Ein- bis Zehnjährige unter einem Dach: Ein Schulbesuch

15. Mai 2017, 09:00
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Im Montessori-Zentrum im Vorarlberger Ludesch lernen Kinder nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen

Ludesch – "Die Schnecke, die kommt von ganz weit her, die hat jemand mitgebracht, jetzt wohnt sie hier bei uns in der Schule", Jasmin zeigt auf einen Glasbehälter, in dem eine riesige Schnecke ihre Fühler aus einem nicht weniger großen Schneckenhaus streckt. Die Schnecke werde regelmäßig von den Kindern gefüttert, das sei ja wohl klar, erzählt die Elfjährige.

Sie führt die Besucherin weiter durch das Gebäude. Gäste sind im Montessori-Zentrum Oberland in Ludesch nichts Ungewöhnliches. "Ich hab schon viele geführt. Komm, ich zeig dir noch die Kleinkindergruppe und den Kindergarten", sagt Jasmin. Und den Versammlungsraum müsse man auch sehen. "Dort ist jeden Montag der Morgenkreis, dort besprechen wir alles." Alles? "Ja, wir reden auch darüber, wenn was nicht passt."

Im Alter von einem bis elf Jahren

Jasmin ist eines von 70 Kindern, die Kleinkindergruppe, Kindergarten oder Volksschule im Montessori-Zentrum in Ludesch (Bezirk Bludenz) besuchen. 2002 von engagierten Eltern als Kindergarten gegründet, bietet man heute Kindern von einem bis elf Jahren Begleitung nach den Grundsätzen von Maria Montessori. Neben den kognitiven Fähigkeiten werden soziale Kompetenz und Eigenverantwortung vermittelt. Alle Kinder sind hier gleich, Inklusion ist kein Schlagwort, sondern wird gelebt.

"Hier dürfen die Kinder tun, was sie wollen", diesem Gerücht sei nicht leicht beizukommen, sagt Heike Hartmann, die Geschäftsführerin des Montessori-Zentrums. Ein Blick in das frühere Bürogebäude auf dem Areal eines Gewerbeparks würde Skeptiker eines Besseren belehren. Auch wenn strikte Klassen- und Stundeneinteilungen hier unbekannt sind, arbeiten die zwölf Pädagoginnen nach klaren Strukturen. Bei Bedarf haben die Kinder fünf Jahre Zeit, sich den Lehrstoff der Volksschule zu erarbeiten. Die Fortschritte werden notiert, im Dreiergespräch Kind, Lehrerin, Eltern besprochen.

Keine Trennung nach Klassen

Was besonders auffällt: Es gibt keine Trennung nach Klassen oder Alter. Die Kinder finden sich in kleinen Gruppen, zu zweit oder zu viert an Bänken zusammen oder noch lieber auf einem der vielen Teppiche. Sie arbeiten gemeinsam. Größere helfen Jüngeren, wer etwas besonders gut kann oder weiß, gibt es Schwächeren weiter.

"Mi-mi, mo-mo?", ein Bub versucht sich im Lesen. Die Lehrerin ermuntert ihn, lobt. Ein Zweiter setzt sich dazu, zeigt, dass er es schneller und besser kann. "Magst du mit dem Lukas lesen?", fragt die Lehrerin. "Ja, aber drüben im Lesezimmer." Kurze Zeit später sitzen die beiden Buben tief in ihr Buch und einen Sitzsack versunken, haben die Welt um sich herum vergessen. Jedes Kind wird mit einem natürlichen Lerneifer geboren, ist ein Leitgedanke der Montessori-Pädagogik. Die umgebenden Räume sollen den Forschergeist unterstützen. Begreifen lernen im wahrsten Sinne des Wortes sollen sie die Welt.

Zehnjähriges Jubiläum

Das Montessori-Zentrum feierte unlängst sein zehnjähriges Jubiläum. Die Wünsche für die nächste Dekade? Mehr Räume, damit nicht weiter Kinder auf die Warteliste gesetzt werden müssen, und Mittel, die Schule auf eine der Sechs- bis 15-Jährigen auszuweiten, sagt Hartmann. (Jutta Berger, 15.5.2017)

  • Die Kinder im Montessori-Zentrum lernen gemeinsam, Größere helfen Kleineren – und die Kinder reden, was ihre Lernfortschritte angeht, mit.
    foto: montessorizentrum

    Die Kinder im Montessori-Zentrum lernen gemeinsam, Größere helfen Kleineren – und die Kinder reden, was ihre Lernfortschritte angeht, mit.

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