Flüchtling ist nicht gleich Flüchtling

26. Mai 2017, 08:00
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Dilemma zwischen Menschenrecht und juristischen Barrieren

Wien – Die wachsende Zahl der Flüchtenden stellt die gesellschaftlichen Institutionen bekanntlich vor große Herausforderungen. Insbesondere die soziale Arbeit werde deshalb in Zukunft eine entscheidende Bedeutung im Asylkontext bekommen, sagt Karin Scherschel. Die Soziologin von der Hochschule Rhein Main in Wiesbaden ist derzeit Sir-Peter-Ustinov-Gastprofessorin zur Erforschung und Bekämpfung von Vorurteilen am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und hielt vor kurzem an der Fachhochschule Campus Wien einen Vortrag zum Thema.

"Das stößt aber an Grenzen, da soziale Arbeit immer auch an nationalstaatliche Lenkungsinteressen gebunden ist", sagt Scherschel. Damit bewege sich Sozialarbeit in einem Spannungsfeld – zwischen dem universalistischen Anspruch, jeden Hilfsbedürftigen zu unterstützen, und dem rechtlichen Rahmen, den der Staat vorgibt und in dem dann auch nicht Flüchtling gleich Flüchtling ist.

Strenge Regeln

In Deutschland etwa bekommen nur Personen Zugang zu Sprachkursen, wenn sie aus bestimmten Herkunftsländern stammen oder eine sogenannte Bleibeperspektive haben. In Österreich sind die Hürden zur Integration noch strenger, und auch der Zugang zum Arbeitsmarkt wird massiv eingeschränkt. Asylwerbern ist nur befristete Saison- oder selbstständige Arbeit erlaubt.

Irene Messinger, Politikwissenschafterin von der FH Campus Wien, fasst die Problematik zusammen: "Ihnen stehen vor allem körperlich anstrengende, gefährliche und marginalisierte Arbeitsbereiche offen, die zudem jene sind, in denen Ausbeutungsverhältnisse und Prekarisierung eher Norm als Ausnahme sind."

Somit ist es auch immer häufiger Aufgabe der Sozialarbeiter, den Betroffenen erklären zu müssen, warum ihnen die soziale Teilhabe verweigert wird – angesichts unterbesetzter Aufenthaltseinrichtungen und nicht ausreichend geschulten Personals eine oft überfordernde Aufgabe.

Neue Klientel

Messinger verweist zudem darauf hin, dass sich in Zukunft die Klientel ändern werde: "Durch die Vorverlagerung von Migrationskontrollen in Transit- und Herkunftsländer und andere Maßnahmen wird entschieden, welche Flüchtlinge nach Europa kommen können. Dies bedeutet, dass indirekt eine Selektion nach Geschlecht, Alter, Herkunftsländern Bildung und finanziellen Ressourcen vorgenommen wird. In der Praxis werden letztlich junge, internetaffine oder anderweitig gut vernetzte Männer die besten Chancen bei informellen Grenzüberwindungen haben."

Somit stellen sich durch die aktuelle Asylsituation Fragen, die zur Selbstreflexion zwingen. Scherschel: "Ein allzu romantisierendes Verständnis von sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession wird im Asylkontext auf eine Bewährungsprobe gestellt, weil die Menschenrechte hier an ihre Grenzen stoßen."

So seien seit 1945 diese Rechte zwar weitgehend institutionalisiert und die asylrechtlichen Standards juristisch verbessert worden. Jedoch machen sich die Staaten derzeit daran, diese universellen Prinzipien zu renationalisieren: "Der Zugang zu Menschenrechten wird erschwert. Wie und ob die Mehrheit Zugang zu diesen Rechten bekommt – dieser Kampf wird gerade an den Grenzen geführt." (lau, 26.5.2017)

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