"Hell or High Water": Im Land des Verbrechens und der Gerechtigkeit

    16. Mai 2017, 12:00
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    Schnörkelloser US-Gangsterwestern von David Mackenzie mit Chris Pine und Ben Foster als Brüderpaar

    Wien – Manchmal erzählen Filmplakate tatsächlich noch etwas über den Film, den sie bewerben. Auf jenem von Hell or High Water sieht man zwei Männer mit aufgeknöpftem Hemd und Jeansjacke, in der linken Hand jeweils eine schwarze, prall gefüllte Tasche, in der rechten einen Revolver und ein automatisches Gewehr. Gelb schimmern das vertrocknete Gras und der Horizont, und über allem ragt das Gesicht eines Mannes mit weißem Hut und dunkler Sonnenbrille, der unschwer als Sheriff zu erkennen ist. Damit ist eigentlich fast alles in einem Bild erzählt, sogar die Botschaft dieses Films als Untertitel: Justice isn't a Crime.

    foto: park circus
    Brüder auf der Flucht: Chris Pine (li.) und Ben Foster.

    Nun ist Gerechtigkeit natürlich kein Verbrechen, die Frage ist allerdings, unter welchen Umständen sie vollzogen wird. Für die Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner (Ben Foster) sind ihre Raubüberfälle absolut gerechtfertigt: Bezahlen soll nur jene Bank, die ihre Familie in den Ruin getrieben hat. Die verschuldete Farm, die Toby als Erbe zugefallen ist, würde sich aber gut als neues Heim für seine geschiedene Frau und seine beiden Söhne machen.

    Hell or High Water, inszeniert von David Mackenzie, ist ein schnörkelloser Film, der wie seine Protagonisten ein klares Ziel verfolgt. Erzählt wird, was Sache ist. Wenn Jeff Bridges als kurz vor der Pensionierung stehender Texas Ranger die Spur der Brüder aufnimmt, geht er denselben Weg wie so viele Sheriffs der Filmgeschichte: Voller Sarkasmus – auch gegenüber seinem halbindianischen Deputy – gehört er zum lebendigen Inventar dieser Gegend. Er ist ein Relikt aus der Vergangenheit, dem dieser Film nicht weniger huldigt als seinen Helden. Texas, das Land der Kinomythen, ist nicht mehr das, was es war.

    cbs films

    Mackenzie und sein Autor Taylor Sheridan, der bereits mit dem Thriller Sicario ein außergewöhnliches Drehbuch über den Drogenkrieg im mexikanischen Grenzgebiet schrieb, versuchen sich erst gar nicht an elaborierten Wendungen, sondern buchstabieren die Szenen lieber aus: Wenn die Kamera gleich zu Beginn mit einer minutenlangen Fahrt den Parkplatz der Bankfiliale vermisst, wird einem das Tatmotiv gleich mitgeliefert. "3 tours in Iraq. But no bailout to people like us", hat jemand an eine Hausmauer gesprüht. Das Geld aus dem weit entfernten Washington ist jedenfalls nicht in Hilfsprogramme geflossen.

    Endlich zu Hause

    Hell or High Water erzählt also weniger von Gerechtigkeit als von Wiedergutmachung – und vom Preis, den man zu zahlen hat, wenn man meint, selbst nichts mehr wert zu sein. Mackenzie und Sheridan verbinden Motive des klassischen Gangsterfilms mit jenen des modernen Westerns, während sie die Landschaft selbst zum Akteur machen: Beinahe anachronistisch wirken die kleinen Ölpumpen am Straßenrand und die Cowboys mit ihren Rinderherden ("These boys are on their own").

    Am Abend vor ihrem letzten Raub stehen die Brüder am Zaun ihrer Farm. Weit ist das Land und tief steht die Sonne, und zum ersten Mal fühlen sich die beiden Männer zu Hause. Dann wird auch ein einziges Mal in diesem Film gelacht. (Michael Pekler, 16.5.2017)

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