Strache braucht eine neue Strategie

Kommentar15. Mai 2017, 13:09
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Seit drei Jahrzehnten besteht die Positionierung der FPÖ darin, sich als Alternative zu den "Altparteien" zu inszenieren. Jetzt sieht sie selber alt aus

Es hat immer wieder funktioniert: Haider gegen Vranitzky. Haider gegen Klima. Haider gegen Schüssel (dem er die Kanzlerschaft erst ermöglicht hatte). Strache gegen Häupl. Strache gegen Faymann. Immer wieder hat die freiheitliche Wahlkampfstrategie darin bestanden, eine Duellsituation herbeizuführen: hier die erfrischende Kraft einer volksverbundenen Bewegung – dort ein etablierter Politiker einer "Altpartei".

Eine neue Duellsituation

So ein Duell hat vor allem einen Vorteil: Wenn die Duellsituation von den Medien und den Wahlberechtigten ernst genommen wird, dann zieht sie einen Großteil der Aufmerksamkeit auf die beiden Duellanten. Das war den jeweils Herausgeforderten nicht einmal unrecht: Wo Haider oder Strache sich an einem etablierten Politiker gerieben haben, konnte dieser sicher sein, dass ihm andere politische Mitbewerber nicht zu nahe kommen würden, denn die sind nicht mehr weiter aufgefallen. Mehr noch: Man konnte sich mithilfe der Blauen als die wesentliche Kraft profilieren, die eine möglicherweise drohende Machtübernahme durch die FPÖ verhindern könnte.

Wenn jetzt Sebastian Kurz – mehr oder weniger befreit vom behäbigen Image der ÖVP – als klar profilierter (und wesentlich jüngerer) Herausforderer von Kanzler Christian Kern antritt, dann bekommt Strache ein Problem: Die Aufmerksamkeit, die wichtigste Währung im Wahlkampf, geht ihm verloren. Er schaut, mit oder ohne Brille, plötzlich recht alt aus. Kommentatoren fällt auf, dass er der längstgediente Parteichef in Österreich ist.

Protestwähler sind der FPÖ nicht mehr sicher

Strache, dessen Partei monatelang Umfragesieger war, muss also eine neue Wahlkampfstrategie finden, um die bisher guten Umfragewerte im Herbst in Stimmen umzusetzen. Am Montag haben er und sein Generalsekretär Herbert Kickl, der Österreichs erfahrenster Wahlkämpfer ist, die neue Linie angedeutet: Erstens geht es wohl nicht mehr nur darum, die Protestwähler zu organisieren – von denen könnten sowieso viele zum neueren Angebot von Kurz abwandern. Daher muss zweitens die Botschaft verbreitet werden, dass zwischen SPÖ und ÖVP, zwischen Christian Kern und Sebastian Kurz ohnehin kein Unterschied bestehe. Drittens muss die FPÖ, will sie erfolgreich sein, die Inhalte in den Vordergrund stellen – da ist ihr Schlagerthema Ausländer/Islam nicht ausreichend, denn ihre potenziellen Wähler wollen Versprechen, wie Österreich denn anders regiert werden könnte.

Das ist schließlich, viertens, die Chance der FPÖ: Selbst wenn sie jetzt nicht mehr so zuversichtlich auf einen Wahlsieg spekulieren kann, ist es in der derzeitigen Situation offensichtlich, dass Bürger und Medien genug haben von der Koalition der in vielen zentralen Politikbereichen auf gegensätzliche Standpunkte festgelegten Parteien SPÖ und ÖVP. Die Chancen mitzuregieren sind für Strache jedenfalls besser geworden, auch wenn die Chancen, Erster zu werden, gesunken sind. Mit radikalen Ansagen könnte er sich allerdings beide Chancen verderben. (Conrad Seidl, 15.5.2017)

  • Dem FPÖ-Chef kommt seine bisherige Wahlkampfstrategie abhanden.
    foto: reuters/leonhard foeger

    Dem FPÖ-Chef kommt seine bisherige Wahlkampfstrategie abhanden.

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