Labour holt im Wahlkampf auf und schöpft neue Hoffnung

22. Mai 2017, 07:08
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Corbyn aber noch nicht auf Schlagdistanz zu May – Britische Konservative verschrecken unterdessen ihre Klientel mit Ansagen zum Sparen

Hoffnung für die britische Opposition: Übers Wochenende haben vier Meinungsforscher Umfragen veröffentlicht, wonach sich der Abstand zwischen Konservativen und Labour deutlich verringert hat. Allerdings liegt die Arbeiterpartei unter Jeremy Corbyn selbst im besten Fall (35 Prozent) noch immer um mindestens neun Punkte hinter den Konservativen (44) von Premierministerin Theresa May, was diesen bei der Unterhauswahl am 8. Juni einen immer noch klaren Sieg bescheren würde.

Immerhin scheint aber die Veröffentlichung der Wahlprogramme vergangene Woche einen gegenläufigen Effekt erzielt zu haben: Während Labours Versprechen populär zu sein scheinen, bröckelt die Unterstützung für die Torys ab.

Kompliziertes Wahlrecht

Da im britischen Mehrheitswahlrecht in jedem der 650 Sitze nur je ein Bewerber gewählt werden kann, genügen häufig schon 35 oder 40 Prozent für den Gewinn des Sitzes. Wegen struktureller Unterschiede zwischen eher konservativ wählenden ländlichen Gebieten und eher Labour zuneigenden Städten müssen die Torys deutlich vor Labour liegen, um insgesamt eine eigene Mehrheit zu gewinnen.

Mit einem Wähleranteil von durchschnittlich 44 Prozent in den jüngsten Umfragen ist dies noch immer gegeben. Dass sich aber der Abstand zwischen den beiden größten Parteien von durchschnittlich knapp 20 auf neun bis 13 Prozent verringert hat, erfüllt die Opposition mit neuer Hoffnung.

Zudem geben die Antworten auf gezielte Fragen den Konservativen durchaus zu denken. Immerhin 60 Prozent erklärten sich bei einer Umfrage der Firma Survation einverstanden mit dem Labour-Plan, Spitzenverdiener stärker zu besteuern. Hingegen lehnte die Hälfte den Plan der Konservativen ab, für die Pflege im Alter die Mittelschicht stärker in die Pflicht zu nehmen. Womöglich hat die brutale Offenheit der Konservativen bezüglich der Kosten der Altenpflege die eigene Klientel verschreckt.

Jamie Oliver legt sich mit May an

Zum Feind gemacht hat sich die Premierministerin jedenfalls Jamie Oliver: Der weltbekannte Fernsehkoch setzt sich seit über einem Jahrzehnt für gesündere Schulausspeisungen ein. Nicht zuletzt seiner Initiative verdanken englische Volksschulkinder eine kostenlose Mahlzeit am Tag.

Die Initiative der Liberaldemokraten während ihrer Koalition mit den Konservativen (2010–2015) wird im konservativen Wahlprogramm gestrichen. Stattdessen sollen jüngere Schulkinder ein kostenloses Frühstück bekommen; dadurch würde jährlich gut eine halbe Milliarde Pfund (rund 580 Millionen Euro) eingespart. Oliver zeigt sich "schockiert und enttäuscht": Angesichts der vielen übergewichtigen oder sogar fettsüchtigen Kinder auf der Insel sei der Vorschlag "Wahnsinn".

Gedenken an ermordete Politikerin Cox

Am Sonntag unterbrachen britische Politiker den Wahlkampf – allerdings nur für eine Stunde – und gedachten ihrer ermordeten Kollegin Joanne Cox. Die 41-jährige Labour-Politikerin war im vergangenen Juni in der heißen Phase der EU-Referendumskampagne dem Attentat eines rechtsradikalen Fanatikers zum Opfer gefallen. (Sebastian Borger aus London, 22.5.2017)

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    foto: reuters/stefan wermuth
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