Wenn die Stadt Wien zwangssaniert

    30. Mai 2017, 06:00
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    Ist Gefahr im Verzug, kann die Stadt Wien die Zwangssanierung von Gebäuden anordnen. Für die langfristige Erneuerung wurden Sanierungszielgebiete definiert

    Und eines Tages wurden plötzlich Gerüste aufgestellt, und niemand wusste etwas davon", erzählte ein Bewohner eines ehemals recht heruntergekommenen Gründerzeithauses im sechsten Bezirk kürzlich dem Standard. Von einer Zwangssanierung sei bei der Hausverwaltung gar die Rede gewesen, die ebenso nichts von dem Vorhaben wusste. Aber gibt es das tatsächlich – Zwangssanierungen? Beim aktuellen Eigentümer des Hauses, der Unita Immobilien AG, nachgefragt, stellte sich schnell heraus, das Haus war tatsächlich in einem sehr schlechten Zustand. "Der Vorbesitzer hätte es renovieren müssen, hat das Gebäude aber an uns verkauft, und wir haben es sofort saniert", heißt es dort. Von einer zwangsweisen Sanierung kann also in diesem Fall nicht die Rede sein.

    Doch was passiert in Wien, wenn Häuser dringend erneuert werden müssen, die Eigentümer aber nicht sanieren wollen oder können? Gerhard Cech, Leiter der Wiener Baupolizei, klärt auf: "Zwangssanierungen gibt es in Wien tatsächlich. Wenn es wirklich um die Substanz geht und Sicherheitsbedenken bestehen, können wir Bauaufträge erteilen und die Eigentümer des Gebäudes verpflichten, innerhalb einer gewissen Frist entsprechende Maßnahmen durchzuführen."

    Selten gebe es dann Fälle, in denen die Eigentümer diesen Vorgaben nicht nachkommen und die Frist untätig verstreichen lassen. "Dann kann die Stadt Wien bzw. die MA 25 im Wege einer Ersatzvornahme diese Arbeiten durchführen", so Cech. Die Kosten für eine solche Zwangssanierung werden dem Eigentümer des Hauses vorgeschrieben. "Eine Sanierung kommt den Eigentümer, wenn er sie selbst beauftragt, aber wesentlich billiger, als wenn die Stadt Wien einen Bauunternehmer engagiert. In diesem Fall kommt noch etliches an Verwaltungskosten hinzu", erklärt Cech. Er rät daher jedem Eigentümer, sich selbst um die Sanierung zu kümmern.

    Hinweise von Bewohnern

    "Natürlich können wir nicht über jedes Haus in der Stadt einen Überblick haben", sagt Cech. Entdeckt werden sanierungsbedürftige Häuser in der Stadt daher meist durch Hinweise von Bewohnern, Benützern oder Nachbarn. "Sie melden sich bei uns, weil ihnen aufgefallen ist, dass es etwa in ein Haus hineinregnet oder Feuchtigkeit aus dem Boden aufsteigt", so Cech.

    Während sich die Baupolizei in Wien um jene Häuser kümmert, die unmittelbar saniert werden müssen, um Gefährdungen zu vermeiden und Sicherheit zu gewährleisten, fördert der Wohnfonds Wien Sanierungen in bestimmten Regionen, um das allgemeine Stadtbild aufzuwerten. Diese sogenannten Sanierungszielgebiete wurden kürzlich nach einer Analyse der ganzen Stadt neu definiert und Anfang des Jahres vorgestellt. Um zum Sanierungszielgebiet zu werden, muss eine Region der Stadt bestimmte Indikatoren aufweisen, dazu gehören Baualter, Neubautätigkeit, Wohnbaudynamik, Nachverdichtungspotenziale, Wohnungsausstattung und -größe und die sozialen Komponenten einer Gegend, etwa die Erwerbssituation der dort ansässigen Wiener.

    Das heißt jedoch nicht, dass jedes Gebäude, das in einem schlechten Zustand ist, auch automatisch in einem Sanierungszielgebiet liegt, erklärt Nicole Büchl vom Wohnfonds Wien: "Wenn nur ein Haus in der Region sanierungsbedürftig ist, kann das Gebiet insgesamt trotzdem gut bewertet werden." Grundsätzlich, so betont sie, habe aber jeder Anspruch auf Wohnbauförderung. "Sanierungen werden nicht ausschließlich in den definierten Sanierungszielgebieten gefördert."

    Fünf Bezirke bereits saniert

    Liegt ein Haus aber in einer dieser speziellen Regionen, unterstützt die Stadt die Sanierung mit zusätzlichen Fördermöglichkeiten. So gibt es etwa mehr Geld, wenn neuer, leistbarer Wohnraum auf dem Dach oder in Zubauten geschaffen wird. Totalsanierungen mit Neubauten werden ausschließlich in Sanierungszielgebieten gefördert. Zudem werden Sanierungen in den Zielgebieten vorgereiht und können somit schneller umgesetzt werden, so Büchl.

    Während in der vorhergehenden Periode seit 2006 ganze Grätzel Sanierungszielgebiete waren, konzentriert man sich mittlerweile auf kleinere Einheiten, etwa mehrere Häuserblöcke. Etwas größere Sanierungsgebiete gibt es noch im Stuwerviertel im zweiten, in der Davidgasse im zehnten Bezirk, an der Äußeren Mariahilfer Straße im 15., an der Klosterneuburger Straße im 20. und an der Brünner Straße im 21. Bezirk. Die neuen Gebiete liegen in 18 der 23 Wiener Bezirke. Im ersten, sechsten, achten, neunten und 13. Bezirk gibt es keine, dort sei der Großteil des Gebäudestandes mittlerweile saniert, heißt es von der Stadt.

    Weil mit Erneuerung häufig die Gentrifizierung einer Region einhergeht, werden private Hauseigentümer, die mit einer Förderung der Stadt sanieren wollen, dazu verpflichtet, die Mieten für insgesamt 15 Jahre nicht zu erhöhen. (Bernadette Redl, 30.5.2017)

    • Die Dingelstedtgasse im 15. Bezirk war bis zuletzt Teil eines Sanierungsgebiets. Das Objekt gewann den Stadterneuerungspreis 2016.
      foto: architektin isabella wall

      Die Dingelstedtgasse im 15. Bezirk war bis zuletzt Teil eines Sanierungsgebiets. Das Objekt gewann den Stadterneuerungspreis 2016.

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