"The Surge" im Test: "Dark Souls" mit Robotern

25. Mai 2017, 10:59
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Forderndes Action-Rollenspiel bedient sich mit beiden Händen an From Softwares Kultspielen – und beweist damit eher deren Brillanz

Hidetaka Miyazaki, Mastermind hinter den "Souls"-Spielen und "Bloodborne", hat etwas Unglaubliches geschafft: Wie aus dem Nichts hat seine Vision vom Actionrollenspiel sich quasi ein eigenes Genre geschaffen. Dass diese absolut nicht massenkompatiblen, oft bewusst obskuren und sprichwörtlich gnadenlosen Spiele inzwischen ebenso Kult wie zu Bestsellern geworden sind, war und ist angesichts aller gegenläufiger Trends ein kleines Wunder.

Wo Erfolg ist, lassen auch die Nachahmer nicht auf sich warten: Nach diversen kleineren Titeln wie "Salt & Sanctuary" hat "Nioh" Anfang des Jahres bewiesen, wie ein inspirierter Hochglanz-Epigone aussehen kann. Mit "The Surge" (Windows, PS4, Xbox One, ab 49,99 Euro) wagt sich nun ein Studio ans Genre, das schon Erfahrung mit der Zweitverwertung des "Souls"-Erbes hat: "Lords of the Fallen" hieß das Fantasy-Rollenspiel des deutschen Entwicklers Deck13, das von der Kritik mit der Bezeichnung "‘Dark Souls’ light" eher gemischt angenommen wurde. Für den deutschen Entwicklerpreis 2014 und den deutschen Computerspielpreis für das beste Spiel 2015 hat es allerdings gereicht.

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Im Nahkampf mit Roboterzombies

"The Surge" lässt nun das Fantasy-Setting hinter sich und verlegt die Handlung in die Zukunft. Als einer der wenigen Überlebenden einer sich erst im Spielverlauf erklärenden Katastrophe finden sich Spielerinnen und Spieler allein in Industrieruinen und müssen sich im Nahkampf gegen Zombies in Exoskeletten und wildgewordene Drohnen und Roboter bewähren. Von zerstörten Industriehallen führt der Weg bis zu Hightech-Schauplätzen – Schusswaffen bekommt der Held allerdings bis zum Ende des Spiels nicht in die Hand.

Wer die Spielmechaniken der "Souls"-Reihe kennt, findet sich sofort zurecht: Statt Lagerfeuern gibt es Upgradestationen, an denen kleinteilig an Ausrüstung, Waffen und Charakter-Outfit geschraubt werden darf, der Tod wirft einen dorthin zurück – dabei verlorengegangene Währung muss bei jedes Mal wiederauferstandenen Gegnern am Ort des Todes eingesammelt werden. Die Schauplätze sind verwinkelt und lassen sich über freischaltbare Abkürzungen schneller durchqueren, am Ausgang steht ein übermächtiger Oberboss, der besiegt werden will, bevor es ins nächste Gebiet weitergeht.

Taktische Zerstückelung

So weit, so gut geklaut. Dass der Nahkampf mit den unterschiedlichen Waffen dabei nicht ganz so virtuos und abwechslungsreich wie im großen Vorbild ausfällt, wird durch eine der einzigen echten Innovationen von "the Surge" etwas gemildert: Per Lock-on lassen sich gezielt einzelne Körperteile der meist menschenähnlichen Gegner anvisieren und mit einem letzten Schlag abtrennen. So können wertvolle Waffen, Rüstungsteile oder auch nur mehr Craftingmaterial eingesammelt werden. Alternativ können die WIdersacher auch per Attacken auf ungepanzerte Körperteile schneller besiegt werden; dann lassen sie allerdings meist kein Material fallen. Eine weitere kleine, aber entscheidende Innovation: Die eingesammelte Währung lässt sich im Unterschied zu "Souls" & Co auch bunkern, was dem Tod und dem möglichen Verlust mit sich herumgetragener Reichtümer etwas die Schärfe nimmt.

Ein Kinderspiel ist "The Surge" aber in zweifacher Hinsicht nicht. Zum einen bleiben die Kämpfe auch gegen normale Gegner stets herausfordernd, zum anderen sorgt die exzessive Gewalt samt Zeitlupen-Amputationen für jede Menge Splatter. "Souls"-Veteranen freuen sich aber bei allem Schwierigkeitsgrad darüber, dass dank der erwähnten cleveren Levelarchitekturen samt Shortcuts die – unweigerlich wiederholten – Fußmärsche zu den Endgegnern meist recht zügig zu erledigen sind.

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Generische Zukunft

In Sachen Präsentation ist "The Surge" ein zwiespältiges Vergnügen. Animation und Grafik sind solide geraten, auch das Environmental Storytelling trägt mit gut gesprochenen Texten, animierten Anzeigetafeln und liebevollen Details zur Atmosphäre bei. Dass die erzählte Geschichte zunächst verwirrend und schlussendlich eher banal ist, passt gut zum Leveldesign: Obwohl die erforschbare Science-Fiction-Welt in einzelnen Szenen recht hübsch und vom Aufbau her sinnvoll verwinkelt ist, bleiben doch auch endlose Kilometer von gesichtslosen Metallgängen, Stahltreppen und öde Industriehallen wenig positiv im Gedächtnis. Dass die sechs großen Gebiete wieder und wieder durchquert werden müssen, um zur Upgradestation zurückzukehren – ein Teleport existiert nicht -, macht diese Einförmigkeit nicht charmanter.

Was aber schwerer wiegt, ist, dass auch das Gameplay im Verlauf der etwa 25 Stunden Spielzeit kaum abwechslungsreicher wird als in den ersten Ausflügen. Dank Zwang zum Farming und limitierter Charakterspezialisierung mutiert der zugrundeliegende Gameplay-Loop allzu oft zum wenig aufregenden Grinding – bis man auf bislang unbekannte Gegnertypen stößt oder den mächtigen Endgegner gegenübertritt.

Fazit

Wer sich derart eindeutig an einem Kultspiel bedient, muss sich auch den Vergleich damit gefallen lassen – und der fällt nicht unbedingt schmeichelhaft für "The Surge" aus. Wo sich bei "Dark Souls" eine dunkle, mythische Geschichte aus Fragmenten zusammenfügt, stolpert im Science-Fiction-Nachahmer eine eher platte Story an ihr Ende; wo From Softwares Spiele mit taktischem Kampf mit einer Unzahl an spielerischen Variationsmöglichkeiten für Abwechslung sorgen, regiert in "The Surge" solider, aber nicht herausragender Kampf mit großem Fokus auf Farming; und während Miyazakis Fantasie die ohnedies ikonische mittelalterliche Mythologie durch eine ganz eigene, düstere Menagerie an Horrorgestalten und einzigartigen Bossen bereichert, verblassen auch Gegner, Waffen und Setting des Herausforderers zu wenig inspirierter Science-Fiction-Meterware.

Das klingt vernichtender, als es gemeint ist. "The Surge" ist tatsächlich ein grundsolides Spiel, das versucht, einer bewährten Formel etwas Neues hinzuzufügen – und damit auch zum überwiegenden Teil Erfolg hat. Sein Unglück ist nur eins: dass es sich Spiele als Vorlage gewählt hat, die auf vielerlei Ebenen außergewöhnlich und brillant sind.

Freunde der "Souls"-Reihe, aber auch Einsteiger, die mit den berüchtigten Originalen wenig anfangen konnten, werden dem deutschen Epigonen dank größerer Zugänglichkeit und kleinen Milderungen durchaus etwas abgewinnen können. "The Surge" ist ein überdurchschnittliches Spiel, das in seiner ganz speziellen Nische durchaus seinen Platz verdient hat – und ein großer Schritt vorwärts von "Lords of the Fallen". Das Warten auf den großen, wahren "Souls"-Erben ist allerdings mit diesem Spiel noch nicht beendet. (Rainer Sigl, 25.05.2017)

"The Surge" ist für Windows, PS4 und Xbox One erschienen: UVP: ab 49,99 Euro.

Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller bereit gestellt.

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The Surge

Nachlese

Nioh im Test

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