Zweifel an "Schwulengefängnis" in Tschetschenien

19. Mai 2017, 16:19
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US-Professor fordert nach Besuch unabhängige Untersuchung der Vorwürfe

Wien – Rund 100 homosexuelle Tschetschenen sollen in den vergangenen Wochen von Sicherheitsbeamten entführt, gefoltert und in den schlimmsten Fällen ermordet worden sein. Worüber die russische Oppositionszeitung "Nowaja Gaseta" im März berichtete, daran zweifelt US-Professor Bruce Leimsidor.

Der Experte für Asylrecht, der im Moment an der Universität von Venedig lehrt, war diese Woche wegen eines Vortrags in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. An der pädagogischen Fakultät der Universität sprach der 74-Jährige über Menschenrechte. "Bei einem anschließenden Termin bat ich den nationalen Menschenrechtsbeauftragten um einen Besuch in Argun", erzählt er dem STANDARD. In der Stadt, 20 Kilometer von Grosny entfernt, soll sich laut "Nowaja Gaseta" eines der Gefängnisse befinden. "Doch bei dem Gebäude, das auf Luftaufnahmen als Folterort ausgewiesen war, befand sich nur eine Ruine."

Gefährliches Klima

Leimsidor weiß um das homophobe Klima in Tschetschenien: "Es ist sicher sehr schwer, als schwuler Mann in Tschetschenien zu leben." Doch habe er mit homosexuellen Männern im Land gesprochen, die durch den Artikel über die Gefängnisse ein noch homophoberes Klima im Land fürchten. "Es gab in der Gesellschaft ein Übereinkommen, dass nicht über sexuelle Orientierung gesprochen, die Tatsache, dass es Schwule gibt, unter den Teppich gekehrt wird", sagt Leimsidor. "Das wurde nun gebrochen, und schwule Männer haben deshalb Angst vor öffentlichem Hass gegen sie." Laut Leimsidor dürfe man "bestehende Menschenrechtsverletzungen nicht noch weiter übertreiben".

Der US-Professor fordert deshalb eine unabhängige Untersuchung der Anschuldigungen, ebenso wie das EU-Parlament am Donnerstag. In einer Entschließung erwarteten die Parlamentarier "unabhängige, objektive und sorgfältige Ermittlungen" in der russischen Teilrepublik.

Verschiedene Homosexuellenaktivisten traten in den vergangenen Wochen für Untersuchungen ein. Einige von ihnen wurden von russischen Behörden festgenommen. Ein italienischer Aktivist konnte auf Betreiben der Regierung in Rom wieder freibekommen werden.

In der russischen Teilrepublik Tschetschenien wird immer wieder von Menschenrechtsverletzungen berichtet. Zwar herrscht eigentlich das Gesetz Russlands, doch wird informell die Scharia praktiziert. (bbl, 19.5.2017)

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