Fehler und Schäden im Medizinbetrieb sind menschlich

    22. Mai 2017, 13:59
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    Vergessen, übersehen, verwechseln, missverstehen – das seien die Gründe für Fehler. Über Risikomanagement sprechen Experten anlässlich der Österreichischen Ärztetage

    Grado – Billige Ärzteromane oder Ärzte-TV-Serien huldigen zumeist medizinischen Superhelden. Die Realität sieht anders aus. "Ein guter Arzt, der macht keinen Fehler – das ist Illusion", sagt Hans Härting zum Auftakt der Österreichischen Ärztetage in Grado. Er ist AUA-Pilot und im Lufthansa-Konzern verantwortlich für Notfalls-, Sicherheits- und medizinisches Training der Cabin Crews.

    Härting hat in den vergangenen Jahren gemeinsam mit dem Wiener Gynäkologen Norbert Pateisky ein eigenes Risikomanagementprogramm aufgebaut, in dem die Erkenntnisse aus der Luftfahrt auf die Medizin umgelegt werden. Ein Kernpunkt dieser Philosophie, wie Härting sagt: "Fehlermachen ist normal. Aber wir müssen sicherstellen, dass nichts passiert."

    Von Ärzten und Piloten

    Kommunikation, strukturierte Teamarbeit über Berufsgruppen hinweg, sichere Wege zur Entscheidungsfindung, Bewusstsein, in welcher Situation man sich gerade befinde, und Führungsqualitäten seien im ärztlichen Handeln genauso sicherheitsrelevant wie in der Luftfahrt. "Ich habe eine Berufsberechtigung für sechs Monate. Dann gehe ich vier Stunden in den Flugsimulator trainieren. Und dann muss ich eine vierstündige Prüfung machen. Das System stellt sicher, dass es sicher ist", sagt Pilot Härting. Verbindliche und rigoros durchgesetzte Regelungen seien ein wesentlicher Bestandteil des Risikomanagements im Flugverkehr.

    Die in Arztordinationen und in Spitälern zunehmend beklagte "Dokumentationswut" sei nicht das Um und Auf im Qualitätsmanagement. "Bei uns ist es wichtig, dass die Dokumentation stimmt. Aber wichtiger ist, was an Bord geschieht", so Härting. Man müsse Checklisten und Handlungsleitlinien möglichst einfach machen, ebenso die "Papierarbeit". "Checklisten müssen so eingeführt werden, dass sie Sinn machen. Wir haben die Lösungen. Die Frage ist aber, wie bringen wir sie (in das Denken der Handelnden und das System; Anm.) hinein?"

    Vergessen, übersehen, verwechseln, missverstehen

    Entscheidend seien oft nicht die katastrophalen Auswüchse von Fehlverhalten, nicht "die Spitze des Eisbergs". "Nur zehn Prozent der Fehler verursachen Schäden. Wichtig wäre, was unter der 'Wasserlinie' passiert. Was schief gehen kann, wird schief gehen", betont der Risikomanagement-Experte. Vergessen, übersehen, verwechseln, missverstehen – das wären die Hauptgründe für Fehler und Schäden im Medizinbetrieb.

    Technische Gebrechen seien in den seltensten Fällen die Ursache von potenziell katastrophalen Fehlern. Das sei seit Jahrzehnten für praktisch alle Systeme belegt. Härting: "Im Ersten Weltkrieg war nur an zwei Prozent der Flugzeugabstürze der Feind schuld. Zu sechs Prozent war es die Technik, zu 92 Prozent der Mensch." An diesen Relationen habe sich in komplexen Systemen nichts geändert. Deshalb sollte auch hinterfragt werden, ob die Medizin-lastige ärztliche Fortbildung den Sicherheitsanforderungen gerecht werde. Hier sollten eben vor allem Kommunikation und Teamarbeit trainiert werden.

    Ständige Dienstbereitschaft und Erschöpfung

    Gleichzeitig sei das Selbstverständnis der Ärzte mit vorbehaltloser ständiger Dienstbereitschaft bis zur Erschöpfung und darüber hinaus gefährlich. "Wenn Sie hungrig sind, zornig waren oder müde sind – dann tun Sie am besten gar nichts. Sie schädigen zu hundert Prozent den Patienten und Sie schädigen zu hundert Prozent sich selbst", betont der Pilot.

    Härting zitiert die Analyse aus einer chirurgischen Abteilung in einem österreichischen Spital auf 5.511 Operationen: Insgesamt betrug die "Revisionsrate" (neuerlicher Eingriff wegen Problemen; Anm.) 2,7 Prozent und lag damit im Normbereich. Bei einer Dienstzeit des operierenden Arztes bis zu 13 Stunden betrug diese Rate 2,5 Prozent, bei einer Arbeitszeit bis zu 24 Stunden dann 3,6 Prozent, bei einer Dienstzeit bis zu 24 Stunden dann 4,8 Prozent.

    Chronische Selbstüberschätzung bei Männern

    Schließlich müsse man auch zutiefst menschlichen Verhaltensweisen begegnen, welche Risiken in sich bergen können. "Wir haben bei den 45- bis 55-jährigen Männern die chronische Selbstüberschätzung als Fehlerquelle identifiziert", sagt Härting mit Verweis auf die erfahrensten Piloten. Auch die Einstellung "Wenn Dich jemand über etwas fragt, von dem Du keine Ahnung hast, dann sag etwas! Wirke informiert, dynamisch", sei inadäquat und führe zu Fehlern. Schließlich müsse auch das jüngste oder hierarchisch am weitesten hinten gereihte Teammitglied wissen, dass es Verdachtsmomente sofort publik machen dürfe und solle. (APA, 22.5.2017)

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