Thomas Hürlimann: "Als Autor ist man zwangsläufig gläubig"

Interview16. Mai 2017, 12:00
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Der Schweizer Autor hält in Wien eine Poetikvorlesung, die sich mit dem Verhältnis von Religion und Literatur auseinandersetzt. Ein Gespräch über Gut und Böse, religiöse Symbole und Angst

Wien – Gibt es eine Verwandtschaft zwischen Theologie und Literatur, fragt der Schweizer Autor Thomas Hürlimann in einem Aufsatz. Seine Antwort lautet Ja, denn: "Beide Disziplinen sind universell. Sie suchen Gott und die Seele." Im Rahmen einer vom Institut für Systematische Theologie und Ethik initiierten Poetikdozentur hält Hürlimann heute Abend um 18.30 im Hörsaal 47 der Hauptuni Wien den zweiten von vier Teilen (weitere Termine: 23. und 30. Mai) seiner Vorlesung "Feuerschlag des Himmels" – Das Kreuz in der modernen Literatur.

STANDARD: In der Schweiz sorgten Sie mit Sätzen wie "Wo früher das Kreuz hing, hängt heute ein Rauchverbot" für Aufsehen. Auch Ihre Wiener Poetikvorlesung setzt sich mit diesem religiösen Symbol auseinander. Warum?

Hürlimann: Es ist das Symbol, das Zeichen des Abendlandes. Wenn die Kreuze sinken, werden wir ihnen früher oder später folgen. Zuerst gehen die Zeichen, dann gehen auch wir.

STANDARD: Real Madrid hat das Kreuz aus seinem Wappen gestrichen, um nicht die Gefühle muslimischer Anhänger und wohl auch von Investoren zu verletzen. Viele Europäer wollen das Kreuz aber auch nicht mehr überall haben.

Hürlimann: Diese vermeintliche Toleranz unterschlägt die eigene Herkunft und Kultur. Ich halte es für einen geradezu hirnrissigen Fehler, wenn wir meinen, aus Rücksicht auf Nichtreligiöse oder andere Religionen unsere Geschichte wegschleifen zu müssen. Wir bestehen aus dieser Geschichte, und es wird uns nicht gelingen, einen zeichenfreien Raum zu schaffen. Die verdrängten Zeichen werden durch andere ersetzt, und ich bezweifle, ob es bessere sind. Jedenfalls halte ich nichts davon, das Kreuz durch Schilder für das Rauchverbot zu ersetzen.

STANDARD: Die Frage nach Gut und Böse scheint heute an die Political Correctness delegiert zu sein.

Hürlimann: Das halte ich für eine brandgefährliche Sache. Wenn ich Werte nicht mehr kulturell, aus der Geschichte, ableite und sie damit über ihre Entwicklung überprüfen und diskutieren kann, ist die Gefahr groß, in Setzungen ideologischer Art zu verfallen. Da ist man dann rasch bei dem, was Thomas Mann als "Humanitäts-Prinzipienreiterei mit dem Hang zum Blutgerüst, zur Guillotine" bezeichnet. Die Frage nach Gut und Böse kommt aus zwei Räumen. Einerseits aus der Tradition, in unserem Fall auch aus der Bibel, andererseits ist es eine im Philosophischen und Metaphysischen angesiedelte Fragestellung. Wir stehen dazwischen. Also zwischen der Geschichte und den Sternen, wie Kant sagte. Oder zwischen unserer Herkunft aus der Tiefe der Zeiten und den allgemeingültigen Räumen.

Was passiert, wenn die großartigen Errungenschaften der Menschheit, die langen Denktraditionen und immer wieder leicht veränderten und überprüften Kategoriensysteme durch Setzung einer Ideologie, die uns ein bestimmtes Menschenbild abverlangt, ausgetauscht werden, zeigt die Geschichte. Ideologien, die bessere Menschen produzieren wollen, landen früher oder später immer beim "Blutgerüst", beim Terror. Dagegen versuche ich mich zu wehren.

STANDARD: Würden Sie sich als gläubigen Menschen bezeichnen?

Hürlimann: Als Autor ist man zwangsläufig gläubig. Man verbringt ja sein Leben damit, Räume zu schaffen, die zwar von der vorhandenen Realität leben, aber über sie hinausgehen. Man macht Vergangenes, Verlorenes, Abwesendes im Text anwesend – das ist ein religiöser Vorgang.

STANDARD: Literatur soll und muss in Ihren Augen provozieren. Gilt dasselbe für die Religion?

Hürlimann: Religion, richtig verstanden, ist stets eine Provokation. Es ist neueren Datums, dass man nur noch eine ins Psychologistische und Moralische abgesoffene Wohlfühlreligion pflegt. Nietzsche spricht in diesem Zusammenhang vom Grunzen der Moral.

So wie die Religion darin ersäuft, säuft auch die Literatur darin ab. Sie sollte nie moralisieren, sehr wohl provozieren.

STANDARD: Ein Problem der heutigen Zeit sind Zukunfts- und andere Ängste. Was gilt es zu tun?

Hürlimann: Mein Vorschlag wäre, 24 Seiten von Heidegger, nämlich seinen Aufsatz Was ist Metaphysik? zu lesen. Er entwickelt darin den Unterschied zwischen Furcht und Angst. Eine Furcht vor Hunden oder vor dem Verlust eines Zehennagels ist immer konkret, man kann damit umgehen oder sich ihr stellen. Was sich heute in der Tat teilweise breitmacht, ist eine Angst, die man nicht definieren kann. In ihr offenbart sich laut Heidegger das Nichts. "Es wird einem unheimlich", sagt er. Man verliert sein Personalpronomen, man landet im Leeren, aber immerhin hat man seine Angst benannt und weiß nun, dass man durch den Nihilismus hindurch zu neuen Werten kommen muss.

Es gibt in diesen Dingen keinen besseren Ratgeber als die großen Romane der Weltliteratur. Man kann feststellen, dass alle Figuren – das fängt in der Antike an und geht bis heute – früher oder später in diese Angst hineingeraten. Man wird 50 und fragt sich: Ist das schon alles gewesen, kann ich noch einmal neu anfangen, habe ich mein Leben gelebt oder habe ich es verpasst? Es tut gut, dann Brüder oder Schwestern zu haben, die genau diese Fragen stellen, die können Odysseus heißen oder Robinson oder Madame Bovary oder grüner Heinrich. Alle stoßen sie an diese Fragen, leben mit diesem Zweifel, und die meisten von ihnen finden eine Lösung. Ob diese dann funktioniert oder nicht, ist eine andere Frage.

STANDARD: Wovon handelt die heutige Vorlesung?

Hürlimann: Von Michail Bulgakows Roman Der Meister und Margerita. Er hat ihn unter Lebensgefahr geschrieben, im Moskau der Stalin-Zeit, in der die Geschichte auch spielt. Die Religion ist abgeschafft, die Gesellschaft bis ins Letzte aufgeklärt, der neue Sowjetmensch ein rationales Wesen. Da taucht der Teufel auf, ein eleganter Varietékünstler, und mit ihm bricht in die nihilistische Welt die alte Metaphysik ein. Daraus wird eine Klamotte mit dem größtmöglichen Tiefgang. (Stefan Gmünder, 16.5.2017)

Thomas Hürlimann, geb. 1950, studierte Philosophie in Zürich und in Berlin. Nach Regieassistenzen am Schillertheater Berlin und am Staatstheater Stuttgart feierte er ab den 1980er-Jahren mit Stücken (u. a. "Stichtag", "Das Lied der Heimat") und Prosaarbeiten ("Die Tessinerin", "Fräulein Stark") große Erfolge. Sein Werk wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Er lebt in Berlin.

  • Literatur macht Vergangenes, Verlorenes, Abwesendes im Text anwesend: Thomas Hürlimann.
    foto: henning klingen / kathpress

    Literatur macht Vergangenes, Verlorenes, Abwesendes im Text anwesend: Thomas Hürlimann.


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