Max von Liechtenstein: "Verteilungsdebatten sind wichtig"

    Interview26. Mai 2017, 12:00
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    Ineffiziente Systeme sind für Prinz Max von Liechtenstein eine Ursache für die Probleme der EU. London schreibt er trotz Brexits nicht ab

    STANDARD: Sie sind seit 2006 Vorstandsvorsitzender der Bank LGT Group und haben die Finanzkrise und die folgenden Umwälzungen in der Branche in voller Wucht mitbekommen. Gerade kommen Sie aus London, wo der Brexit die Finanzbranche ganz besonders sorgt. Langweilig wird Ihnen nicht, oder?

    Liechtenstein: Wir sind heute als Unternehmen in einer wesentlich stärkeren Position als vor zehn Jahren. Wir konnten unsere Marktposition signifikant ausbauen. Daher fühlen wir uns zum heutigen Zeitpunkt wesentlich wohler. In London ist die Stimmung getrübt. Die Unsicherheit darüber, wie der Brexit konkret aussehen wird, ist groß. Ein breiter Konsens herrscht darüber, dass Neuwahlen die richtige Entscheidung von Theresa May waren. Jetzt ist es Aufgabe der Politik, den gesetzlichen und regulatorischen Rahmen zu setzen.

    STANDARD: Was bleibt von London nach dem vollzogenen Brexit?

    Liechtenstein: Die Stadt bleibt attraktiv. Sie hat großartige kulturelle Angebote. Das Interesse, etwa aus Asien, an Immobilien ist ungebrochen. Abschreiben würde ich London nicht.

    STANDARD: Und Europa gesamt?

    Liechtenstein: Europa hat viele positive Aspekte, aber auch massive Probleme und in Summe eher ineffiziente, schlecht funktionierende politische Systeme. Auch nicht nachhaltig finanzierte Sozialsysteme, suboptimale Steuersysteme und eine hohe Verschuldung. Diese Situation macht mir Sorgen. Mit Ausnahme des Reformschubs in Deutschland unter Schröder oder in Spanien nach der Krise begeistert mich die Entwicklung in Europa in den vergangenen 15 Jahren nicht.

    STANDARD: Da wird Sie Österreich ja ganz traurig machen ...

    Liechtenstein: Auch in Österreich könnte die Lage meines Erachtens besser sein. Die Konsequenzen zeigen sich in der wirtschaftlichen Entwicklung und in der politischen Polarisierung, die letztendlich eine Folge von zunehmenden Problemen ist.

    STANDARD: Stichwort Polarisierung: Neben politischen und technischen Umwälzungen gibt es auch geldpolitisch einige Unbekannte. Welche Faktoren sind für Investitionsentscheidungen relevant?

    Liechtenstein: Für Investoren ist es immer wichtig, sich ein Gesamtbild zu verschaffen und dann die verschiedenen Faktoren zu gewichten. Wir versuchen Abhängigkeiten von einzelnen Technologien oder politischen Entwicklungen zu reduzieren, indem wir systematisch diversifizieren.

    STANDARD: Abhängigkeit reduzieren ist gut und schön. Aber wir haben oder hatten richtungsweisende Wahlen, in Europa und in den USA. Daran kommen Ihre Kunden doch gar nicht vorbei.

    Liechtenstein: Natürlich. Aber Politik ist immer schwierig einzuschätzen. Wir haben jetzt 30 Prozent unseres Privatkundengeschäftes in Asien, wir sind in Österreich und England präsent und mit Liechtenstein und der Schweiz auch außerhalb des EU-Raums. Um politische Risiken zu reduzieren, hilft eine gute Diversifikation – das gilt für Unternehmen genauso wie für unsere Kunden im Anlagebereich.

    STANDARD: Auch in Österreich haben Sie mittlerweile 100 Mitarbeiter, sind also kräftig gewachsen. Wie ticken die Kunden hier?

    Liechtenstein: Unsere Kunden in Österreich bestehen zu zwei Dritteln aus österreichischen Kunden und zu einem Drittel aus Kunden aus Zentral- und Osteuropa. Letztere tragen in ihren Heimatländern ein höheres Risiko und legen ihr frei verfügbares Vermögen daher bei uns tendenziell weniger risikoreich an. Wer hingegen in Österreich ein Vermögen aufbaut, trägt ein geringeres Risiko im Land und ist deshalb bereit, risikoreichere Investments zu tätigen.

    STANDARD: Apropos Risiko: Die Börsen feiern Höchststände. Sehen Sie die Gefahr von Blasen?

    Liechtenstein: Alle Anlageklassen sind heute sehr hoch bewertet. Im historischen Kontext betrachtet ist sicher mehr Potenzial nach unten gegeben als Luft nach oben. Am extremsten ist es wahrscheinlich im Immobilienbereich.

    STANDARD: Sie haben nicht nur wohlhabende Privatkunden, sondern auch naive österreichische Bundesländer als Kunden. Salzburg hat sich offensichtlich alle möglichen Währungsspekulationsgeschäfte einreden lassen und jede Menge Geld verloren, weswegen das Land Salzburg die LGT verklagt hat. Was kam heraus?

    Liechtenstein: Das hatte nichts mit Naivität zu tun, sondern mit schlechtem Investment- und Risikomanagement des Landes Salzburg. Wir waren eine von vielen Banken, die Fremdwährungsgeschäfte ausgeführt haben. Das waren teils recht aggressive Strategien mit hohem Risiko. Wir haben uns mit Salzburg verglichen.

    STANDARD: Salzburg hat auf 7,3 Millionen Franken geklagt, die LGT zahlte dem Bundesland 800.000 Euro. Haben sich die Salzburger aus Ihrer Sicht typisch österreichisch verhalten und wollten den bösen Bankern die Schuld an dem Debakel umhängen?

    Liechtenstein: Es ist verständlich, dass in einem Schadensfall nach möglichen Schuldigen gesucht wird. Aber für das Problem waren nicht die Banken verantwortlich.

    STANDARD: Bankenprobleme haben dazu geführt, dass die Finanzwelt einige fundamentale Veränderungen erlebt hat. Die Österreicher, die Schweizer und die Liechtensteiner haben sich unter Druck quasi vom Bankgeheimnis verabschiedet. Was hat sich dadurch für Ihr Geschäft geändert?

    Liechtenstein: Das war ja nur ein Thema. Noch wichtiger war sicher die Finanzkrise. Diese Veränderungen waren für alle Banken, die im Private Banking oder im institutionellen Asset-Management tätig sind, tiefgreifend. Das Wettbewerbsumfeld hat sich stark verändert. Ich denke, wir dürfen zufrieden sein, wie wir diese Herausforderungen gemeistert haben.

    STANDARD: Waren diese regulatorischen Veränderungen richtig?

    Liechtenstein: Darüber könnte man lange philosophieren. Es stellt sich in diesem Zusammenhang immer wieder die Frage der Ausprägung der Bürgerrechte im Vergleich zu den Staatsrechten. Ich komme aus einem recht liberalen Umfeld, das die starken Bürgerrechte gern verteidigt und eine zu komplexe Gesetzgebung und Regulierung ablehnt. In Liechtenstein haben wir, ähnlich wie in der Schweiz, eine starke direkte Demokratie mit ausgeprägten Bürgerrechten, und wir bemühen uns um eine möglichst einfache Gesetzgebung. Damit sind wir die letzten Jahrhunderte extrem gut gefahren und haben das Gefühl, dass der mündige Bürger verantwortungsvoll damit umgehen kann und Unternehmen sich in diesem Umfeld besser entwickeln.

    STANDARD: Haben Sie aufgeholt, was an Geldern abgeflossen ist?

    Liechtenstein: Ja, und mehr als das. Wir konnten die Kundenvermögen in den letzten fünf, sechs Jahren verdoppeln. Das ist eine positive Entwicklung, die wahrscheinlich viele Leute überrascht hat.

    STANDARD: Die Vermögen der Wohlhabenden haben sich in den letzten Jahren positiver entwickelt als die Einkommen, was zu Umverteilungsdebatten geführt hat. Neiddebatten oder Reichenbashing nannten Kritiker das. Zu Recht?

    Liechtenstein: Es ist eine wichtige Debatte. Wie viele bin ich der Ansicht, dass die Verteilung nicht optimal ist. Die Frage nach möglichen Lösungen ist aber nicht einfach. Durch extreme steuerliche Umverteilungen allein wird eine Veränderung nicht zu schaffen sein, wie die Erfahrungen in Frankreich zuletzt gezeigt haben.

    STANDARD: Welche Ideen haben Sie stattdessen?

    Liechtenstein: Wir engagieren uns zum Beispiel stark im Bereich Impact Investing und sind philanthropisch tätig. Die Hauptverantwortung über die Regelwerke liegt bei den Politikern. Aber jede Organisation und jede Person kann auch in diesem Bereich einen Beitrag leisten und trägt daher eine gewisse Mitverantwortung. (Regina Bruckner, 26.5.2017)

    Prinz Maximilian von und zu Liechtenstein wurde 1969 in St. Gallen als zweiter Sohn des heutigen Fürsten, Hans Adam II., geboren. Seit 2006 ist er Vorstandschef der LGT Group, seit 2007 ist die Bank in Österreich aktiv.

    • LGT-Chef Prinz Max von und zu Liechtenstein sieht in steuerlichen Verschiebungen allein keine Lösung für Umverteilung.
      foto: regine hendrich

      LGT-Chef Prinz Max von und zu Liechtenstein sieht in steuerlichen Verschiebungen allein keine Lösung für Umverteilung.

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