Job- oder Freizeitstress? Burnout-Erkrankungen steigen

22. Mai 2017, 23:06
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Der gefühlte Zeitdruck im Job ist gesunken, die Zahl an Burnout-Erkrankungen gestiegen. Betriebe sehen sich als Schauplatz, nicht als Ursache psychischer Probleme

Wien – Viele Österreicher empfinden Arbeit weniger seelisch belastend und aufreibend als noch vor zehn Jahren. Auch das Gefühl, unter massivem Zeitdruck zu stehen, hat abgenommen. Nicht in dieses harmonische Bild fügen sich Statistiken über Krankenstandstage infolge schwerwiegender psychischer Probleme wie Burnout ein. Sie haben in der Arbeitswelt erheblich an Brisanz gewonnen.

Dieses Resümee zieht die Arbeiterkammer Oberösterreich auf Basis ihrer aktuellen Befragung unselbstständiger Erwerbstätiger. Elf Prozent gaben an, dass ihr Job sie sehr belaste. Zehn Jahre zuvor waren dies noch 19 Prozent gewesen. Ein Viertel der Arbeitnehmer klagt über den permanenten Zeitdruck. 2007 tat dies noch jeder Dritte.

Warum führt höheres subjektives Wohlergehen im Beruf nicht per se zu weniger psychischen Erkrankungen, sondern letztlich zu mehr? Viele Menschen haben sich an die Schnelllebigkeit gewöhnt, da das rasante Tempo mittlerweile alle Bereiche des Lebens, auch die privaten, erfasst habe, ist Ifes-Chef Reinhard Raml überzeugt.

Der Leidensdruck ist aus Sicht des Marktforschers nicht geringer geworden. Das zeigten allein die Reaktionen des Körpers. Viele jedoch erlaubten es sich nicht mehr, berufliche Belastung als außergewöhnlich wahrzunehmen.

Jeder Dritte gefährdet

Wegen Burnouts schon einmal im Krankenstand waren gut sechs Prozent der Befragten. Das Risiko, in einen hineinzuschlittern, sieht jeder Dritte, erhob Ifes. Fast ebenso viele kennen Fälle von Burnout im eigenen Betrieb. Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind marginal. Anfälliger dafür sind jedoch Arbeitnehmer mit geringer Schulausbildung.

"Psychische Belastungen im Job sind sichtbar und verstecken sich nicht", sagt AK-Präsident Johann Kalliauer. Es ließe sich rechtzeitig gegensteuern – sofern nicht lasch, zögerlich reagiert werde. Und das sei bei der seit 2013 gesetzlich vorgeschriebenen Evaluierung psychischer Belastungen derzeit immer wieder der Fall, klagt er. "Das ist keine bürokratische Schikane."

Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik der Wirtschaftskammer, lässt das auf den Betrieben nicht sitzen. Klar sei die Evaluierung anfangs aufgrund der ausufernden Bürokratie auf wenig Akzeptanz gestoßen. Mittlerweile aber habe sie sich eingespielt. "Die Gesundheit der Mitarbeiter zu erhalten, zählt zu den ureigensten Interessen eines Arbeitgebers."

Doppelbelastung

Diesen den Großteil der Verantwortung für psychische Erkrankungen zuzuschieben, hält Gleitsmann für unzulässig. "Der Job ist zwar Schauplatz eines Burnouts, aber selten die Ursache." Familie, Gesellschaft, Freizeit spielten eine nicht minder wichtige Rolle.

Anders als früher werden psychische Krankheiten heute meist besser erkannt, diagnostiziert und behandelt. Die Arbeitskräfte werden im Schnitt älter. Vor allem für viele Frauen nimmt die Doppelbelastung zu, sagt Helmut Hofer, Experte des Instituts für Höhere Studien. "Auch wenn man mit dem Job zufrieden ist – der Anspruch an sich selbst ist gestiegen."

Seiner Erfahrung nach hat sich der Druck in der Arbeitswelt auf hohem Niveau eingependelt. Viele Reserven seien mittlerweile aufgebraucht, die Effizienz habe sich erhöht. "Weitere Restrukturierungen schaffen Stress."

Die Arbeiterkammer macht ein Grundübel im großen Ausmaß an Überstunden aus. Auf gut 300 Millionen kommen die Österreicher unterm Strich im Jahr. Das ist ein Spitzenwert in Europa.

Der Ifes-Studie zufolge machen 52 Prozent der Arbeitnehmer gelegentlich und 17 Prozent häufig Überstunden. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist dabei so lange ausgewogen, solange es keine Kinder gibt. Dann werden Überstunden männlich. Die gern beschriebene Flucht der Väter von zu Hause sei aber keine gewollte, betont Christoph Hofinger, Leiter der Sozialforschung Sora. Viele fühlten sich unfreiwillig in die Erhalterrolle gedrängt – 74 Prozent würden ihre Überstunden lieber reduzieren. Das gilt des weiteren für fast alle Beschäftigten, die regelmäßig Mehrarbeit leisten: Gut 70 Prozent unter ihnen wünschen sich gemäß des Arbeitsklimaindexes kürzere Dienstzeiten.

Ungeliebte Mehrarbeit

"Der Staat fördert Überstunden steuerlich stark", erläutert Gleitsmann. "Es darf daher auch keinen wundern, wenn sie in Anspruch genommen werden – zumal sie ja zusätzliches Geld bringen. Überstunden sind in beidseitigem Interesse." Sie dienten als Signal, dass man gerne arbeite, dass man sich beruflich weiterentwickeln wolle, resümiert Hofer. "Sie werden in gewissem Sinne auch erwartet."

Ein Fünftel der Überstunden in Österreich wird nicht bezahlt, rechnet Kalliauer vor. "Es braucht noch stärkere Kontrollen der Arbeitsinspektorate." (Verena Kainrath, 23.5.2017)


orf
  • Stress am Arbeitsplatz und im Privatleben: Von Burnout sind so gut wie alle Schichten betroffen – vom Manager bis zum Angestellten.
    foto: getty images/istockphoto/katarzyna bialasiewicz

    Stress am Arbeitsplatz und im Privatleben: Von Burnout sind so gut wie alle Schichten betroffen – vom Manager bis zum Angestellten.

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