Euro) haben sich Felix Bohatsch und Clemens Scott von Broken Rules mit dem Visualisierungsstudio Salon Alpin zusammengetan – und ein kleines Kunstwerk geschaffen.

Denn das Erste, was förmlich ins Auge springt, ist die grafische Gestaltung, die es mühelos mit den Großen der Bilderbuchillustration aufnehmen kann. Wie hier eine idyllische Traumvision südfranzösischer Landidylle entsteht, sucht seinesgleichen und entlockt nicht nur jungen Spielerinnen und Spielern sofort ein Lächeln. Sanft rollende Hügel, malerische Städtchen, kleine Schafherden und atmosphärische Sonnenuntergänge erfreuen ebenso wie unzählige, liebevolle Details, hübsche Animationen und ein gelungener Soundtrack.

broken rules

Ein alter Mann wandert

"Old Man’s Journey" schickt einen alten, weißbärtigen Seemann auf Wanderschaft. Ganz zu Beginn erhält der rüstige Senior einen Brief, der sowohl der Anlass für die knapp zweistündige Wanderung als auch für ein Revuepassierenlassen seines Lebens wird. In fein animierten Standbildern entspinnt sich ganz ohne Worte Stück für Stück die Lebensgeschichte eines Mannes, dessen Weg immer wieder zwischen Heimat und Fernweh zerrissen war – ein bittersüßer Rückblick, der berührend ist, ohne in Kitsch abzugleiten.

Der zentrale Gameplay-Mechanismus ist dabei absolut originell geraten: Statt den Wanderer direkt zu steuern, lassen sich Hügel und Elemente der Landschaft anheben, ziehen und verschieben, bis ein Weg frei wird. In Kombination mit störrischen Schafherden, Wasserfällen und anderen Hindernissen ergeben sich so kreative, nie allzu schwierig werdende Aufgaben, die die Bilderbuchwelt und ihre Atmosphäre noch besser zur Geltung bringen.

Fazit

Auch wenn die absolut gelungene Grafik und Atmosphäre von "Old Man’s Journey" von der ersten Sekunde an überzeugen, ist es doch die Geschichte, die nach dem Ende der Wanderung im Gedächtnis bleibt. Wie sich hier auf leichtfüßige Art, gleichsam nebenbei eine melancholische, in Abschnitten traurige, dann wieder herzerwärmende Geschichte mit Tiefgang entfaltet, ist trotz der eigentlich herkömmlichen Mittel, mit denen erzählt wird, ein souveräner Beweis für die Einzigartigkeit von Spielen als narratives Medium.

"Old Man’s Journey" ist, auch wegen seiner relativen Kürze und Zugänglichkeit, ein perfektes Spiel für Zeitgenossen, die sonst nicht spielen – und somit als Geschenk für diverse Tablets älterer Familienmitglieder prädestiniert. Das bedeutet beileibe nicht, dass erfahrenere Spielerinnen und Spieler damit keine Freude hätten – im Gegenteil. Die zentrale Spielmechanik ist originell – und die Präsentation ist ebenso gelungen wie die Geschichte, die erzählt wird. Ein hübscheres, mit mehr Liebe gemachtes Spiel, noch dazu aus Österreich, hat man lange nicht mehr gesehen. (Rainer Sigl, 28.05.2017)

"Old Man's Journey" ist für Windows, macOS, Android und iOS erschienen. UVP: 5,49 Euro.

Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Testmuster wurde von den Entwicklern zur Verfügung gestellt.

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Old Man’s Journey

Nachlese

Berufsspieler: Videospiele können nicht erzählen – oder?

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