Die Wurzeln des Unbehagens vor dem Älterwerden

25. Mai 2017, 08:00
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Eine langlebige Gesellschaft muss sich auf vielen Ebenen mit Alter und Altern auseinandersetzen – auch aus Perspektive der Kulturwissenschaften

Graz – Jemanden unverblümt nach seinem Alter zu fragen gilt als ruppig. Bei jungen Leuten folgen dann nicht selten umfangreiche Erklärungen, warum man trotz seines Alters erst auf einer bestimmten Sprosse der Karriereleiter steht, die Älteren verweisen gerne auf ihr inneres Alter, was den üblen Klang der genannten Jahreszahl relativieren soll. Warum haben so viele Menschen Probleme mit ihrem Alter? Weil in unserer Gesellschaft die Jugend verklärt und das Alter verachtet, verschleiert und ausgegrenzt wird, meinen Ageismus-Forscher.

In Anlehnung an "Rassismus" oder "Sexismus" beschreibt "Ageismus" dieses gesellschaftliche Phänomen, das vor allem im englischsprachigen Raum zu einem wichtigen Forschungszweig geworden ist. Im Deutschen hat sich dafür der Begriff Altersdiskriminierung eingebürgert. Er bezeichnet soziale und ökonomische Benachteiligungen von Einzelpersonen oder Gruppen aufgrund ihres Lebensalters.

Einklagbare Gesetzesverstöße

Seit 2004 ist in Österreich das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in Kraft, das unter anderem jede Diskriminierung einer Person aufgrund ihres Alters verbietet. Entsprechende Beschwerden häufen sich in den vergangenen Jahren, insbesondere in Hinblick auf den Zugang älterer Menschen zum Arbeitsmarkt, zu Waren oder bestimmten Dienstleistungen.

Wenn Pensionisten beispielsweise ab einem gewissen Alter der Überziehungsrahmen auf null herabgesetzt oder die beworbene Ratenzahlung verweigert wird, liegen einklagbare Gesetzesverstöße vor. Aber das sind nur die am deutlichsten sichtbaren Symptome einer von Ageismus durchdrungenen Gesellschaft.

Im Bereich der Kulturwissenschaften gehen die Ageing-Studies der Frage nach unserem kulturellen Verständnis von Alter und Altern nach. Welche sozialen Machtstrukturen und kulturprägenden Erzählungen unsere Ideen vom Alter formen, wurde kürzlich auf einer internationalen Konferenz in Graz diskutiert.

Alter und Scham

An die 250 Wissenschafter von 125 Universitäten weltweit kamen auf der von der Karl-Franzens-Universität, der Medizinischen Universität Graz und dem European Network in Aging Studies organisierten Großveranstaltung zusammen, um ihre Forschung zum Thema Alter und Altern zu präsentieren. Darunter auch die Grande Dame der Ageismus-Forschung, die amerikanische Essayistin und Aktivistin Margaret Morganroth Gullette. Sie brachte einen Begriff in die Diskussion ein, der die tiefe Verwurzelung von Ageismus in unserer Gesellschaft bis in deren Unterbewusstes zu verfolgen hilft: die Scham.

Wie kann einem das eigene Alter peinlich sein? Warum schämen sich alte Menschen auch noch, wenn sie schlecht und respektlos behandelt werden? "Das Schamgefühl ist eine Autoimmunerkrankung der Psyche", sagt Gullette. Es stelle sich ein, wenn unser psychischer Schutzschild durchbohrt wird.

Neoliberales Ideal

Die Altersscham scheint mit dem heute gesellschaftlich erwünschten Sollzustand eines Menschen zusammenzuhängen – "jung, dynamisch, flexibel, belastbar" ist das neoliberale Ideal, dem der Durchschnittsbürger mit zunehmendem Alter allerdings immer weniger entspricht.

Um aus der Opferrolle herauszukommen, müsse diese Scham aber bewusst gemacht und überwunden werden, fordert Gullette. Als Beispiel für einen mutigen Widerstandsakt gegen diese vom latenten Ageismus der Gesellschaft genährte Scham führte Gullette die Reaktion jenes 69-jährigen Arztes an, der vor einigen Wochen von Security-Männern gewaltsam aus einer überbuchten United-Airlines-Maschine gezerrt wurde.

Seine Weigerung, das Flugzeug zu verlassen, bezahlte der Passagier mit zwei ausgeschlagenen Zähnen, einer gebrochenen Nase und einer Gehirnerschütterung. Dennoch schaffte es der Arzt mit vietnamesischen Wurzeln in die Passagierkabine zurück. Im Netz, wo sich die Szene rasch verbreitete, vermuteten viele Menschen Rassismus hinter der brutalen Behandlung. Ageismus, so Gullette, kam niemandem in den Sinn.

Entlarvende Sprache

Wie tief die Missachtung des Alters sitzt und welche Vorurteile sich oft unbemerkt in unseren Köpfen eingenistet haben, zeigt sich auch in der Sprache. So hat das Attribut "alt" oft die Funktion, ohnehin abwertend gemeinte Begriffe noch weiter zu verstärken. In der Alltagssprache und den Medien wimmelt es von Negativfloskeln wie "Überalterung" oder "demografische Zeitbombe".

Wie eine Gesellschaft mit ihren älteren Mitgliedern umgeht, zeigt sich auch in der Gestaltung von öffentlichem Raum. So befasst sich etwa die Amerikanistin Ulla Kriebernegg von der Universität Graz in ihrer Forschung mit der Verschränkung von Alter und Raum in amerikanischen Filmen und Gegenwartstexten. Als Vorsitzende des European Network in Aging Studies und Organisatorin von "Aging Graz 2017" arbeitet sie seit Jahren daran, die Alternsforschung auch in Österreich zu verankern. (Doris Griesser, 25.5.2017)

  • "Jung, dynamisch, flexibel" gilt als das gesellschaftliche Ideal. Wenn Menschen diesem im Alter nicht mehr entsprechen, erfüllt das viele mit Scham, und sie verfallen in eine Opferrolle, sagen Altersforscher.
    foto: picturedesk/mint images

    "Jung, dynamisch, flexibel" gilt als das gesellschaftliche Ideal. Wenn Menschen diesem im Alter nicht mehr entsprechen, erfüllt das viele mit Scham, und sie verfallen in eine Opferrolle, sagen Altersforscher.

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