"Oxygen Not Included": Slapsticktragödie im All

21. Mai 2017, 10:00
10 Postings

Das Early-Access-Aufbauspiel ist eine spaßige wie unweigerlich tragische Geschichtenmaschine im Stil von "Rimworld"

Leira hat den ganzen Tag im Hamsterrad verbracht, um Strom für den Sauerstoffgenerator zu erzeugen, jetzt ist sie dreckig, müde und leicht missgelaunt. In ihrem klapprigen Bett findet sie aber leider auch keinen Schlaf. Denn Marie, die nach einem harten Tag der Algenernte in einer schlecht belüfteten Ecke der Basis ebenfalls ins Bett fällt, schnarcht so laut, dass an Schlaf nicht zu denken ist. Devon wiederum ist das egal: Der ist wieder einmal beim Verlegen von Stromkabeln irgendwo in einem Tunnel eingeschlafen – Narkolepsie hat angesichts störender Schlafzimmernachbarn so gesehen auch ihre Vorteile. Immerhin kann er sich so nicht mehr darüber aufregen, dass die Toiletten übergehen, die Nahrungsmittel knapp werden und giftiges Kohlendioxid langsam, aber sicher durch die Tunnelwände wabert.

Willkommen bei "Oxygen Not Included" (Early Access, Windows, 19,99 Euro), einem Spiel, das selbstbewusst in große Fußstapfen tritt: Wer den Vorjahreshit "Rimworld" oder den Übervater des Genres, "Dwarf Fortress" kennt, wird Situationen wie diese wiedererkennen: Beim Versuch, mit nur einigen wenigen, dafür aber ganz individuellen Spielfiguren sein Überleben in einer feindlichen Umwelt zu sichern, sind kleine und größere Missgeschicke, Tragödien und Katastrophen nicht nur an der Tagesordnung, sondern quasi Teil des Spielprinzips. "Losing is fun", lautet das Motto von "Dwarf Fortress", und auch bei "Oxygen Not Included" liegt der Reiz nicht so sehr im Erreichen eines fixen Ziels, sondern eher im Weg dahin – und in der Art und Weise, wie man daran scheitert.

Todgeweiht und guter Laune

Indie-Kenner wissen, dass das kanadische Studio Klei Entertainment Garant für originelle, aber auch nicht selten herausfordernde Spielerlebnisse ist. Mit "Don’t Starve", "Invisible Inc." und "Mark of the Ninja" haben sich die Kanadier einen hervorragenden Ruf erarbeitet, und dem werden sie auch in ihrem neuesten Spiel absolut gerecht. Als Planer steuern Spielerinnen und Spieler die Geschicke von anfangs drei, später mehreren Weltraum-Pionieren, die sich plötzlich im Inneren eines porösen Asteroiden wiederfinden. Kenner von Aufbau-Simulationen wissen, was nun ansteht: die Basis erweitern, Ressourcen sammeln, Einrichtungen und Maschinen bauen – und stets darauf achten, dass sich die Masse der sich unweigerlich anhäufenden Provisorien, schlechter Kompromisse und bizarrer Kettenreaktionen erst später als früher zu manchmal absurd komischen Untergangsspiralen verdichten.

klei entertainment

Im Unterschied zu den Genrekollegen ist "Oxygen Not Included" in 2D-Seitenansicht gehalten, wartet aber dafür mit anderen Komplexitätsgraden auf: Weil der titelgebende Sauerstoff die lebenswichtigste Ressource ist, ist die Verwaltung von Luft und anderen Gasen essentiell wichtig. Verlockend geräumige Hohlräume nebenan sind möglicherweise mit tödlichem Kohlendioxid gefüllt, das sich aber, der Physik folgend, schwerer als Sauerstoff immer am Boden ablagert – das schreit nach einfallsreichen Ingenieursleistungen. In einem Technologiebaum lassen sich Filter, Gastransport-Mechanismen, simple Agrikultur und vieles mehr erforschen, um den kleinen Kolonisten das Leben so angenehm – und lang – wie möglich zu machen. Dank der inzwischen Klei-typischen Cartoon-Grafik wachsen einem die niedlichen Heldinnen und Helden mit all ihren persönlichen Ticks und Vorlieben schnell ans Herz – umso schlimmer, wenn irgendwann das fast Unvermeidliche geschieht.

Geschichtenmaschine mit schwarzem Humor

Der große Reiz von Aufbauspielen wie "Prison Architect", "Rimworld" und "Oxygen Not Included" liegt stets darin, dass die Komplexität der Simulation und eine Vielzahl ineinandergreifender Systeme quasi aus sich heraus immer neue Geschichten generiert, die dem linearen Erzählen aus Autorenhand oft an Absurdität, Humor und Überraschungsmomenten haushoch überlegen sind. Da macht es auch wenig, dass die vorliegende Early-Access-Version derzeit noch wenig Endgame-Content bietet.

Early-Access-Skeptiker können beruhigt sein: Einen besseren Ruf als Klei haben nur wenige Studios, was die zügige Fertigstellung und Verlässlichkeit betrifft. Schon die vorigen Hits "Don’t Starve" und "Invisible Inc." wurden lange vor Fertigstellung ebenso zum Spielen bereitgestellt – und haben sich zu prächtigen Spielen entwickelt, mit denen man aber schon in den unfertigen Versionen viel Spaß haben konnte. Zur Erinnerung: Auch das immens populäre "Rimworld" ist noch lange nicht "fertig". Die Chancen, dass die Early-Access-erprobten Kanadier von Klei "Oxygen Not Included" noch in diesem Jahr final veröffentlichen, stehen sehr gut. Wer das Genre mag, kann mit diesem knuddeligen, oft schwarzhumorigen Newcomer nichts falsch machen. (Rainer Sigl, 21.5.2017)

"Oxygen Not Included" ist erschienen für Windows (Early Access), UVP: 19,99 Euro

Link

"Oxygen Not Included"

Nachlese

"Rimworld" im Test

"Dwarf Fortress": Zwei Brüder widmen ihr Leben einer kostenlosen Welt-Simulation

  • Artikelbild
    screenshot: klei
  • Artikelbild
    screenshot: klei
  • Artikelbild
    screenshot: klei
  • Artikelbild
    screenshot: klei
  • Artikelbild
    screenshot: klei
    Share if you care.