Vor Whistleblowerin Chelsea Mannings Freilassung: "Wir haben gewonnen"

14. Mai 2017, 12:00
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Aktivistin und Freundin Evan Greer über den Kampf für die Frau, die als US-Soldat 700.000 Militärdokumente über den Irakkrieg leakte

Perugia– Kommenden Mittwoch wird Whistleblowerin Chelsea Manning aus dem Gefängnis entlassen und sich nach sieben Jahren in Männertrakten von US-Militärgefängnissen einer operativen Geschlechtsangleichung unterziehen. Unter ihrem früheren Namen Bradley Manning spielte sie Wikileaks während ihrer Stationierung im Irak Hunderttausende geheime Dokumente über die Kriege in Afghanistan und im Irak zu, etwa die Tötung von Journalisten und anderen Zivilisten im Video "Collateral Murder". Beim Journalismusfestival in Perugia sprach Mannings Freundin, die Aktivistin Evan Greer, die sich maßgeblich für Mannings Freilassung eingesetzt hat.

Hunderttausende von Menschen wurden mobilisiert, um das Unmögliche möglich zu machen, erklärte Greer im beim Journalismusfestival im April. Und darüber, was das aus ihrer Sicht für die Veränderung der Welt bedeutet. Chelsea Manning und Evan Greer verbinde heute eine tiefe Freundschaft, ohne dass die beiden sich je getroffen haben.

Ein Vortrag der Tränen

Als Evan Greer in der Sala dei Notari über ihren Kampf für Mannings Gerechtigkeit spricht, werden im Publikum immer wieder die Taschentücher gezückt. Besonders, als Greer das eigene Kind erwähnt, wird die Sprecherin emotional: "Der Tag, an dem ich meinem sechsjährigen Kind erzählen konnte, dass meine Freundin freigelassen wird, war der Tag, an dem ich wusste: Mein Kind wird in einer Welt groß, in der Veränderung möglich ist."

Evan Greer wurde selbst als Mann geboren und lebt seit der Schwangerschaft der Freundin als Transgender-Frau. Der Sohn der beiden trägt einen Mädchennamen und soll so geschlechter-stereotypenfrei wie nur möglich erzogen werden. Greer wurde als Sänger in den USA bekannt, bevor sie schließlich zur Aktivistin wurde.

Make-up im Männergefängnis

Evan Greer und Chelsea Manning sind einander noch nie gegenüber gestanden und doch ist ihre Freundschaft sehr innig. Sie würden wöchentlich telefonieren, sagt Greer, und sich am liebsten über Make-up und Popmusik unterhalten. Make-up sei für Manning als Transgender-Frau ein besonders wunder Punkt im Gefängnis gewesen. Da sie sich nach wie vor in einer reinen Männerhaftanstalt befindet, wurde ihr alles Genderbezogene verwehrt, womit sie sich als Frau hätte fühlen können. Vom Lippenstift bis zur Psychotherapie musste alles hart von ihren Aktivisten außerhalb der Gefängnismauern erkämpft werden.

Greer wusste ihre Bekanntheit als Musikerin gut einzusetzen und Manning wird von ihrem Umfeld als Meisterin des Networkings beschrieben. Gemeinsam war es ihnen immer wieder möglich wichtige Verbindungen zu knüpfen. Allein für die Aktion #HugsForChelsea wurden mehrere tausend Bilder von Privatpersonen gesammelt, die sich mit Chelsea Manning solidarisierten und ihre Unterstützung für Transgenderrechte öffentlich zeigten. Diese Aktion gelte, so Greer, unter Aktivisten nicht nur als großer Schritt für die LGBTQ-Community, sondern zeige auch, was tatsächlich in der Welt bewirkt werden kann.

Chelsea Manning hasst den Begriff Whistleblower

Manning sendete aus dem Irak-Krieg rund 700.000 geheime Militärdokumente an WikiLeaks, um über die Aktivitäten der US-amerikanischen Regierung im Nahen Osten zu informieren.

Als die am längsten inhaftierte Whistleblowerin der USA musste Chelsea Manning sieben Jahre lang – so schildert es Greer – Misshandlung und Folter ertragen. In den ersten sieben Monaten ihrer Haft stand sie unter 24-Stunden-Überwachung, es wurde ihr nicht einmal gestattet sich hinzulegen. "In den letzten sieben Jahren war für Chelsea alles ein Kampf. Von der Misshandlung im Gefängnis bis zur Schwierigkeit endlich eine Frau zu werden.", so ihre Freundin Greer.

Verhasster Begriff Whistleblowerin

Den Begriff Whistleblowerin hasst Manning, erzählt Greer. Sie würde sich selbst nicht als solche sehen, denn sie habe nur getan, was richtig und notwendig war. Und sie würde es jetzt wieder tun. Auch wolle sie nicht als Heldin dargestellt werden, sie wolle sein, wer sie ist, und für Gleichberechtigung eintreten.

Am 17. Mai lässt sie das Gefängnis hinter sich. Zu 35 Jahren verurteilt, begnadigte sie Barack Obama, eine der letzten Akte seiner Präsidentschaft.

Mannings ersten in Freiheit beschreibt Greer so: Einen Burger essen und mit ihrer Freundin tanzen gehen. Und Evan Greer kann sie endlich in den Arm nehmen. (Judith Brandstötter, 14.5.2017)

Das Video

Das Video von Evan Greers Vortrag beim Journalismusfestival in Perugia:

international journalism festival

Zum Projekt

Vom Internationalen Journalismus-Festival in Perugia berichten Studierende des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW. Die Artikel und Videos finden Sie gesammelt in diesem Schwerpunkt auf derStandard.at/Etat

Judith Brandstötter googelt alles und jeden. Sie studierte Italienisch und Publizistik in Wien und Catania. Neben dem Journalismus-Studium arbeitet Judith für Puls 4 und ist begeisterte Autodidaktin in Chemie. Sie hadert damit, dass ihr Familienname stets falsch geschrieben wird.

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