Rüstungswettlauf: Wie Amazon die Konkurrenz austrickst

14. Mai 2017, 13:43
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Viele Internet-Händler ändern ihre Preise mehrmals am Tag, immer trickreichere Programme helfen beim Ausspähen der Konkurrenz

San Francisco – Der Konkurrenzkampf im Internet-Handel verlagert sich immer stärker an die Technologiefront. Weil schon Preisunterschiede von 50 Cent über Wohl und Wehe der Absätze entscheiden können, setzt die Branche zum Ausspähen von Rivalen mehr und mehr trickreiche Roboterprogramme ein. Mit diesen sogenannten Bots – von Computern erzeugten Identitäten, die sich als Kaufinteressenten ausgeben – durchforsten die Online-Händler das Sortiment der Konkurrenz, um auf Preisunterschiede so schnell wie möglich reagieren zu können. Die Gegenseite nutzt immer ausgefeiltere Abwehrtechniken. "Das ist ein Rüstungswettlauf", sagt Branchenexperte Keith Anderson vom irischen Analysehaus Profitero. "Jede Woche oder jeden Monat gibt es neue Vorstöße von beiden Seiten." Amazon, der weltgrößte Online-Händler, ist Insidern zufolge auch hier dominierend.

Kein Zugriff

So erlebte Anfang Januar der US-Einzelhandelsgigant Wal-Mart eine böse Überraschung. Sein Programm, das täglich millionenfach die Preise von Amazon sichtet, stellte plötzlich die Arbeit ein. Wochenlang konnte es laut Insidern nicht auf die Amazon-Preise zugreifen, Wal-Mart war den Angaben zufolge gezwungen, auf kostspielige Dienste eines anderen Anbieters zurückzugreifen. Der lange Zeit unbekannte Vorfall ist ein Beleg für die technische Vormacht von Amazon, die dem Konzern beim Festigen seiner Führungsrolle im Online-Handel hilft. Dank der Abwehrtechnik kann Amazon seine Rivalen über die eigenen Preise im Dunkeln lassen und sich zugleich durch eigene Späh-Bots einen Vorteil verschaffen.

In diesem Fall nutzten die Preisspione von Wal-Mart den Insidern zufolge offenbar einen speziellen Internet-Browser für Programmierer. Dies war wohl ein Alarmsignal für die Kontrolleure bei Amazon, dass hier keine echten Käufer das Sortiment begutachteten, sondern Bots. Amazon verbarg sein Angebot daraufhin mit einer Art digitalem Vorhang vor dem Zugriff der Spähprogramme.

Katz- und Maus-Spiel

An manchen Tagen gehen rund 80 Prozent der Clicks auf Produkte bei Amazon auf Bots zurück. Dabei handelt es sich neben den Preisspähern häufig um branchenspezifische Forschungen, Suchmaschinen, Werbedienste, aber auch um Hacker und Online-Betrüger, die Kunden-Konten im Visier haben. Auch Google verwendet solcher Roboter-Programme, um Ergebnisse für seine Suchmaschine zu liefern. Umstritten sind sie vor allem bei der Meinungsmache in Online-Netzwerken wie Facebook oder den Kommentarfunktionen von Medien.

Im Internethandel führen sie immer mehr zu einem Katz-und-Maus-Spiel. Während herkömmliche Händler ihre Preise wegen des Aufwands und der Kosten gewöhnlich nicht mehr als einmal wöchentlich ändern, wird in der Welt des E-Commerce oft mehrmals täglich nachjustiert. Hier kommen Programme zum Einsatz, die Lagerbestände, Absatzprognosen und die Preise der Konkurrenz in ihre Kalkulation einbeziehen.

Immer über Preisschritte informiert

So greifen Online-Unternehmen wie der US-Großhändler Boxed, der etwa Toilettenpapier und Tiernahrung an Großabnehmer verkauft, auf verschiedenste Techniken zurück, um auch alle 20 Minuten über Preisschritte der Konkurrenz im Bilde zu sein. "Gerade während des Weihnachtsgeschäfts ist das eine Ewigkeit", sagt Firmenchef Chieh Huang. "Wenn wir keine anständigen Preise haben, bekommen wir das sofort zu spüren."

Um zwischen Bots und echten Kunden zu unterscheiden, nutzen viele Online-Händler die sogenannte "Captcha"-Technik. Hier müssen Nutzer für den Zugang zu einer Internet-Seite eine vorgegebene Kombination aus Buchstaben und Zahlen eingeben, die nur Menschen lesen können, nicht aber Roboter. Amazon verzichtet allerdings auf diese Zugangskontrolle – um seine Kunden nicht zu vergraulen. (Reuters, Jeffrey Dastin, 14.5.2017)

  • Manche können ihre Preise wegen des Aufwands und der Kosten gewöhnlich nicht mehr als einmal wöchentlich ändern, andere machen das täglich.
    foto: reuters/kim kyung-hoon

    Manche können ihre Preise wegen des Aufwands und der Kosten gewöhnlich nicht mehr als einmal wöchentlich ändern, andere machen das täglich.

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