"Jahrhundertfrauen": Das Leben ist eine Baustelle

    19. Mai 2017, 11:00
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    US-Drama mit Annette Bening und Greta Gerwig

    Wien – Jahrhundertfrauen sind die Protagonistinnen von Mike Mills drittem Langfilm sicher nicht. Es sind vielmehr Frauen des 20. Jahrhunderts, wie der Originaltitel ebenso nüchtern wie treffend feststellt: 20th Century Women. Es geht hier also nicht um berühmte Wissenschafterinnen, Unternehmerinnen oder Sportlerinnen, sondern um ziemlich fehlbare Frauen, die trotz all ihrer Exzentrik aber ihre jeweilige Generation und deren Zeitgeist verkörpern.

    foto: a24
    Dorothea (Annette Bening) bittet Julie (Elle Fanning) und Abbie (Greta Gerwig), ihrem Sohn zu helfen.

    Jahrhundertfrauen spielt im Jahr 1979. Dorothea (Annette Bening) ist Mitte fünfzig und lebt mit ihrem 15-jährigen Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) in Los Angeles; von Jamies Vater ist die resolute und eigenwillige Dorothea schon lange geschieden. Jetzt, wo Jamie in die Pubertät kommt, fühlt sie sich aber mit der Mutterrolle überfordert. Sie versteht Jamies Lust nicht, Grenzen auszutesten, sie versteht die Musik nicht, die er hört und auch nicht seine neue Launigkeit. Da Jamie mit Männern scheinbar nicht viel anfangen kann, bittet Dorothea zwei jüngere Frauen um Hilfe: die Mittzwanzigerin Abbie (Greta Gerwig), die zur Untermiete wohnt und die mit Jamie eine Leidenschaft für Punk und New Wave teilt; und die 17-jährige Julie (Elle Fanning), Jamies mehr oder minder heimliche Liebe, die ständig bei ihm schläft, ihn aber nur als besten Freund sieht.

    Vertrauenskrisen

    Zu den Bewohnern des Hauses gehört außerdem noch der Handwerker William (Billy Crudup), ein schon etwas aus der Zeit gefallener, nicht mehr ganz junger Hippie, der mit seiner sanft-entspannten Art aber immer noch gut bei den Frauen ankommt.

    Jahrhundertfrauen als Film zu beschreiben, der lediglich davon handelt, was passiert, wenn drei Frauen einen Burschen aufziehen, würde aber viel zu kurz greifen. Regisseur Mike Mills' erzählt in Rück- und Vorblenden zugleich die Lebensgeschichten seiner Protagonistinnen und bettet sie über dokumentarische Fotografien in die Zeitgeschichte ein. Eine zentrale Rolle spielt dabei die "Crisis of Confidence"-Rede von Jimmy Carter, in der der US-Präsident angesichts der Energiekrise von 1979 der Bevölkerung ins Gewissen redete: Die Konsumgesellschaft habe nicht nur zur Energieknappheit beigetragen, sondern könne auch das menschliche Bedürfnis nach Sinn nicht erfüllen. Worte eines US-Präsidenten, die gerade vor dem Hintergrund von Donald Trump und dessen kleptokratischen Anwandlungen wie aus einer sehr fernen Vergangenheit wirken. Ein Jahr später wurde Carter auch prompt abgewählt.

    zero media

    Derartige Kontexte hätten den Film leicht zu einem pädagogisch bevormundenden Lehrstück werden lassen können. Doch Mills gelingt es, die so unterschiedlichen Einzelteile zu einem organischen Drama zusammenzufügen, das tatsächlich im Kleinen das Große findet. Etwas pathetischer formuliert: Jahrhundertfrauen handelt von nichts und allem – vom Leben selbst, seiner Banalität und Einzigartigkeit, seiner Tragik und Schönheit, immer vor dem Hintergrund einer spezifischen gesellschaftlichen Krisen- und Umbruchssituation. Dass das gelingt, liegt allerdings nicht nur an Mills' intelligenter Regie, sondern auch an den Darstellerinnen, allen voran an Annette Bening, die Dorothea trotz aller Psychologisierungen im Script immer einen guten Rest von Unberechenbarkeit und Geheimnis lässt. (Sven von Reden, 19.5.2017)

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