Traum von Raum für ORF-Räte: Ein Sitzungssaal für 800.000 oder mehr

24. Mai 2017, 07:00
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Wie die obersten ORF-Gremien künftig tagen – und wie sie Journalisten fernhalten

Wien – Zwischen brutalen Mimosen, vertagten Channel-Managern und fast abgesagten Newsroom-Bauprojekten ging die Summe beinahe unter: Kostet der neue Sitzungssaal für den Stiftungsrat und den Publikumsrat des ORF tatsächlich 850.000 Euro?, wollte Publikumsrat Andreas Kratschmar vom ORF-General wissen. Gute Frage – und was bekommt man eigentlich für das Geld? Eine Spurensuche auf dem Küniglberg.

1. Das Geld

Wrabetz ließ die Summe im Publikumsrat unkommentiert stehen. Nach STANDARD-Infos soll das Budget für den Sitzungssaal-Komplex 850.000 Euro betragen, Quellen im ORF sagen, man komme eher mit 800.000 Euro aus. Es gibt aber auch Menschen im ORF und seinen Gremien, die den Komplex auf 1,2 oder mehr Gesamtkosten schätzen. Kommt immer darauf an, was man einberechnet.

2. Der Komplex

Schon bei den 800.000 soll es nicht alleine um den Sitzungssaal alleine gehen. Vielmehr um den Sitzungssaal selbst mit Zuhörerbereich für die öffentlichen Sitzungen des Publikumsrats, aber etwa auch um einen kleineren, auch technisch schmuck ausgestatteten Saal für Pressekonferenzen, aber auch für Besprechungen oder Präsentationen mit Menschen, die sich nicht ganz frei im ORF bewegen sollen.

3. Wir dürfen nicht hinein

Womit wir schon beim neuen Trennungsgrundsatz in Sachen ORF-Gremien wären: Der nicht ganz billige Komplex um den Sitzungssaal soll auch zwei weitestgehend getrennte Sektoren umfassen – einen für die Stiftungsräte (oder auch Publikumsräte) des ORF, und einen anderen für die über die Sitzungen berichtenden Journalisten – bis hin zu jeweils eigenen WCs und Garderoben. Es klingt, als würde der alte Traum einiger maßgeblicher Stiftungsräte und mancher ORF-Manager bauliche Realität, die Journalisten möglichst vom Gremium und seinen Mitgliedern fernzuhalten.

4. Studio-Atmosphäre

Kennen Sie Stuart Veech? Doch, Sie kennen Veechxveech – aus dem ORF-Fernsehen. Oder von Al-Jazeera. Oder von Servus TV. Das Designstudio am Wiener Rudolfsplatz entwirft für den ORF zumindest seit 2002 Studiolandschaften wie jene der "ZiB", der ORF1-News, der ORF-Magazine, des ORF-Sport, den Uefa-Tower bei der Fußball-EM 2008 für den ORF, aber auch das Nachrichtenstudio des Mateschitz-Kanals und Möblage des Red Bull Media House, zudem Studios von Al Jazeera in London und gleich das ganze Studiogebäude des Quatarfunks in Doha.

foto: veechxveech.com screenshot arbeiten
Arbeiten von Veechxveech auf deren Webseite – darunter viele TV-Studios von Al Jazeera über ORF bis Servus TV.

Der amtierende Vorsitzende des Stiftungsrats, Lotterien-Vorstand Dietmar Hoscher, kennt Veechxveech auch aus seiner Berufswelt: Das Foyer des Lotterien-Hauptquartiers und das Loft des Lotterien-Studio 44 wurde ebenfalls am Rudolfsplatz entworfen.

5. Ein coriantisches Auge

Die Stiftungsräte werden künftig an einem ziemlich gigantischen Möbelstück von Veechxveech über ORF-Generaldirektoren und -Direktoren abstimmen, über Budgets und Programmschemata des ORF, und über große unternehmerische Fragen wie das 303-Millionen Projekt eines rundumsanierten ORF-Zentrums.

Ein gewaltiger, ovaler Tisch aus dem nicht ganz günstigen Material Corian, mit etwas Leder etwas kuscheliger gemacht, dürfte den nicht kleinen Sitzungssaal gut ausfüllen. Das Oval könnte eine Anspielung auf das traditionsreiche ORF-Augenlogo sein.

Dass das Ding womöglich auch noch versenkbare Minibildschirme für jeden Platz bieten wird, ist eher zu bezweifeln – aus Extrakostengründen. Das Setting klingt in seinen beeindruckenden Dimensionen auch ohne Screens nach einer Mischung aus Kampfstern Galactica, James Bond jagt Dr. No und Zentralkomitee. Nur schicker und moderner.

6. Gremiale Größe

Der ORF dürfte eher nicht von einer merklichen Verkleinerung seiner Aufsichtsgremien ausgehen – auch wenn die Idee durchaus auch amtierenden Medienministern zu gefallen scheint, die neuwahlbedingt nun keine ORF-Enquete mehr schafften. Der Tisch, da divergieren die Angaben wieder ein wenig, soll 42 bis 45 Menschen Platz bieten. 35 Mitglieder hat der Stiftungsrat derzeit, 30 der Publikumsrat, dazu Mitglieder der Geschäftsführung und des Gremienbüros. Weniger Räte hätten es dann halt noch ein bisschen luftiger am großen Oval, vorerst muss man Plätze und (auch nicht günstige) Bestuhlung für die volle Besetzung ordern – Aufsichtsräte spielen nur ungern Reise nach Rom.

7. Fass mit neuem Boden

ORF-General Alexander Wrabetz antwortete Kratschmar am Dienstag wie berichtet etwas allgemeiner mit: "Wir verblasen hier kein Geld." Der neue Sitzungssaal sei ein Kompromiss mit dem Bundesdenkmalamt für eine moderne Gestaltung. Man wollte vermeiden, die Roland-Rainer-Einrichtung nach der Gebäudesanierung "in Handarbeit wieder zusammenzubauen".

Der Sitzungssaal liegt im sechsten Stock des großen Haupttraktes auf dem Küniglberg, der erste Teil der Sanierung des ORF-Zentrums mit einigen Erkenntnissen unterwegs: Statt budgetierten 53 Millionen Euro inklusive Reserven wurden es nun laut Wrabetz rund 60 Millionen. Diese 15 Prozent Mehrkosten für den Haupttrakt werde es bei den übrigen Objekten nicht geben. Wrabetz: "Das ist kein Fass ohne Boden."

Es ist sogar eines mit neuem Boden: Der Estrich musste auch komplett erneuert werden. Auch wenn ORF-Klausuren schon darüber rätselten, wer eigentlich den Auftrag dafür gegeben hat – zumindest der Teil des Sanierungsprojekts wirkt recht logisch (und er war eher nicht der kostspieligste): Wer ernst zu nehmende Zwischenwände entfernt, sollte eben auch den Boden erneuern. (fid, 24.5.2017)

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