Orthodoxe forcieren Abtreibungsverbot in Russland

19. Mai 2017, 08:00
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Die russisch-orthodoxe Kirche macht Druck in der Abtreibungsfrage. Ein Kirchenvertreter hat die Duma aufgefordert, einen Schwangerschaftsabbruch mit Mord gleichzusetzen. Aktivisten sammeln eifrig Unterschriften

Moskau/Wien – Der Vorsteher des nahe Moskau gelegenen russisch-orthodoxen Männerklosters Neu-Jerusalem, Feofilakt, hat die Parlamentsabgeordneten aufgefordert, ein Abtreibungsverbot zu verhängen. "Eine Abtreibung muss als Mord anerkannt werden", sagte er bei einer Sitzung der Duma-Arbeitsgruppe "zum Schutz christlicher Werte". Ein solches Gesetz müsse endlich verabschiedet werden, forderte er.

Zugleich verteidigte Feofilakt die Prügelstrafe als Teil ebenjener christlichen Werte. "Es ist unzulässig, wenn die traditionelle Erziehung in christlichen Familien verboten wird und die Kinder den Eltern gleichgestellt werden", sagte er. Den Eltern zu verbieten, ihre Kinder mit körperlicher Züchtigung zu erziehen, verstoße gegen die Heilige Schrift, so der Klostervorsteher.

Die Sowjetunion war 1920 weltweit das erste Land, das den Frauen einen Schwangerschaftsabbruch erlaubte; in der Stalin-Ära zwischen 1936 und 1955 herrschte allerdings wieder ein Abtreibungsverbot, was allerdings nur zu einem drastischen Anstieg illegaler Abtreibungen führte. In den 1960er-Jahren erreichten die Schwangerschaftsabbrüche mit 5,6 Millionen pro Jahr ihren Höhepunkt, seit dem Ende der Sowjetunion sinkt die Zahl kontinuierlich: 2015 wurden 848.000 Fälle verzeichnet, etwa die Hälfte davon aus medizinischen Gründen.

Einfluss der Kirche steigt

Das liegt auch am steigenden Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche (ROK), die die Praxis seit Jahren kritisiert. Viele führende Politiker, darunter Premier Dmitri Medwedew, gelten als kirchennah, was sich auch in einer Reihe von Gesetzen zur Stärkung der ROK in Russland äußert.

So konnte die Kirche die Rückgabe fast aller ehemaligen Gotteshäuser erreichen – auch derjenigen, die zuvor (wie in Kaliningrad) gar nicht in ihrem Besitz waren. Zuletzt gab es in St. Petersburg massive Proteste von Bürgerrechtlern bei der Rückübertragung der zuvor als Museum genutzten Isaak-Kathedrale. Auf Druck der ROK wurden auch der Religionsunterricht an den Schulen eingeführt, Verfahren gegen Künstler wegen religiöser Hetze veranlasst, oder jüngst die Zeugen Jehovas als Sekte eingestuft.

Ob die Kirche das Abtreibungsverbot durchsetzen kann, ist noch unklar. Die Abgeordneten äußerten sich zur Initiative bislang nicht eindeutig. Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Dmitri Sablin von der Kremlpartei Einiges Russland, erklärte lediglich, die Gruppe gebe Expertenmeinungen zu "neuen Gesetzesinitiativen ab, die der Unterstützung und dem Schutz christlicher Werte dienen".

Im Dezember hatte die Regierung allerdings noch die Forderung der Kirche abgelehnt, Abtreibungen aus dem Programm der Krankenversicherung zu streichen, obwohl sich selbst Patriarch Kyrill dafür starkgemacht hatte. Klein beigeben wollen die Orthodoxen nicht: Aktivisten haben bereits damit begonnen, Unterschriften für ein Verbot zu sammeln, um den öffentlichen Druck zu erhöhen. In der Vergangenheit fielen orthodoxe Aktivisten auch mit anderen Aktionen auf. So überschütteten sie Kirchenkritiker mit Farbe oder Fäkalien. (André Ballin, 19.5.2017)

  • Archimandrit Feofilakt gibt Premier Dmitri Medwedew und Patriarch Kyrill die Richtung vor.
    foto: ap photo/ria-novosti, vladimir rodionov

    Archimandrit Feofilakt gibt Premier Dmitri Medwedew und Patriarch Kyrill die Richtung vor.

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