Shpock-CEO Baumann: "Es geht nicht um ein sorgloses Leben"

27. Mai 2017, 09:00
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Zwei Jahre Teammitglied, dann plötzlich Chef: Shpock-CEO Bernhard Baumann über Start-up-Klischees, Herausforderungen und seine Ziele

Wer den neuen CEO von Shpock, Bernhard Baumann, im Wiener Tech Tower besucht, muss ihn im Großraumbüro unter den Angestellten suchen. Eh klar: Start-up-Spirit. Diese Kultur sei es auch gewesen, die Baumann vor vier Jahren von der Boston Consulting Group zu einem der mittlerweile größten heimischen Start-ups brachte. Für Schlagzeilen sorgte der virtuelle Marktplatz für Gebrauchtes – Shpock steht für "Shop in your pocket"– zuletzt mit dem Einstieg des norwegischen Medienkonzerns Schibsted, der nun 91 Prozent hält und dafür eine siebenstellige Summe bezahlt haben soll. Innerhalb eines Jahres wuchs das Team von 60 auf 130 Mitglieder an, die aus etwa 30 Nationen kommen. Die 1750 Quadratmeter im Wiener Tech Tower werden deswegen bald zu klein für die weiter wachsende Mannschaft.

foto: urban

STANDARD: Herr Baumann, Sie haben Ihren Wechsel in den Start-up-Kosmos damals mit dem speziellen Spirit, der dort vorherrscht, begründet. Was heißt das konkret?

Baumann: Mir gefällt, dass in einem Start-up Teammitglieder vom ersten Tag an viel Verantwortung bekommen und selbst anpacken. Das beginnt schon damit, dass man sich bei uns an Tag eins den eigenen Schreibtisch selbst zusammenbauen muss. Es ist aber auch dieses Hungrigsein – nicht mit dem Status quo zufrieden zu sein, immer mehr erreichen und sich verbessern zu wollen. Wichtig ist für mich außerdem, dass es sich beim Team nicht um eine Ansammlung von Einzelpersonen handelt. Und last but not least auch die Flexibilität: Wir haben zwar eine Richtung, in die wir gehen wollen, aber was gefordert ist, kann sich jederzeit ändern.

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STANDARD: Wer sorgt dafür, dass trotz rasanten Wachstums der Spirit bleibt? Gibt es dafür einen Chief-Spirit-Officer?

Baumann: Nein, ich denke, so etwas kann nicht organisatorisch erzwungen werden. Wir versuchen die beschriebene Stimmung den Neuen vorzuleben. Außerdem versuchen wir die richtigen Leute zu rekrutieren – da fängt es an. Beim Recruiting ist uns die Einstellung wichtiger als bestimmte Skills. Und auch ein enger Zusammenhalt ist wichtig – das Großraumbüro hilft uns dabei. Spaß darf natürlich nicht zu kurz kommen. Die Leute hier sind mehr als nur Arbeitskollegen, es entstehen Freundschaften, und wir fördern das auch mit verschiedenen Aktivitäten wie gemeinsamem Sport oder Weggehen.

STANDARD: Also durchaus auch eine Portion des Klischees, das man von Start-ups hat: alle per du, Tischtennis spielen in der Pause ...

Baumann: Das Klischee, dass es sich bei Start-ups nur um einen Haufen junger Leute handelt, die Spaß zusammen haben, ist zu kurz gegriffen. Es geht nicht um ein sorgloses Leben, wo es alle lustig haben und sich das Label Start-up auf die Brust heften können, sondern darum, gemeinsam etwas zu erreichen. Das ist in manchen Phasen auch sehr anstrengend.

STANDARD: Die Co-Gründerin Katharina Klausberger sagte in einem STANDARD-Interview, dass es eine der größten Herausforderungen sei, die richtigen Teammitglieder zu finden. Viele seien nicht motiviert genug.

Baumann: Ja, passende Leute zu finden ist schwierig. Unser Team ist nicht dadurch so international, weil wir so viele Nationen wie möglich einsammeln wollten. Oft war es eine Notwendigkeit auch im Ausland zu suchen, um Leute zu finden, die zu uns passen, unsere Motivation und Energie teilen.

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STANDARD: Ab Juli soll durch Änderungen bei der Rot-Weiß-Rot-Card zumindest der Zugang zum heimischen Arbeitsmarkt für Fachkräfte aus dem Ausland erleichtert werden. Und auch sonst steht das Thema Start-ups ja politisch gerade auf der Agenda. Nicht zufrieden?

Baumann: Die gestiegene Aufmerksamkeit ist gut. Wir müssen nur beobachten, ob es nicht auf einer kommunikativen Ebene hängenbleibt. Bewertet werden muss schlussendlich, was wirklich umgesetzt wird und welche nach haltigen Verbesserungen es gibt. Da ist noch nicht so viel passiert.

STANDARD: Zur Eröffnung des Runtastic-Büros kamen Bundeskanzler Kern und Außenminister Kurz. Stehen Sie auch im Austausch mit Politikern?

Baumann: Unsere Gründer treffen sich immer wieder mit Vertretern verschiedenster Parteien. Das Ökosystem für Start-ups ist besser geworden, das merkt man durchaus.

STANDARD: Ich nehme an, die Entscheidung, die Informatik-Studienplätze zu begrenzen, sehen Sie weniger positiv.

Baumann: Das geht in eine völlig falsche Richtung, denn auf diese Weise wird es noch schwieriger, Arbeitsplätze der Zukunft – vor allem im Bereich Entwicklung zum Beispiel – zu besetzen.

STANDARD: Was muss geschehen, damit das gewährleistet werden kann?

Baumann: Neben ausreichenden Studienplätzen geht es auch um eine allgemeine Aufwertung dieser Berufsfelder. Hier sollte es Initiativen geben, damit so früh wie möglich schon Interesse bei Kindern oder Jugendlichen geweckt wird. Wien darf sich außerdem nicht auf dem Ruf ausruhen, die lebenswerteste Stadt zu sein. Zu einem Tech-Hub ist die Stadt nämlich trotz vieler Verbesserungen noch nicht geworden. Deswegen gehen die wenigen gut ausgebildeten Leute zu oft ins Ausland. Diesen Trend kann man mit erfolgreichen Start-ups umkehren.

STANDARD: Welche Ziele haben Sie sich als CEO gesetzt?

Baumann: Wir möchten der erfolgreichste Marktplatz in Europa sein. Außerdem sollen sich unsere Teammitglieder weiterhin verwirklichen und weiterentwickeln können. Und natürlich Shpock als mobile Plattform für noch mehr Werbepartner etablieren.

STANDARD: In welcher Währung wird Erfolg bei Shpock gemessen? Downloads, Userzahlen? Gewinn?

Baumann: Da gibt es mehrere relevante Kennzahlen. Zunächst ist es die Anzahl aktiver Nutzer, und zum Zweiten ist natürlich auch die Profitabilität ein wichtiger Faktor. Wir sehen, dass derjenige, der das beste Produkt hat und die meisten Nutzer bedient, auch profitabel wird. Den Schritt kann man nicht umgekehrt machen.

STANDARD: Zahlen bezüglich der Nutzung oder Downloads sind leicht zugänglich – die Geschäftszahlen scheinen hingegen fast ein Geheimnis zu sein.

Baumann: Einerseits könnten Wettbewerber diese Informationen gegen uns benützen. Und dadurch, dass wir Teil von Schibsted sind, gibt es sehr klare Auflagen, was kommuniziert werden darf und was nicht. Bei einem Konzern, der an der Börse ist, können wir als Shpock allein nicht selbstständig Finanzzahlen offenlegen.

Zur Person:

Bernhard Baumann (35) ist seit Jänner 2017 CEO von Shpock, wo er zuvor zwei Jahre lang für das Marketing verantwortlich war. Zwischen 2007 und 2014 arbeitete der Tiroler bei der Boston Consulting Group.

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