Macron holt sich mit Édouard Philippe seinen Premier von der Gegenseite

15. Mai 2017, 21:53
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Frankreichs neuer Premierminister heißt Édouard Philippe. Der bisher wenig bekannte Konservative ist eine taktische Wahl

Nicht leicht, einem neuen Chef zu folgen, den man vor kurzem noch bekämpft hat. Aber Édouard Philippe (46) nimmt die Dinge gerne auf die leichte Schulter. Der nonchalante Bürgermeister der nordfranzösischen Hafenstadt Le Havre sei "ein echter Zentrist, humorvoll und sympathisch, mit Linken wie auch mit Rechten befreundet", beschreibt ihn ein ehemaliger Studienkollege.

Philippe, Sohn eines Lehrerpaares, das zum Teil in Deutschland tätig war, ist zwar Mitglied der konservativen Republikaner; aber er absolvierte wie Emmanuel Macron die École Nationale d'Administration (ENA), die Kaderschmiede der französischen Politelite. "Sie gleichen sich in vielen Dingen – in ihrer Intelligenz, Kultur und der Sicht der Gesellschaft", meint eine Parteifreundin Philippes. Im Wahlkampf schrieb er in einer Kolumne noch gegen Macron an: Dieser werde oft mit John F. Kennedy verglichen, doch fehle es ihm an Charisma.

Auch könne man nicht behaupten, dass er als Wirtschaftsminister "sehr viel bewegt hätte". Sehr böse klang das mitnichten. In einem Zeitungsinterview erklärte Philippe sogar: "Macron denkt zu 90 Prozent wie ich." Die intellektuelle Nähe ist allerdings nicht der einzige Grund, warum der politisch unabhängige Präsident den Konservativen zu seinem Premier gemacht hat. Es geschah auch, gerade weil Philippe den gegnerischen Republikanern angehört.

Bürgerliche Wähler

Der neue Staatschef braucht bei den Parlamentswahlen im Juni eine Regierungsmehrheit. Die moderate Linke hat er bereits auf seiner Seite, aber er muss auch bürgerliche Wähler anziehen. Macron wurde unlängst gefilmt, als er seinen Mitarbeitern erklärte: "Wir müssen jenen Teil der Rechten destabilisieren, der sich nicht in François Fillon wiedererkennt." Also jene Fraktion der Republikaner, die dem gemäßigten Fillon-Widersacher Alain Juppé zuneigt. Das trifft sich gut: Philippe ist ein Parteigänger Juppés. Und für Macron ist er nun das Werkzeug zur Aushebelung der Républicains.

Während seiner Studienzeit hatte sich Philippe in der Sozialistischen Partei (PS) eingeschrieben. Als sein Vorbild, der sozialliberale Premier Michel Rocard, von seinem Intimfeind François Mitterrand ausmanövriert wurde, trat Philippe aber aus der Partei aus. Er wandte sich dem Konservativen Juppé zu, ohne ein strammer Parteigänger zu werden: Zweimal kehrte er der Politik vorübergehend den Rücken, um als Anwalt und dann als Manager des Atomkonzerns Areva zu amtieren.

Daneben schrieb der Fan von Coppolas Filmtrilogie Der Pate zusammen mit einem anderen Juppé-Vertrauten einen satirischen Politkrimi. In der Realität engagierte sich Philippe vor einem halben Jahr für Juppé im Primärwahlkampf der Republikaner – bloß verlor Juppé gegen Fillon. Philippe zog sich darauf wieder nach Le Havre zurück. Der Vater von drei Kindern, der Kampfsport betreibt, aber eine panische Angst vor Zahnärzten und Haifischen hat, hielt bisher bewusst Distanz zur Pariser Politik.

Macron hatte ihn schon vor mehreren Tagen als Premier angefragt. Die Republikanische Partei drückte ihr "Bedauern" über die "individuelle" Entscheidung Philippes aus. Im Bemühen, absprungbereite Wähler nicht vor den Kopf zu stoßen, sprach die Partei nicht direkt von Verrat. Viele Kommentatoren verglichen den bürgerlichen Premier mit dem Sozialisten Bernard Kouchner, der 2007 vom konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy einen Ministerposten angenommen hatte.

Doch der Vergleich hinkt: Kouchner hatte den Sozialisten keinen direkten Wahlschaden verursacht. Philippe könnte die Republikaner hingegen um entscheidende Wählerstimmen bringen. Denn gerade im Juppé-Lager sind viele Konservative geneigt, Macron eine Chance zu geben und auf eine frontale Opposition zu verzichten – auch an den Wahlurnen. Philippe könnte zudem weitere Republikaner wie etwa den ehemaligen Sarkozy-Minister Bruno Le Maire in seine Regierung holen.

Macron bei Merkel

Montagabend reiste Macron nach Berlin, wo er mit militärischen Ehren von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel im Berliner Kanzleramt empfangen wurde. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz zeigten sich beide Politiker bereit, zur Modernisierung der EU auch bestehende Verträge zu ändern. "Wenn wir sagen können, warum, wozu, was die Sinnhaftigkeit ist, wird Deutschland jedenfalls dazu bereit sein", sagte Merkel, die sich bisher gegen EU-Vertragsänderungen ausgesprochen hat. (Stefan Brändle aus Paris, 15.5.2017)

  • Frankreichs sozialliberaler Präsident Emmanuel Macron macht den Konservativen Édouard Philippe (Bild) zu seinem Premier – und hofft damit auf einen Zuwachs im bürgerlichen Wählerspektrum.
    foto: apa / afp / joel saget

    Frankreichs sozialliberaler Präsident Emmanuel Macron macht den Konservativen Édouard Philippe (Bild) zu seinem Premier – und hofft damit auf einen Zuwachs im bürgerlichen Wählerspektrum.

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