Ajax Amsterdam schaut in den Spiegel und sieht sich selbst

Video22. Mai 2017, 07:38
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Der Traditionsklub aus Amsterdam spielt am Mittwoch sein erstes europäisches Finale seit 21 Jahren

Wien/Amsterdam – Die Herangehensweise der beiden Protagonisten an das Finale der Europa League am Mittwoch unterscheidet sich deutlich. Für Manchester United stellt es nach einer nur mäßig befriedigend verlaufenen Saison in der Premier League wohl nicht mehr als einen Trostpreis dar oder muss als Mittel zum Zweck der Qualifikation für die Champions League herhalten, in der der umsatzstärkste Fußballklub der Welt (Saison 2015/16) seine eigentliche Bestimmung sieht.

Ganz anders stellt sich die Gefühlslage bei Ajax Amsterdam dar, in dessen Umfeld der erste Einzug in ein europäisches Endspiel seit 21 Jahren eine Welle der Begeisterung ausgelöst hat, deren Ausmaße locker über sämtliche Dutch Mountains hinwegschwappen. Die niederländische Hauptstadt hat ihr Team wieder mitten ins Herz geschlossen, zeigt sich stolz im Gewand rot-weißer Beflaggung. Auf dem Flughafen Schiphol wünschen riesige Plakate der Mannschaft Erfolg in Stockholm.

Apropos Höhenflug: Da die niederländische Luftfahrtbehörde sich trotz Ausnahmezustands weigert, das geltende Nachtflugverbot aufzuheben, können sieben Charterflugzeuge mit Ajax-Anhängern nach dem Spiel nicht in der Heimat niedergehen, sondern müssen auf den deutschen Provinzflughafen in Weeze ausweichen. Von dort geht die Reise im Bus weiter. Die Schlachtenbummler dürften diese Komplikation angesichts des gehobenen Euphorieniveaus sportlich nehmen: Ein Kontingent von 10.000 Karten wurde Ajax von der Uefa zugeteilt – innerhalb von 24 Minuten war es ausverkauft.

Ähnlichkeiten, Unterschiede

Die Sache ist erklärbar. Erklärbar durch das mitreißende Auftreten einer blutjungen Elf, die besonders in den Heimspielen gegen Schalke 04 (Viertelfinale, 2:0) und Olympique Lyon (Halbfinale, 4:1) Erinnerungen an alte Zeiten wachwerden ließ. Eine ganze Menge an Generationen, die die Ungnade der zu späten Geburt erleiden mussten, bekamen endlich eine Ahnung davon, wie es wohl gewesen war, als das Ajax von Johan Cruyff in den späten 1960er-Jahren damit begann, mit seinem Totalen Fußball neue ballesterische Horizonte zu erschließen. Damals, als eine ebenfalls von jugendlicher Frische beseelte Gruppe von Hochbegabten die Vorherrschaft der etablierten Mächte hinwegfegte, formte sich die Identität des Amsterdamer Vereins. Sie steht bis heute für eine Verpflichtung zum Schönen Spiel, etwas, das Ajax weit über die Niederlande hinaus Hochachtung und Sympathie eingebracht hat.

Es ist ein hoher Anspruch, an dem der Verein auch immer wieder schwer zu tragen hatte – vor allem seit der Zeitenwende des Bosman-Urteils im Jahr 1995. Seither verändert sich das Gesicht der Ajax-Elf immer schneller und in immer dramatischerem Ausmaß. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen geworden, die durch die hochgelobte Schule der Amsterdamer Nachwuchsabteilung gegangenen Talente auch nur mittelfristig zu binden. Weitere Konsequenzen: Ajax ist im Vergleich zu früher internationaler und wird auch immer jünger. Im Mai bot Trainer Peter Bosz die Elf mit dem niedrigsten Durchschnittsalter der Vereinsgeschichte auf, es lag bei 21,4 Jahren. Und auch wenn Bosz aktuell davon ausgeht, dass diesmal bis zu 80 Prozent seiner Auswahl bis über die Saison hinaus bleiben, ist zu erwarten, dass ein Umbruch früher oder später kaum verhindert werden kann.

Manche vergleichen die aktuelle Mannschaft bereits mit jener aus den glanzvollen 1990er-Jahren, als Ajax letztmals auf europäischer Ebene groß aufspielte. In der sechs Jahre andauernden Ära von Louis van Gaal gewannen die Ajacieden 1992 den Uefa-Pokal, 1995 folgten Champions League, Uefa-Supercup und Weltpokal. Ein lebendiges Symbol legt den epochalen Rückgriff noch näher: Justin Kluivert, 18-jährig, der im März sein erstes Tor in der Eredivisie erzielte. Er schickt sich damit an, in die Fußstapfen seines Vaters Patrick zu treten, der damals die Amsterdamer Farben trug.

Bosz, der Besen ohne Vergangenheit

Wie schon die Großen der Vereinsannalen hat es der Jahrgang 2017 jedenfalls bereits geschafft, Grenzen zu versetzen: Während in den 1980er- und 1990er-Jahren niederländische Vereine sechs Mal in europäischen Endspielen standen, ist seit gut zehn Jahren das Erreichen eines EL-Viertelfinales so ziemlich das höchste der Gefühle geworden. Dass Ajax ausgerechnet unter Bosz diese gläserne Decke durchbrechen sollte, war nicht unbedingt zu erwarten. Als der 53-Jährige im letzten Sommer als Nachfolger von Frank de Boer vorgestellt wurde, gab es Widerstand aus Teilen des Anhangs. Schließlich konnte der Neue, ehemals Mittelfeldspieler beim Erzrivalen Feyenoord Rotterdam, auf keinerlei nennenswerte Errungenschaften verweisen. Seinen einzigen Titel holte Bosz, als er 2002 die als Verein von Abstinenzlern gegründete AGOVV Apeldoorn zur Amateurmeisterschaft coachte.

Die Skepsis schien berechtigt. Nicht weniger als zehn Spieler hatten Ajax verlassen, die neu zusammengewürfelte Elf kam in der Meisterschaft nur schwer in Tritt, in der Qualifikation zur Champions League scheiterte man mit einem Gesamtscore von 2:5 deutlich am FC Rostow. Doch als Bosz seine Stammformation gefunden hatte, fing sich das Team langsam. Der Neue war zu einem Zeitpunkt nach Amsterdam gekommen, als der niederländische Fußball im Allgemeinen und Ajax im Besonderen auf den Tiefpunkt einer schweren Identitätskrise zusteuerten. Im internationalen Vergleich sah man sich einem Misserfolg nach dem anderen gegenüber, Zweifel am bisher für vorbildlich gehaltenen holländischen Modell machten sich breit.

De Boer hatte Ajax zwar viermal in Folge zu Meisterehren gebracht (2011 bis 2014), richtig froh wurde man damit in Amsterdam aber nicht. Besonders im letzten Jahr seiner Amtszeit steigerte sich die Frustration angesichts eines als langweiliges Hin-und-her-Geschiebe empfundenen Ballbesitzfußballs ins Unermessliche. Noch schlimmer war, dass die heiße Sehnsucht nach europäischer Glorie ungestillt blieb. Beides zu ändern war die Vorgabe für Bosz – nicht gerade eine Petitesse. Und doch: Bereits in seinem ersten Jahr kann er Vollzug melden.

Ein Fußball für die Fans

Der Stil der Mannschaft hat sich radikal verändert, in seinen besten Momenten vollführt Ajax ein spektakuläres offensives Wirbeln. Nach dem 4:1 gegen Lyon vor den Augen von Ehrengast van Gaal und seinem 92er-Team hieß es in der "Volkskrant", Amsterdam habe "den weltweit gerühmten Werten des niederländischen Fußballs eine Ode dargebracht". Und das geht so: mit viel Risiko so schnell und direkt wie irgend möglich in Richtung des gegnerischen Tors. Der hohe technische Standard des gesamten Teams kommt dabei besonders eindrucksvoll zur Geltung. Bosz fasst zusammen: "Wir spielen Fußball für die Zuschauer, versuchen attraktives und siegbringendes Spiel zu kombinieren." Ein Besucherschnitt von rund 50.000 bei Matches in der Eredivisie gibt diesem Ansatz einen überzeugenden Sanktus. Wie ein Zeichen von oben scheint es gar, dass die Amsterdam-Arena, mit der man lange nicht wirklich warm wurde, bald in Johan-Cruyff-Arena umbenannt wird.

In Bosz' offensivem 4-3-3 kann sich Ajax endlich wieder auf klassische Flügel stützen. Der Deutsche Amin Younes (links) und der von Chelsea ausgeliehene Bertrand Traoré aus Burkina Faso (rechts) rasen unaufhörlich in bedingungsloser Beschleunigung auf ihre Gegner zu und scheuen dabei kein Dribbling. Die Vorlagen des Duos pflegt Mittelstürmer Kasper Dolberg zu verwerten, der 19-jährige Däne hat in 18 Saisonspielen 23 Tore geschossen und gilt als besonders heiße Aktie im Transferbusiness.

Im Mittelfeld sorgt ein vergleichsweise routiniertes Dreigestirn für Struktur: der nimmermüde und außergewöhnlich torgefährliche Kapitän Davy Klaassen, der kampfkräftige Lasse Schöne und, last but not least, Hakim Ziyech. Der Niederländer mit marokkanischen Wurzeln ist die Seele von Ajax, um elf Millionen Euro von Twente Enschede verpflichtet, entwickelte er sich in kürzester Zeit zur zentralen Schaltstelle im System von Bosz. Dass seine Burschen kicken können, war dem schon länger klar, doch im Lauf der Saison sei etwas dazugekommen: Siegermentalität und Überlebenswille nämlich. Beim Rückspiel gegen Schalke hätten seine Mannen das unzweifelhaft unter Beweis gestellt: "Da waren wir schon tot und begraben." Bei einem Zwischenstand von 0:3 schaffte Ajax in der Verlängerung die Wende, erzielte zu zehnt noch zwei Tore und kam weiter.

"Und dann weißt du, dass du es kannst"

Generaldirektor Edwin van der Sar hofft, durch solche Erfahrungen den Glauben an das Mögliche zurückzugewinnen. Der sei in seinem Land etwas verlorengegangen. "Manchmal dauert es lange, bis du zum ersten Mal einen Elfer abwehrst", meinte der ehemalige Weltklassekeeper, der seine Karriere bei Manchester United beendete. "Aber dann kommt der Moment, an dem du einen hältst – und ab diesem Zeitpunkt weißt du, dass du es kannst. Es muss Standard werden, dass Ajax in Europa überwintert und weiter kommt als unter die letzten 32 oder die letzten 16."

Auch Bosz hat Erfahrungen mit dem Finalgegner, genauer mit dessen Coach Jose Mourinho. Mit dem Portugiesen mit der viel defensiveren Mentalität kreuzte er 2014 in einem Testspiel die Klingen. Der Niederländer coachte damals Vitesse Arnheim, Mourinho Chelsea London. Das Resultat? 1:3. Bosz: "Ich plane, diesmal zu gewinnen." (Michael Robausch, 22.5.2017)

  • Dem Herrn Papa wie aus dem Gesicht geschnitten: Justin Kluivert (links) neben Ajax-Kapitän Davy Klaassen.
    foto: imago/team 2

    Dem Herrn Papa wie aus dem Gesicht geschnitten: Justin Kluivert (links) neben Ajax-Kapitän Davy Klaassen.

  • afc ajax

    Euphorie nach dem 4:1 im Halbfinal-Hinspiel gegen Lyon.

  • afc ajax

    Zehn europäische Schönheiten

  • Peter Bosz (links) wurde als niederländischer Trainer des Jahres ausgezeichnet, Kollege Leo Beenhakker übergibt den Rinus Michels Award.
    foto: imago

    Peter Bosz (links) wurde als niederländischer Trainer des Jahres ausgezeichnet, Kollege Leo Beenhakker übergibt den Rinus Michels Award.

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