STANDARD-Redakteure und ihre Reiseerlebnisse in den USA

    11. Juni 2017, 08:00
    145 Postings

    Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten trifft man auf launige Grenzer, Cowboys ohne Pferde und redegewandte Ranger. Sechs STANDARD-Redakteure über ihre Reisen in die USA

    Irgendwo in Iowa

    "With or without you." Auf einer Raststätte an der Interstate 80 trällerte Busfahrer Matthew diese Warnung ins Mikro. Der Chauffeur des Greyhound nach Chicago mochte U2. Was er nicht mochte, war warten. Wäre ich nicht nach exakt zehn Minuten wieder im Bus gesessen, wäre er weitergefahren – auch ohne mich.

    Irgendwo in Iowa zu stranden ist in etwa so vergnüglich, wie nackt in eine Regenbogenfahne gehüllt an einem Pegida-Aufmarsch teilzunehmen. Der Bundesstaat im Mittleren Westen ist zwar bekannt für die Erfindung des Traktors und den Anbau von Mais, aber eben auch für seine großen Vorkommen an Neonazis. Also beschloss ich, mir die Beine besser erst im bunteren South Side Ghetto in Chicago zu vertreten, und saß nach nur drei Minuten wieder im Bus.

    "Hi, ich bin Steve. Woher kommst du?", fragte mich der neue Nachbar. Ganz nach ÖBB-Logik war ihm in einem halbleeren Fahrzeug der Sitzplatz neben mir zugeteilt worden. "Austria", antwortete ich wahrheitsgemäß – und er darauf zwar radebrechend, aber in deutschem O-Ton: "Osterreik? Cool, ik bin auch Nazi!"

    Gleich zwei frisch tätowierte Hakenkreuze auf seinen Unterarmen hielten mich damals nicht davon ab zu entgegnen: "Wir sind aber keine mehr. Ihr habt uns ja entnazifiziert!" Er nur darauf: "Ooooh, wie schade. Aber viel wichtiger: Wie gefällt dir Iowa?" Einserfrage: Was war das? Meinungsfreiheit oder einfach nur deppert? Man weiß es nie so genau in den USA.

    Sascha Aumüller ist Reise-Redakteur im RONDO.

    foto: getty images/istockphoto/pictore

    Cowgirl sein in Texas

    Texaner, die etwas auf sich halten, besitzen eine Ranch. Der Dresscode ist simpel: Camouflage-Jacken und -Hosen (sehr unvorteilhaft) hängen in der Garderobe, klobige Stiefel, die vor Schlangenbissen (Klapperschlangen) schützen, stehen bei der Haustüre bereit. Auf schöne Cowboystiefel muss man also verzichten, ein Cowboyhut geht immer.

    Hier lebt der Cowboy-Mythos – auch wenn wir heute mit einem Pick-up-Truck anstatt eines Pferdes auf den steinigen Wegen unterwegs sind. Ein Gewehr liegt für den Fall des Falles auf dem Rücksitz bereit. Die handliche Pistole wird im Fall des Falles sogar von zittrigen Seniorinnen souverän zum Erschießen von Schlangen verwendet, wird uns stolz erklärt. Für die zartbesaitete Europäerin interessanter ist der Metalldetektor auf dem Rücksitz, denn die Butterfield Overland Route für Postkutschen führte vor 150 Jahren quer über das Anwesen in Richtung Westen. Bis heute finden sich Teile von Zaumzeug, Pfeilspitzen und beim Graben leere Whiskeyflaschen unter der Erde.

    Wir begegnen den ganzen Tag keiner Menschenseele. "Jemand, der unerlaubt unsere Ranch betritt, kann nichts Gutes im Schilde führen", wird mir erklärt, als wir uns später mit dem Truck auf die Suche nach dem Kojoten machen, der hier sein Unwesen treibt. Nun müssen wir ganz leise sein. Für den Rest des Abends hören wir dann nur noch den Pick-up-Truck jaulen – und keinen Kojoten. Aber morgen ist auch noch ein Tag.

    Franziska Zoidl ist Redakteurin im Immobilien-Ressort.

    foto: getty images/istockphoto/estt

    Leidenschaft im Grand Canyon

    "The crazy ranger who raves and rails": Ich höre ihn immer noch, als wäre es gestern gewesen. Vor 27 Jahren besuchte ich – als Auftakt einer Reise rund um die Welt – den Grand-Canyon-Nationalpark und ging am Abend, noch bevor ich ins Tal abstieg, zu einem Vortrag über das geologische Weltwunder. Was als Zeitvertreib für einen einsamen jungen Reisenden gedacht war, wurde zum intellektuellen Erlebnis: So aufregend, so leidenschaftlich hat weder vorher noch nachher irgendjemand trockene Naturphänomene erklärt wie dieser US-Bundesbedienstete das Entstehen des Grand Canyon durch die Wasserkraft des Colorado-Flusses. Das Geheimnis von dessen Schönheit: kein Regen. "Stellen Sie sich dieses Tal einmal grün und nicht rot vor. Schrecklich. Niemand würde sich die Mühe machen, an diesen entlegenen Ort zu reisen."

    Auch bei späteren USA-Reisen habe ich Vorträge und Führungen erlebt, die intelligenter und spannender waren als irgendwo sonst in der Welt. Im Colorado National Monument, einer weiteren steinernen Traumlandschaft, erläuterte ein pensionierter Geologe einer kleinen Besuchergruppe so liebevoll die Millionen Jahre alten Schichten wie ein Meisterkoch sein Gericht oder ein Maler sein Gemälde. Auch in Kunstmuseen sind viele Führungen für Laien hochinteressant. Die plakative, theatralische Sprechweise, die Amerikaner bereits in der Schule lernen und die bei Europäern oft für Schmunzeln oder Befremden sorgt, ist für Touristen ein echtes Vergnügen.

    Eric Frey ist Chef vom Dienst.

    Bild nicht mehr verfügbar

    Absurdes Theater in Arizona

    Mit US-Grenzbeamten spaßt man bekanntlich nicht. Als wir nicht lange nach 9/11 mit einer Freundin unserer Töchter nach Florida flogen, brockte uns eine unbedachte Bemerkung der jungen Dame ("War nur ein Scherz") ein unerquickliches Verhör ein, in dem wir glaubhaft machen mussten, dass wir sie nicht entführt hatten. Immerhin trug sie ja einen anderen Nachnamen als der Rest der Gruppe, was uns der Grenzer übelwollend als klares Entführungsindiz auslegte.

    Guad is's gangen, nix is gschehn, Grenzübertritte in die USA können sich aber auch ernster gestalten. Ich hatte einmal Gelegenheit, gemeinsam mit einem kompetenten und freundlichen Officer in der zwischen Mexiko und den USA geteilten Stadt Nogales in Arizona zwei Tage hinter die Kulissen des US-Grenzmanagements zu schauen. Mitten durch Nogales zieht sich ein aus alten Stahlplatten zusammengestückelter Behelfszaun, über den unablässig Glückssucher aus dem Süden in den gelobten Norden klettern wollen. Wer es schafft, wird von der US-Grenzwache aufgegriffen, nach diversen Kriterien sortiert (M = Mexicans, OTMs = Others than Mexicans etc.) und nach Mexiko zurückverfrachtet, von wo aus er den nächsten Versuch unternimmt. Absurdes Theater ist nichts dagegen.

    Eine Gouverneurin hat einmal bemerkt, wenn man eine zehn Meter hohe Mauer baue, nütze das vor allem einem Menschenschlag: den Produzenten von elf Meter hohen Leitern. Daran wird auch Trump nichts ändern.

    Christoph Winder, ALBUM-Redakteur, schreibt Kolumnen und Einserkastln.

    foto: getty images/istockphoto/emyu

    Schlürfen in Kalifornien

    Gut, die berechtigte Angst vor den Mühen einer Einreise in die USA ist mit der Wahl von Donald Trump eher nicht gesunken. Aber man muss ja auch nicht zwingend im erzkonservativen Texas landen. Als Empfehlung für einen smoothen USA-Einstand gilt der Flughafen in Las Vegas. Da darf man auf die Frage, ob man mehr als 10.000 Dollar mit sich führt, auch ungestraft sagen: "I wish I would." Da war tatsächlich der Ansatz eines Lächelns im schnauzbärtigen Gesicht des Beamten!

    Hält sich die Lust auf Sodom und Gomorrha in Grenzen, ist es nur ein Katzensprung nach Kalifornien. Der Hinweis, dass man aus dem Geburtsland Arnold Schwarzeneggers stammt, der von Trump als Gottseibeiuns eingestuft wird, öffnet im Golden State Tore zu Gesprächen, die nicht nur an der Oberfläche kratzen – selbst am Muscle Beach bei Los Angeles.

    Mit etwas Glück kommt die Freundin auf dem Roadtrip mit einer amerikanischen Freundin ins Plaudern, deren Eltern im Weinbaugebiet Napa Valley arbeiten. Die checken den Unbekannten eine gemeinsame Weinverkostungstour, entscheiden aber spontan, dass der Weißwein noch besser an der wilden Meeresküste im Norden schmeckt. Dass auf dem Weg dorthin eine Austernfarm liegt, kann kein Zufall sein. Also landen sechs Dutzend der schlüpfrigen kleinen Scheißerchen auf dem Barbecue. Schlürfen statt schürfen. Und am Abend, während das Meer rauscht, wird darüber sinniert, dass d' Leut auch in den USA durchs Reden zusammenkommen.

    David Krutzler ist Redakteur im Ressort Chronik.

    Bild nicht mehr verfügbar

    Große kleine Welt in Missouri

    Der junge Mann – Bart, grobkarierte Flanelljacke, Base ballcap ... Hipster oder Hinterwäldler? – hat es sich bequem gemacht am Empfangsschalter des Motels, am Bildschirm läuft irgendeine Talkshow mit einer Wasserstoffblondine und einem Betonfrisurtyp als Gastgeber. Als er merkt, dass ich mich nähere, springt er schnell auf: "Hi, ich bin Dave, Ihr Nachtmanager. Was kann ich für Sie tun?"

    So rasch, wie er die Funktionsweise der Münzwaschmaschine erklärt hat, so schnell hat er auch seine Lebensgeschichte erzählt, die sich bisher fast ausschließlich hier in Jefferson City – ein paar Ampeln, viel Gegend – abgespielt hat. "Nominell sind wir hier in der Hauptstadt des wunderbaren Bundesstaats von Missouri, aber tatsächlich sind wir mitten im Nirgendwo", sagt Dave fröhlich und zieht draußen in der kalten Nacht genussvoll an seiner Zigarette. "Aber weißt du, was? Ich liebe dieses Kaff, und ich liebe diesen Job. Ich war nur einmal in Florida und einmal in Maine ... Familienzeugs. Nein, danke, das hat gereicht!"

    Nachdenklich streicht er sich durch den Bart. "Ich bin 34 und müsste eigentlich wie alle meine Freunde wegwollen von hier. No, Sir! Die Welt kommt zu mir! Ich liebe die Geschichten der Trucker und Geschäftsleute, die jede Nacht hier durchkommen. Und wenn sie nichts reden, dann kann ich in ihren Gesichtern lesen. Nein, mein lieber Freund aus Europa, ich bleibe hier, ist schon okay. Das ist mein amerikanischer Traum."

    Gianluca Wallisch ist stellvertretender Ressortleiter Außenpolitik (red, 11.6.2017)

    Share if you care.