Von Ungarn nach Kanada und zurück: Fischen mit Mike

27. Mai 2017, 10:00
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Heute macht Europa die Grenzen dicht, und in Ungarn bauen sie einen Zaun. Nach dem Aufstand 1956 flohen selbst Hunderttausende, um ein besseres Leben in Freiheit zu haben. Zum Beispiel auch Mike DeVries

Mike steht an der Mole des Hafens von Siófok am östlichen Balaton, er wirft eine Angel aus, der untergehenden Sonne im Westen hinterher. Bald wird sie hier verschwinden, und sehr viel weiter westlich, über dem kanadischen Ontario, wo Mike DeVries 47 Jahre lang gelebt hat, wird sie dann aufgehen.

Siófok ist die "Stadt des ungarischen Sommers", aber jetzt, Ende April, ist es noch österreichisch kühl. Es hängen die Wolldecken noch über den Rattanmöbeln der Restaurants an der Promenade, und im Millenniumpark unweit des Hafens friert der wohl berühmteste Sohn der Stadt als Bronzefigur in seinem Musikpavillon vor sich hin: Operettenkomponist Emmerich Kálmán wurde hier 1882 als Imre Koppstein geboren, da war Siófok noch ein beschauliches Städtchen. Viele alte Villen zeugen noch von seinem einstigen Glanz, die Schriftsteller Gyula Krúdy oder Mór Jókai zum Beispiel wohnten hier. Heute aber ist Siófok der "Ballermann des Ostens", Ösis, Ungarn, Deutsche, Slowaken, Polen und partywütiges Volk aus anderen Ländern zieht es jeden Sommer hierher. Ganze Maturaklassen landen dann im Billigflieger und wohnen im Partyhostel, während sonnenbebrillte Ostmafiosi in unnatürlich großen Autos vorfahren und schon zu Beginn der Saison auffällig viel Testosteron im Schultergürtel mit sich herumtragen. Breitbeinig werden sie dann zum Strand latschen, und sie werden nichts wissen von der Welt, in die Mike DeVries hier 1943 hineingeboren wurde.

derstandard.at

Mustafa Schnitzel

Mike wirft einen zweiten Köder aus, eine Paste aus Sonnenblumenkernen und anderen Körnern, mit der er ein paar Karpfen fangen will, während seine Frau zu Hause schon mit den Zutaten für die Panier auf ihn wartet. Aber heute fängt keiner etwas, die ersten paar Angler ziehen schon ab und gehen hinauf in Richtung der "City", fahren mit ihren Rädern entlang des Millenniumparks, wo sich eine Gaststätte an die nächste reiht. Tagsüber hörte man hier ein paar Oststeirer oder Südburgenländer nach einem Schnitzel fragen, sie lasen aber in Leuchtschrift nur Mustafa Gyros, Mustafa Kebab, Mustafa Pizza, Mustafa Pub und Mustafa dies und das. "Da Mustafa baut da scheinbor a Monopol auf!", mutmaßte einer auf Oststeirisch oder Südburgenländisch. Aber am Ende zählte der Preis, und "der Türke" war auch unschlagbar günstig mit Schnitzel, mit Kesselgulasch sowieso. Hundert Meter weiter hatte übrigens ein gewisser Ramirez die gleichen kulinarischen Ideen wie "der Mustafa". Soll also keiner sagen, die Ungarn wären fremdenfeindlich in diesen Tagen und würden fleißigen Gastronomen aus fremden Ländern keine Chance geben. Es ist aber noch genug Platz für andere, denn auf vielen Häusern steht "Eladó" geschrieben – "Verkäuflich". Einer auf seiner Motocross-Maschine fuhr den ganzen Tag an diesen Schildern und an Mustafa vorbei und zeigte dabei seine Wheelies, und vielleicht hat er mit seinem Lärm ja die Karpfen ans andere Ufer hinüber verjagt?

Dorthin, wo Mikes Vorfahren unter Maria Theresia in der Gegend um Balatonfüred angesiedelt wurden, dem zweiten Partyhotspot am Balaton. Sie kamen aus Friesland und machten in Kircheneinrichtung, noch heute, sagt Mike, kann man auf vielen Bestuhlungen den Namen DeVries eingraviert lesen. Sie sind wahrscheinlich alle irgendwie mit Mike verwandt, die da nun um den See herum leben, aber wenn er und seine Gattin morgen mit einem befreundeten Ehepaar zusammen eine Umrundung des Sees machen werden, dann wird er mit den Augen eines Touristen schauen. Und Kaffee bei irgendwelchen Verwandten wird es nicht geben, weil er keinen von ihnen mehr kennt.

Mike entstammt einer Familie von Beamten, der väterliche Zweig war bei der Post, der Großvater, Ludwig DeVries, war für den Fuhrpark in Budapest zuständig. Der mütterliche Zweig war bei der Bahn beschäftigt, den Zweiten Weltkrieg überstanden sie ohne Verluste. "Wir hatten ein gutes Leben nach dem Krieg", sagt er, "I was happy." Zwar musste er an den 1.-Mai-Aufmärschen teilnehmen, weil er sonst Probleme gekriegt hätte, aber der kommunistischen Jugendorganisation KISZ trat er nie bei. Anders als Viktor Orbán, der heute das Land mit strenger Hand regiert. Er stammt aus Felcsút, einem kleinen Dorf, das heute den Fußballverein Puskás Ferenc Akadémia beheimatet. Puskás war Ungarns größter Kicker, anders als später Tibor Nyilasi, der es nur zur Austria geschafft hat, spielte er für Real Madrid. Am Abend zuvor besiegte der Puskás-Verein den Bodajk FC Siófok vor vielleicht 300 Zuschauer unter Flutlicht im heimischen Stadion mit 2:1, das Stadion liegt jenseits der Bahngleise in Richtung der City. Vom Fußballstadion des Vereins Puskás Akadémia wurde von einer Firma des Felcsúter Bürgermeisters, eines engen Freunds von Viktor Orbán, mit EU-Fördergeldern ein sechs Kilometer langer Bummelzug errichtet, der, so stand es im Standard, im Tagesdurchschnitt von 30 Leuten benutzt wird. Seit letztem Sommer ermitteln die obersten europäischen Betrugsbekämpfer von Olaf wegen "absichtlicher Falschangaben" zum Projekt. Hinter den Bahngleisen in Siófok, in den Parks nahe dem Wasserturm, sitzen ein paar Abgehängte herum und schlagen die Zeit tot.

Zufrieden, aber nicht frei

Als Kind erlebte Mike die vorsichtige Liberalisierung unter Imre Nagy, und bei deren Niederschlagung während des Ungarnaufstandes im Oktober 1956 war er 13 Jahre alt. Er und seine Freunde Bela und Joe hatten Maschinenpistolen und Handgranaten in den Bergen vor Buda gefunden, über die Donau führte eine Brücke hinüber nach Pest, die damals Stalinbrücke hieß und heute Árpádbrücke heißt. Von dort ließen sie eine Handgranate hinunterfallen auf Soldaten der russischen Besatzungsmacht, es war der 8. November 1956, erinnert sich Mike noch genau, vier Tage vorher war János Kádár an die Macht gekommen.

Sie waren Kinder und Abenteurer, die Russen und die Besatzung interessierten sie nicht, aber sie wurden festgenommen. Der Vater holte sie von der Polizei ab und brachte sie zur Mutter nach Siófok. "Die Sache schien erledigt", erzählt Mike, aber am 16. Jänner 1957 standen plötzlich zwei Zivilpolizisten vor der Türe und nahmen ihn und seinen Bruder mit nach Kaposvár, der Bezirkshauptstadt. Zehn Tagen später wurden sie dort zu fünf Jahren Haft verurteilt. Der Fachschüler Péter Mansfeld, der damals zwei Jahre älter war als Mike, wurde ebenfalls zu einer Haftstrafe verurteilt, mit Erreichen seines 18. Geburtstages wurde diese aber in eine Todesstrafe umgewandelt, und elf Tage später wurde er gehängt.

Mikes Leben hätte also damals schon zu Ende sein können, aber er und sein Bruder kamen Anfang Juni 1957 in ein Jugendgefängnis nach Kalocsa-City, wo sie eine Ausbildung machen konnten, Mike lernte Maschinist. Im Sommer, während der Ferien, marschierten sie jeden Tag zwölf Kilometer zu einer Paprikafarm, wo sie von neun bis 18 Uhr arbeiten mussten, dann wieder zwölf Kilometer zurück. Mike war ein Rebell, das Regime versuchte ihn in die Spur zu bringen. "But brainwash is for people who don't know better", sagt er lachend in gutem Englisch. Er aber wusste irgendwie immer, dass es ein anderes Leben geben müsse, eines in Freiheit. Hunderttausende andere Ungarn wollten das auch und flohen nach dem Einmarsch der Sowjets in den Westen.

Nach seiner Freilassung arbeitete Mike bis 1963 für die Motorradfabrik Danuvia, dort stellte er Kolben her für die Zweitaktmotoren mit 125 bis 175 cm3 Hubraum. An jener Kreuzung in Siófok, wo Mustafa heute seine Schnitzel verkauft, schoss ihn im August 1966 ein Lastwagen ab, als er auf einem Panonia-Motorrad unterwegs war, er erlitt 43 Knochenbrüche und lag sieben Monate lang im Krankenhaus. Nach seiner Entlassung fragte ihn ein Bekannter, der gerade in Budapest eine Fensterputzfirma gegründet hatte, ob er bei ihm arbeiten wolle. Mike schuftete zwölf bis 16 Stunden am Tag und verdiente mit 7800 Forint, "siebenmal so viel wie ein Minister". Er war zufrieden, aber nicht frei. "Ich war immer ein Abenteurer", sagt Mike. "Noch heute frage ich mich jeden Tag: Was wird kommen?"

Es kam, dass ein Freund sein Haus nahe Lénti direkt an der Grenze zu Österreich und Slowenien hatte. Als der ihn fragte, ob er mit ihm abhauen wolle, musste Mike nicht lange überlegen. Er erhielt auch eine Erlaubnis, mit dem Zug ins Grenzgebiet zu fahren, siebenmal wurde er während der Fahrt dorthin kontrolliert. Der Freund kannte jeden Grashalm, jeden Elektrozaun, jede Falle, jeden Wachturm in dieser Gegend, auf der anderen Seite der Grenze hatte ein Bauer seine Kühe und Pferde auf einem Feld, vielleicht war es ein Vorfahre der Oststeirer oder Südburgenländer, die heute bei Mustafa ihr Schnitzel aßen. Es war die Nacht auf den 14. Mai 1970, als Mike seinem Freund einfach hinterherlief, und drüben in der Freiheit empfing sie die Gendarmerie. "Schondarrmarie!", sagt Mike mit glänzenden Augen, und er beschreibt ihre grünen, noch nicht von Ernst Strasser ins Blaue umgewandelten Uniformen. Weil die "Schondarrmen" wegen zweier geflüchteter Ungarn nicht extra nach Wien fahren wollten, saßen Mike und sein Freund fünf Tage in einer Zelle, bis sie eine Busladung zusammenhatten und sie nach Wien gebracht wurden. Dort stellte Mike den Antrag, nach Kanada aufgenommen zu werden, denn dort hatte er einen anderen Freund, der bereits in Victoria, British Columbia, lebte.

Fünf Tage in einer Zelle

Von Wien aus kam er aber zunächst nach Traiskirchen, das damals voll war mit Ungarn, Jugoslawen, Polen, Albanern und anderen Flüchtlingen aus dem ganzen kommunistischen Osten. Manche waren "bad dudes", wie Donald Trump sie heute nennen würde, aber die meisten waren okay. Mike wollte aber mit allen nichts zu tun haben, sondern nur arbeiten, und als er erfuhr, dass man in einem Hotel Alexander am Semmering eine Hilfskraft suchte, fuhr er dorthin. Das Hotel gehörte einem orthodoxen jüdischen Rabbiner, erzählt Mike, und aus der ganzen Welt kamen seiner Erinnerung nach jüdische Feriengäste dorthin zum Verweilen. Besonders mochte Mike den Sabbat, denn da durften die Orthodoxen keinerlei Tätigkeit vollführen, manchmal riefen ihn 19-jährige Mädchen in ihr Zimmer und baten ihn, das Licht aufzudrehen, spannender wurde es, wenn er das Licht ausdrehen sollte.

Aber auch bei den jüdischen Mädchen blieb Mike nicht lange, am 13. Jänner 1971 nahm ihn ein Alitalia-Flug, der aus Rom gekommen war, in Wien-Schwechat auf und brachte ihn nach Montreal in Kanada. Über 300 Osteuropäer flogen mit ihm in Richtung "Land of the free", die USA waren das erklärte Ziel aller, nur Mike verließ den Flieger in Kanada. Dort brachte man ihn ins The Fairmont Queen Elizabeth Hotel, damals ein neuer 60er-Jahre-Prachtbau in Montreal. In Kanada waren Flüchtlinge immer willkommen, der freundliche Kellner sagte ihm, dass er à la carte wählen könne, Lachs, Kaviar, Hühnchen, alles! Aber da Mike die Sprache nicht verstand, deutete er mit dem Finger wahllos auf die Karte, freute sich auf seine erste Mahlzeit in Kanada und bekam – Bacon und Eggs.

"The next day", erzählt er mit Tränen in den Augen, "from Montreal, they put me on a train to Vancouver for seven days! There they put me on a bus!" Der Bus wurde auf ein Boot gefahren und brachte ihn auf eine Insel, und von dort erreichte er mit dem Schiff Victoria in British Columbia, wo der Freund auf ihn wartete. Drei Jahre lang nahm Mike Jobs mal für ein paar Wochen an, mal für ein paar Monate, er pflückte Obst oder half einem Bekannten, der Maler war. Der ging nach der Arbeit mit ihm und den anderen vier Kollegen immer ins Pub, aber Mike bestellte dann nur fünf Biere für die anderen und ging selbst wieder hinaus. Er wusste, dass sein Leben nicht gelingen würde, wenn er sich jeden Tag besoff wie die anderen, stattdessen besuchte er das George Brown College und lernte dort Flexodrucker. 1973 kaufte er sich einen 57er Pontiac für 75 Dollar und fuhr damit von Victoria nach Hamilton in Ontario, südlich von Toronto gelegen, wo er die nächsten 44 Jahre lang blieb. Er fing in der BEMIS-Druckerei an zu arbeiten, wo sie Verpackungen herstellten, sein Boss war Ire und sein Vorarbeiter ein Deutscher mit Namen Heinz Ludwig. Im The Black Forest Inn, das einem Österreicher gehörte und bekannt war für "Austrian, German, continental food", aß er beinahe jedes Wochenende Schnitzel, bei Denninger's Foods of the World, im Besitz einer weiteren Zuwandererfamilie aus Österreich, kaufte er ein. Von 1978 an kam er alle zehn Jahre zurück nach Ungarn auf Besuch, immer sechs Wochen im Sommer, den Winterurlaub verbrachte er in der Karibik. Als die "Ford Motor Company automobile factory" in Oakville, Ontario, einmal Arbeiter suchte, heuerte Mike dort im Urlaub für drei Wochen zur Probe an, aber er wollte nicht am Fließband stehen, und bezahlt hat Ford damals auch nicht so viel.

In Ungarn leben wie ein König

Er fuhr mit dem Pontiac also wieder zurück nach Hamilton, wo er 1983 eine Kanadierin heiratete, mit der er 1988 eine Tochter bekam. Aber die Lady "cheated on me with the Irish boss", sagt er, "so I let her go". Im Jahre 2000 entschuldigte sie sich bei ihm und räumte wehmütig einen Fehler ein, für sie war das Leben mit dem Iren nicht so gelaufen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Mit der Tochter hat Mike noch immer Kontakt, sie lebt mit der Mutter in Toronto.

Einmal wirft er die Angel noch aus, er hat in seinem Leben gelernt zu warten. Mit seiner Rente, die er sich aus Kanada überweisen lässt, lebt er hier wie ein König, nicht nur im Vergleich zu denen, die oben nahe dem Wasserturm im Park sitzen und die Zeit totschlagen. Viele in seinem Alter, sagt er, würden heute zehn Euro Unterstützung vom Staat bekommen, andere 90. Der Köder fliegt ein letztes Mal für heute der untergehenden Sonne hinterher in Richtung Westen, wo sie dann bald über dem Black Forest Inn in Hamilton, Ontario, wieder aufgehen wird. (Manfred Rebhandl, Album, 27.5.2017)

Manfred Rebhandl, geboren 1966, lebt als Autor in Wien. Er schreibt Krimis, Drehbücher und Reportagen u. a. für den Standard.

  • Beim Fischen lässt es sich gut erzählen: von der Jugend in Ungarn und vom Erwachsenenleben später in Kanada.
    foto: picturedesk

    Beim Fischen lässt es sich gut erzählen: von der Jugend in Ungarn und vom Erwachsenenleben später in Kanada.

  • Einmal wirft er die Angel noch aus, er hat in seinem Leben gelernt zu warten. Mit seiner Rente,  die er sich aus Kanada überweisen lässt, lebt er hier wie ein König.
    foto: manfred rebhandl

    Einmal wirft er die Angel noch aus, er hat in seinem Leben gelernt zu warten. Mit seiner Rente, die er sich aus Kanada überweisen lässt, lebt er hier wie ein König.

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