"Die Perser": Theaterschlachthaus im antiken CNN-Büro

21. Mai 2017, 11:24
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Michael Thalheimer inszeniert Aischylos am Akademietheater in radikaler Einfachheit

Wien – 480 vor Christus: Das Heer des Perserkönigs Xerxes ist mit Ross und Wagen nach Griechenland gezogen. Sogar dem Meer am Bosporus hat der Tyrann ein "Joch" in den "Nacken" gedrückt. Noch stehen die Zeichen nicht auf Untergang. Doch was der allzu selbstgewisse Kriegsherr hinter sich gelassen hat, gleicht einer hohen Grabkammer.

Im Wiener Akademietheater erhebt sich, das Meisterstück persischer Betonbaukunst, ein mächtiges Portal (Ausstattung: Olaf Altmann). Aus seiner Tiefe schwebt die Königin Mutter (Christiane von Poelnitz) nach vorn an die Rampe.

Atossas Kleid mit langer Schleppe glitzert golden, Goldlack siegelt ihre Züge. Ein einziges Mal droht die hohe Frau zu straucheln. Doch sie spreizt und winkelt die Arme, um alles Ungemach von sich abzuwehren. Bald wird ein Übermaß an Schmerz ihr Gesicht entstellen.

Beginn der europäischen Theatergeschichte

Aischylos' Tragödie "Die Perser" markiert den Beginn der europäischen Theatergeschichte. Als Gründungsdokument feiert es die menschliche Gabe der Einfühlung. Die Bewohner der griechischen Polis sollen mit klappernden Zähnen die Schmach ihrer Todfeinde nachempfinden. Sie werden aufgefordert, sich anhand eines antiken CNN-Berichts zu wappnen gegen zahllose Anfechtungen: die des Stolzes, der Schadenfreude, der maßlosen Selbstüberhebung ("Hybris").

Als Drama sind "Die Perser" noch Entwicklungsgebiet. In einem einzigen Crescendo schwillt der Nachrichtenstrom vom Untergang der Streitmacht an. Ein Vatergespenst (Branko Samarovski) steigt auf Kothurnen aus der Unterwelt empor, um in den Klagechor einzustimmen. Alles gleicht der maßlosen Beschleunigung eines Fahrzeugs, das unbeirrt auf die Schlucht zuhält.

Alles richtig gemacht

Und doch hat Regisseur Michael Thalheimer alles richtig gemacht. Den Warteraum für Hinterbliebene und Zurückgelassene entleert er. Der Chor besteht aus einem einzigen würdigen Greis (Falk Rockstroh) mit schwarzen Augenhöhlen. Des Boten lautes Wehgeschrei (Markus Hering) wird auf ein langgezogenes Röcheln heruntergedämpft.

Thalheimer, dem man einen Hang zu vereinfachenden Lösungen nicht absprechen kann, liefert diesmal ein Meisterstück der Instrumentation. Das Übertragungsbüro für antike Hiobsbotschaften verwandelt er allmählich in ein Schlachthaus. Der Übertragungsschirm? Ist das Antlitz von Poelnitz'. Auf ihm zucken und wetterleuchten die widerstreitenden Empfindungen. In das blanke Entsetzen – die Perser alle hingemetzelt! – mischen sich Momente des Aufmerkens, süße Ahnungen einer unbegründeten Hoffnung. Sprengt das Leid jedes Maß, reißt sie Kleid und Schleppe von sich und stopft sie vor sich in den Boden. Eine Glanzleistung.

Militärischer Versager

Mit jeder weiteren Eskalation kippt die Decke wie eine Schwungplatte nach unten. In ihrem Gefolge zieht Rauch wie durch einen Kamin nach draußen. Am Schluss kehrt Xerxes (Merlin Sandmeyer) heim nach Susa. Als militärischer Versager röhrt er wie ein gehetztes Tier; der Boden unter seinen bloßen Füßen ist glitschig von Blut. Er zerreißt sein Hemd, kriecht auf allen Vieren nach vorne.

Die Großmacht Persien ist nach dem Debakel von Salamis von der antiken Landkarte verschwunden. Sein Verursacher bettet das verschmierte Haupt in Atossas Schoß. Sein Kopf gleicht dem eines gehäuteten Schafs in der Vitrine. Der einsame Chor steht beinahe stumm. Er presst bloß unzählige Male hervor: "Nein, nein, nein, nein…." Ein Ja zu dieser schlichten, erschütternden Aufführung. Der Applaus war betroffen. Die Beteiligten kämpften auf dem nassen Boden um den aufrechten Gang. (Ronald Pohl, 21.5.2017)

  • Merlin Sandmeyer (Xerxes) und Christiane von Poelnitz (Atossa).
    foto: apa/hans klaus techt

    Merlin Sandmeyer (Xerxes) und Christiane von Poelnitz (Atossa).

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