Wo den Winzer der Schuh drückt

23. Mai 2017, 07:00
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Was braucht man, um das Wein-Business fit für das 21. Jahrhundert zu machen? Dieser Frage gehen Projektpartner aus Österreich, Ungarn, Italien und Griechenland nach

Krems – Wenn man an ein "Wine-Lab" denkt, stellt man sich Forscher in weißen Mänteln vor, die Weinproben analysieren und Qualität und Geschmack neuer Rebensorten beurteilen. Das Wine-Lab von Albert Franz Stöckl ist anders. Denn in diesem Labor geht es um Fragen der Weiterbildung in Sachen Weinproduktion und -vermarktung.

Mit internationalen Projektpartnern hat der Leiter des Studienganges International Wine Business an der Fachhochschule IMC Krems eine Initiative ins Leben gerufen, mit der eine internationale Wissens- und Weiterbildungsplattform für Winzer aus Griechenland, Italien, Ungarn und Österreich entwickelt werden soll. "In allen vier Ländern gibt es ähnliche Probleme", sagt Stöckl. "Jetzt wollen wir uns vernetzen und voneinander lernen."

Folgen des Winzersterbens

Eines dieser Probleme ist das Winzersterben, das sowohl Österreich, Griechenland, Ungarn wie auch Italien betrifft. Kleine Familienbetriebe, die häufig im Nebenerwerb Wein produzierten, sperren zu. So gibt es in Österreich nur mehr halb so viele Traubenproduzenten wie noch vor 15 Jahren. Ähnlich sieht es unter Flaschen abfüllenden Betrieben aus. Auch hier ist die Unternehmensanzahl in den letzten Jahren massiv zurückgegangen – in allen vier am Projekt beteiligten Ländern.

Bewirtschaftet werden die Weingärten nun von den verbleibenden Weinproduzenten, die Anbauflächen pachten oder zukaufen und die nun massiv wachsen. Doch die Winzer, die jetzt immer größere Betriebe zu führen haben, haben ihre Ausbildung in Sachen Weinbau und Vermarktung zumeist schon vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren absolviert. Neue Perspektiven und Ansätze, Methoden in der Weinbereitung, die Frage, wie man Innovation im Betrieb fördert, sowie Neuerungen im Bereich Marketing kommen im "Daily Business" viel zu kurz, sagt Stöckl.

Das aber wäre dringend notwendig, da man sich am Markt gegen Konkurrenz aus den großen weinproduzierenden Ländern wie Spanien, Frankreich und den Überseeländern durchzusetzen habe, so Stöckl.

Dieses Weiterbildungsmanko soll nun im EU-Projekt "Wine Lab" im Rahmen eines Erasmus-plus-Programms angegangen werden. In der mit knapp einer Million Euro geförderten Initiative erheben Stöckl und Kollegen die thematischen Wünsche und Bedürfnisse nach Weiterbildung unter den Winzern. Aus diesen Ergebnissen soll dann ein spezielles Weiterbildungsangebot entwickelt werden, von dem Winzer und Weinvermarkter aus allen vier Ländern profitieren können.

Erste Ergebnisse zeigen, wo den Weinproduzenten der Schuh drückt: Die Themenpalette reicht vom Einsatz neuer Methoden für den Weinbau (beispielsweise "sanfter Rebenschnitt") über Pflanzenschutzwissen und Kriterien für den biologischen Weinbau bis hin zur Energieeffizienz in der Kellerwirtschaft und neuen Marketingstrategien. Im neuen Erasmus-plus-Projekt bringen nun die einzelnen Projektpartner ihr Spezialwissen ein. Griechenland verfügt an der Universität Kavala und seinem Industrie-Partner, dem Weingut in Drama, über eine besondere Expertise in der Kellertechnik.

Italien etwa bringt Fachwissen im Bereich Pflanzenschutz ein, einem besonders sensiblen Bereich. "Winzer, die heute eher als Weinbetriebsmanager bezeichnet werden sollten, müssen sich mit einer Vielzahl an neuen Produkten auseinandersetzen, von denen nicht alle halten, was sie versprechen", sagt Stöckl. Unter der Projektleitung der italienischen Universität in Macerata sollen Projektpartner Bedarf und Notwendigkeit an Weiterbildung in diesem Bereich erkennen und in der Folge entsprechende Angebote entwickeln. Diese können von übersichtlichen Online-Kursen, Trainingsvideos bis zu intensiven Kursen im Rahmen von Trainingsaufenthalten vor Ort reichen.

Erneuerbare Energiequellen

Was Verkauf und Marketing betrifft, kooperiert das Wine-Lab mit der Pannonischen Universität in Veszprém am Plattensee. Die von dem aus Großbritannien stammenden Weintourismus-Experten Alan Clarke geleitete Abteilung gilt als besonders gute Adresse in der Verknüpfung von Tourismus, Verkauf & Marketing.

Österreich wiederum bringt in die Weiterbildungsinitiative Wissen über Energieeffizienz ein. Heimische Winzer, allen voran der Industrie-Partner in Österreich, das Weingut Familie Schuster in Großriedenthal im Weinviertel, beziehen bereits ein Drittel ihrer Energie aus eigenen und erneuerbaren Quellen, wie etwa Photovoltaik. Zudem ist Österreich ein Vorreiter im biologischen Weinbau – einem Wissensbereich, von dem nun auch griechische, italienische und ungarische Betriebe profitieren können. (Norbert Regitnig-Tillian, 23.5.2017)

  • Immer weniger Winzer bewirtschaften immer größere Anbauflächen. Innovationen im Weinbau fallen im Tagesgeschäft unter den Tisch.
    foto: apa/roland schlager

    Immer weniger Winzer bewirtschaften immer größere Anbauflächen. Innovationen im Weinbau fallen im Tagesgeschäft unter den Tisch.

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