Monika Gintersdorfer: "Sie vertrauen auf ihre Smartness und Eleganz"

26. Mai 2017, 07:00
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Mit zwei Produktionen ist die Regisseurin heuer bei den Wiener Festwochen zu Gast. Ihre Gruppe La Fleur transferiert Honoré de Balzac in die Gegenwart, eine Bearbeitung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" feiert heute Premiere

"Kratzen" nennen es die Kindertänzer aus der Stadt Abidjan, wenn sie ihren Kunden in den Clubs entlang der Rue Princesse das Geld aus den Taschen locken. Sie kennen viele Techniken dafür – etwa den Glastanz oder den Zigarettentanz, bei denen sie besagte Gegenstände kunstvoll am Körper balancieren oder flink wirbeln lassen. Die Konkurrenz ist groß, und sie müssen einfallsreich sein. Die Straße lehrt sie das.

Erziehung heißt das Scharnier, das diese Überlebenskunst von der Elfenbeinküste mit Honoré de Balzacs Das Mädchen mit den Goldaugen verlinkt. In einem Betonbau wohnt der Tanz in Paris-Pantin. Hier hat Monika Gintersdorfer in den letzten Wochen mit ihrer noch kein Jahr alten Gruppe La Fleur für die Festwochen und zugleich als erste Produktion überhaupt eine Uraufführung nach der Erzählung des französischen Nationaldichters geprobt.

DJ statt Dandy

An dessen fast 200 Jahre alter Handlung – eine Mischung aus Stadtporträt, Sittengemälde und Schundroman – hantelt das Stück sich entlang, erzählt aber Lebenserfahrungen der Darsteller. Sein Titel Die selbsternannte Aristokratie spielt gewitzt auf die Blutsaristokratie bei Balzac an, meint aber ein heutiges Personal aus DJs, Sängern und Tänzern.

Warum diese Übertragung? Es gebe "viele Überschneidungen zwischen dem Verhalten der Figuren bei Balzac und den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite", erklärt Gintersdorfer bei einem Probenbesuch, "etwa in der Verquickung von Geld und Liebe, in der Verschwendung oder Strategien, wie man sich hocharbeitet".

Besagte Leute sind wie oft bei Gintersdorfer auch in diesem Fall Künstler von der Elfenbeinküste. Genauer: Akteure des Coupé Decalé. 2005 entdeckte sie den Musik- und Tanzstil, das war kurz nach seiner Erfindung Anfang des Jahrtausends in den Pariser Banlieues als Reaktion auf die für Zuwanderer harten Lebensumstände.

Die andere Seite des Chics

Eigentlich ist der Coupé Decalé eine ganze Philosophie. "Wir wollen nicht, dass unser Leben von Problemen gefressen wird, sondern werden ein System schaffen, in dem wir sein können, was wir wollen", beschreibt diese La-Fleur-Mitbegründer Franck Edmond Yao. "Du bleibst nicht auf dem Platz, auf den du von der Gesellschaft verwiesen wirst, sondern gehst dahin, wo du willst. Es geht darum, dass man das Zentrum der eigenen Welt wird." Und damit wären wir wieder bei Balzac, von dessen jungen Akteuren die einen Geld haben und die anderen nicht und die trotzdem beim selben, nämlich dem teuren Schneider bestellen.

Denn während sich in Europa heute eine Geiz-ist-geil-Mentalität durchgesetzt habe, das Ideal eines berechnenden Bürgers, eine Sparkultur und Abstiegsangst, seien die Ivorer "viel besser darin, an einem Tag aufzuwachen und nichts in der Tasche zu haben, aber zu sagen, am Abend werde ich was haben. Sie vertrauen auf die eigene Smartness und Eleganz", meint Gintersdorfer. Deshalb sei ihr Team "einem Balzac näher, der sich abrackern musste, der etwa auch Schulden und Gefängnis kennt". Eben die andere Seite dieser mythosbeladenen – Liebe! Chic! Eleganz! – Stadt.

Hoch produktiv

Die Mitglieder von La Fleur seien, darauf ist Gintersdorfer stolz, Solostars der Coupé-Decalé-Szene. Ordinateur etwa soll die schnellste Beine haben. Sie sind leidenschaftlich, wenn sie zu den Proben kommen, läuft die Begrüßung nicht ohne Küsschen ab, aber manche sind auch geschafft vom Nachtleben. "Die Menschen arbeiten die ganze Woche und geben dann, wenn sie ausgehen, alles aus. Die Leute, mit denen wir arbeiten, sind in der Situation, dass sie nicht dazugehören, aber dass sie die Leute, die dazugehören, bespaßen. Und so können sie sie beobachten und analysieren", sagt Yao.

In Afrika ist der Coupé Decalé riesig, in Europa ist die Szene eher Underground. Gitersdorfers Truppen sind relativ die einzigen, die ihn bisher in einen höherkulturellen Kontext bringen. Dabei ist er hochproduktiv: Tanzschritte ("Konzepte") werden laufend neu erfunden, sie behandeln die Vogelgrippe ebenso wie etwa ganz banal, dass jemand besonders dick ist. "Die Leute akzeptieren sich heute selbst nicht mehr, aber das System des Coupé Decalé lehrt dich, dich selbst zu mögen", so Yao. "Es geht darum, dass man die Angst oder das Leiden verarbeitet."

Liebesdiskurs mit Neukomposition

Mit ihrem deutsch-ivorischen Ensemble gemeinsam mit Knut Klaßen zeigt Gintersdorfer schon ab heute eine für das Theater Bremen entstandene Arbeit. Auch Les Robots ne connaissent pas le Blues oder Die Entführung aus dem Serail bearbeitet einen Hochkultur-Klassiker, und erst war Gintersdorfer skeptisch, da Mozarts als "Türkenoper" bezeichnetes Opus vor allem von Liebespaaren handle. "Das ist nicht gerade, was wir bisher gemacht haben. Wir arbeiten eher mit Thesen als mit Beziehungen." Doch hat sie durch Benedikt von Peters Vorschlag, die Liebe als "bürgerliches Konstrukt" zu handhaben, einen Zugang gefunden.

wiener festwochen

Auf formaler Ebene spielt man damit, dass es in Afrika kaum Opernhäuser gibt. "Die Mozart-Musik war meiner Gruppe also nicht bekannt, sie hatte keine Vorstellung davon und damit ein neues Hören." Es wurde für das Projekt zudem Musik in anderen Stilen komponiert, die sich diskursiv darauf beziehen. Die Arbeit mit den klassisch ausgebildeten Sängern und Musikern (Camerata Salzburg) sei jedenfalls weniger "starr" gewesen als anfangs angenommen. (Michael Wurmitzer aus Paris, 26.5.2017)

Die Reise erfolgte auf Einladung der Wiener Festwochen.

"Les Robots ne connaissent pas le Blues oder Die Entführung aus dem Serail" am 26., 27. und 28.5.

"Die selbsternannte Aristokratie" am 1., 2. und 3.6.

  • Kleider machen Leute, damals im Paris Balzacs wie auch heute.
    foto: la fleur

    Kleider machen Leute, damals im Paris Balzacs wie auch heute.

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