Warmblütigkeit könnte bis weit ins Erdaltertum zurückreichen

22. Mai 2017, 08:00
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Ophiacodon, ein ferner Vorläufer der Säugetiere, gibt Anlass zu Spekulation

Bonn – Endothermie – umgangssprachlich auch einfach als "Warmblütigkeit" bezeichnet – ist eine Eigenschaft, die flexibler, weil von äußeren Umständen unabhängiger macht. Dafür erhöht sie allerdings auch den Energieverbrauch. Bei Vögeln und Säugetieren gehört sie zum Grundbauplan, unter anderen Tiergruppen – etwa Haien oder Knochenfischen – gibt es allerdings auch einige Fälle einer einfachen Regulierung der Körpertemperatur von innen her.

Zurück in der Zeit

Wann die Evolution diese Eigenschaft hervorgebracht hat, ist noch unklar. Bisher dachte man, die ersten Landwirbeltiere hätten diesen Schritt vor ungefähr 270 Millionen Jahren vollzogen. Die Errungenschaft könnte aber noch um einiges älter sein, wie die Universität Bonn berichtet.

Laut Martin Sander vom Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Uni Bonn muss man vielleicht noch einmal 20 bis 30 Millionen Jahre draufpacken. Damit wäre man zumindest bereits in den Anfängen des Perm-Zeitalters angelangt – und vielleicht geht es sogar noch weiter zurück.

Säugetiervorläufer Ophiacodon

Sanders Vermutung stützt sich auf Untersuchungen von Fossilien des Synapsiden Ophiacodon, der im späten Karbon und frühen Perm lebte. Die Synapsiden sind eine der grundlegenden Entwicklungslinien der Landwirbeltiere, ihre einzigen heutigen Vertreter sind die Säugetiere. Ihre Schwestergruppe, zu der Vögel und Reptilien gehören, sind die Diapsiden.

Der über zwei Meter lange und 30 bis 50 Kilogramm schwere Ophiacodon lebte noch nahe an jener Zeit, als sich diese beiden Entwicklungslinien aufgespaltet hatten. Und Sander glaubt, dass dieser ferne Vorläufer der Säugetiere bereits endotherm war. Denn Endothermie führt auch zu schnellerem Knochenwachstum, was sich an Fossilien zumindest theoretisch ablesen lässt.

Knochenanalyse und Spekulation

Zusammen mit seinem Doktoranden Christen D. Shelton analysierte der Wissenschafter Oberarm- und Oberschenkelknochen von Ophiacodon und kam zum Schluss, dass diese fibrolamellär wuchsen: Das entspricht der besonderen Struktur von Säugetierknochen, die es ihnen erlaubt, schnell zu wachsen und dennoch stabil zu bleiben.

Ophiacodon lebte vor 300 Millionen Jahren. War er tatsächlich endotherm, würde das die Anfänge der Endothermie bereits deutlich zurückverlegen. Sander geht allerdings noch weiter: Da Ophiacodons Lebzeiten noch so nahe an dem Zeitpunkt waren, als sich Synapsiden und Diapsiden trennten, könnten auch schon deren gemeinsame Ahnen endotherm gewesen sein. Vielleicht waren es sogar schon die ersten Landwirbeltiere überhaupt, spekuliert Sander.

Das würde freilich bedeuten, dass die Diapsiden diese Eigenschaft nachträglich wieder verloren – und in der Gruppe der Vögel oder auch der Dinosaurier im Allgemeinen ein zweites Mal neu entwickelt haben müssten. Dann wären allerdings einige Lehrbücher umzuschreiben. (red, 22. 5. 2017)

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