Theranostik: Mit radioaktiven Molekülen behandeln

    15. Mai 2017, 11:59
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    Krebs oder Alzheimer: Mit neuen Methoden will die Radiologie die Diagnostik verbessern und Krankheitsaktivität sichtbar machen – Theranostik kommt

    Dresden – Vom 14. bis zum 19. Mai 2017 fand in Dresden eine Konferenz mit mehr als 800 Wissenschaftler statt, bei der radioaktiv markierte Substanzen im Mittelpunkt standen. Diese sollen dabei helfen, Krebserkrankungen besser zu diagnostizieren und in Zukunft auch wirksam zu therapieren. Ein weiterer Fokus liegt auf der Diagnose von neurodegenerativen, neuropsychiatrischen oder entzündlichen Krankheiten. Organisator vor Ort ist das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR).

    Die Schwerpunkte liegen einerseits auf der Entwicklung von radioaktiven Sonden für eine verbesserte Bildgebung in der Onkologie sowie in den Neurowissenschaften und andererseits auf neuen therapeutischen Ansätzen mithilfe von radioaktiv markierten Substanzen. Gerade für Volkskrankheiten wie Krebs oder Alzheimer haben sich in den letzten Jahren neue diagnostische Möglichkeiten aufgetan. "Vor allem im Kampf gegen Krebs wäre es ideal, wenn wir mit ein und derselben Substanz die Tumorzellen im Körper aufspüren und vernichten könnten.

    Sehen und handeln

    Diesen Ansatz nennen wir Theranostik, zusammengesetzt aus Therapie und Diagnostik", erläutert der Radiochemiker Jörg Steinbach, diesjähriger Konferenz-Präsident und Direktor des Instituts für Radiopharmazeutische Krebsforschung am HZDR. Die Idee: Ein radioaktiv markiertes Molekül wandert im Körper ganz gezielt zum Krebsherd oder zu den Metastasen und dockt dort an. Als spezielle Sonde für die Bildgebung trägt dieses Molekül zum Beispiel radioaktives Fluor oder radioaktives Gallium. Von außen lässt sich die Verteilung solcher Sonden mithilfe der Positronen-Emissions-Tomographie messen und im Bild darstellen – damit ist eine genaue funktionelle Diagnose möglich.

    Genau das gleiche Molekül, allerdings mit einem therapeutisch wirksamen Radionuklid versehen, kann dann die Krebszellen im Körperinneren abtöten – an solchen Entwicklungen arbeiten die Radiopharmazeuten weltweit. Ein jüngstes Beispiel: Für Patienten mit Prostatakrebs hat der theranostische Ansatz bereits klinische Relevanz.

    PSMA ist ein Oberflächenprotein, das auf Krebszellen der Prostata vorkommt. Hier ist es gelungen, einen PSMA-Liganden herzustellen, also eine Substanz, die aus einer PSMA-bindenden Einheit besteht. Diese wurde so verändert, dass Radionuklide daran binden können, etwa Gallium-68 und Fluor-18 – für die Bildgebung geeignet – oder Lutetium-177 und Yttrium-90 für den therapeutischen Einsatz.

    Einsatz bei Prostatakrebs

    So zerstört das radioaktive Metall Lutetium-177 mit einer Reichweite von etwa einem Millimeter die Tumorzellen direkt vor Ort im Körper. Federführend sind hier die Radiopharmazeuten am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Da Studien zeigen, dass bei manchen Patienten die interne Bestrahlung mit dem radioaktiv markierten PSMA-Liganden nur unzureichend den Tumor zerstört, ist es wichtig, die zugrundeliegenden Mechanismen noch viel besser zu verstehen.

    Ziel der Theranostik ist es, für jeden individuellen Patienten die richtige Therapie anbieten zu können. Radioaktiv markierte Substanzen (Radiotracer) spielen hier eine wichtige Rolle. Mit ihnen lassen sich gerade in der Onkologie funktionelle Diagnosen absichern und wertvolle Informationen auch über den Therapieverlauf gewinnen – und das ohne operativen Eingriff. Deshalb arbeiten radiopharmazeutisch ausgerichtete Forschergruppen weltweit an neuen Radiotracern zur genaueren Charakterisierung von Tumoren.

    Status Quo und Ausblick

    Im Fokus stehen aber auch Radiotracer für eine Reihe neurodegenerativer, neuropsychiatrischer oder entzündlicher Erkrankungen. Ein anderer Zweig der Radiopharmazie beschäftigt sich mit kardiologischen Fragestellungen, seltenen Tumorarten und Nanopartikel für die Bildgebung. Während die Arbeiten zu Nanopartikeln noch weit von der klinischen Anwendung entfernt sind, sollen spezifische radioaktive Sonden für seltene Tumore möglichst schnell den betroffenen Patienten zugutekommen. (red/idw 15.5.2017).

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