Debattenkultur: Giftiger Sexismus

Kommentar21. Mai 2017, 18:10
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Wo immer Frauen in der Öffentlichkeit stehen, sind sie mit einer Art von Kritik konfrontiert, wie sie Männer nicht erleben

Eva Glawischnig hat sich im Abgang noch einmal festgelegt: Eine Frau solle ihr nachfolgen, wünschte sich die scheidende Bundessprecherin der Grünen. Die Partei ist ihrem Wunsch gleich doppelt gefolgt. Mit Ulrike Lunacek und Ingrid Felipe stehen künftig zwei Frauen an der Spitze der Grünen – und angesichts ihrer bisherigen Karriereverläufe ist die Festlegung ihrer Vorgängerin eigentlich eine unzulässige Einengung: Beide haben viel mehr zu bieten, als "nur" Frau zu sein.

Glawischnig hat das bestimmt auch nicht so gemeint: Sie wolle all jene warnen, die einen "starken Mann" herbeisehnten, sagte sie bei ihrer Abschiedspressekonferenz. Der Mangel an weiblichem Spitzenpersonal in der Politik wirke sich auch negativ auf die Debattenkultur im Lande aus.

Das ist noch vornehm umschrieben. Verbale Schläge unter der Gürtellinie, das bewusst platzierte falsche Gerücht, die Herabwürdigung des Gegenübers zählen zunehmend mehr als inhaltliche Auseinandersetzung. "Die" Medien, das wurde an dieser Stelle mehrfach kritisiert, spielen allzu oft und gern mit – auf der Jagd nach den meisten Klicks, der längsten Verweildauer, den meisten Postings, der höchsten Quote.

Das ist ein mörderischer Wettbewerb, und er hinterlässt Opfer – Männer wie Frauen. Das hat auch der Abgang von Reinhold Mitterlehner gezeigt.

Aber Frauen trifft es noch härter. Wo immer sie in der Öffentlichkeit stehen – sei es in der Politik, in den Medien, im Literaturbetrieb -, sind sie mit einer Art von Kritik konfrontiert, wie sie Männer nicht erleben. Jede Frau, die öffentlich ihre Meinung kundtut, hat diesbezüglich schon ihre negativen Erfahrungen gemacht. Unverblümter Sexismus statt inhaltlicher Argumente, Angriffe auf Aussehen, Figur, Frisur und Kleidungsstil, sogar das Androhen von sexueller Gewalt: Viele "Kritiker" auf Twitter und Facebook, aber auch in den Foren etablierter Medien versuchen nicht einmal, ihre niedrigsten Instinkte und Aggressionen zu verbergen.

Bei Glawischnigs Rückzug konnten die STANDARD-Community-Betreuer einmal mehr ein Lied davon singen: Man war mit dem Löschen unterirdischer Postings mehr als gut beschäftigt. Die Beschimpfungen sind manchmal auch so beängstigend, dass sie krankmachen – und dass man lieber aufgibt, um seine Kinder zu schützen, die nicht länger auf Twitter Niederträchtiges über ihre Mutter lesen sollen.

Es geht nicht nur darum, missliebige Personen und unerwünschte Haltungen niederzumachen – Frauen, die im öffentlichen Diskurs mitmischen, soll das Recht dazu abgesprochen werden. Sie sollen ins "Private", jenseits der Wahrnehmung, zurückgedrängt werden.

Dagegen gilt es viel energischer als bisher aufzutreten. Strafrechtliche Verfolgung ist wichtig. Dabei kann es aber nicht bleiben. Es braucht einen breiten Konsens, dass Sexismus nicht geht, die gesellschaftliche Ächtung dieser Art von Auseinandersetzung, eine Hygieneoffensive in den sozialen Netzwerken und Foren. Die Betroffenen müssen aufhören, still zu leiden, sondern Verbündete suchen und finden. Aufzuschreien ist kein Zeichen von Schwäche.

Wenn wir das nicht begreifen, bleiben in der Öffentlichkeit am Ende nur noch vermeintlich "starke" Männer übrig. (Petra Stuiber, 21.5.2017)

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