Eurovision Grand Final: Was uns heute Abend erwartet

Blog13. Mai 2017, 12:35
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Wer gewinnt? Italien oder Portugal? Oder überholt Bulgarien noch alle Favoriten? Sind die Prognosen alle falsch? Kann Nathan Trent im Finale reüssieren? Die Vorschau auf das Finale

Die zwei Wochen in Kiew haben die Favoriten- und die Herausfordererrolle, die seit Monaten fix vergeben waren, getauscht. Der Italiener Francesco Gabbani war seit seinem Sieg beim Sanremo-Festival am 11. Februar unangefochtene Nummer Eins der Wettquoten, die Herausfordererrolle hatte Portugals Salvador Sobral. Eigentlich rechnete jeder mit einem italienischen Erdrutschsieg.

Doch dann kam dieser Salvador Sobral zwei Tage vor seinem Auftritt im ersten Semifinale nach Kiew, und danach änderte sich alles. Am Vortag des Grand Finals überholte er Francesco Gabbani in den Wettquoten. Der portugiesische Psychologiestudent ist plötzlich der große Favorit für den Sieg und der Italiener der Herausforderer.

Auch Bulgarien hat noch Chancen mit dem, unter anderen vom Österreicher Sebastian Arman komponierten, Beitrag "Beautiful Mess" zu überraschen. Nur Außenseiterchancen haben Schweden, Armenien, Aserbaidschan, Rumänien und Belgien. Antreten werden 26 Länder (und ich tippe wieder einmal auf die Gefahr hin, mich zu blamieren):

1. Israel: IMRI – I Feel Alive

Dancefloor aus einer Tel Aviver Strandparty eröffnen das Finale, was nicht unbedingt das Schlechteste ist. Israel schickt gute Laune ins Rennen. "I Feel Alive" ist allerdings ein recht generischer Song, da fehlt ein bisschen das Herz. An "Golden Boy", dem erfolgreichen Wiener Beitrag aus Israel, kommt dieser Song nicht heran. In Wien war Imre übrigens noch einer der Background-Sänger.

Tipp: weiter hinten

2. Polen: Kasia Moś – Flashlight

Polen sah ich nicht im Finale und doch singt sie heute Abend. Ich weiß auch nicht warum die das schaffte. Der Fluch der Startnummer 2 – der Startplatz, der 61 Jahre nie gewinnen konnte – wird auch 2017 Mythos bleiben. Die polnische Powerballade hat im ersten Semifinale offenbar einigen gefallen. Vielleicht auch nur der polnischen Diaspora. Mir gefällt das nicht.

Tipp: Schlusslichtplätze

3. Weißrussland: Naviband – Historyja majho žyccia

Der weißrussische Beitrag ist ein Stück Folkpop, der wirklich Spaß macht und in Kiew die Herzen der Fans vor Ort erreichte, und bei den Parties zu einem Singalong-Dauerbrenner wurde (zumindest die mitsingbaren Parts, denn Weißrussisch können hier nicht so viele).

Tipp: Oberes Mittelfeld

4. Österreich: Nathan Trent – Running on Air

Das Ziel war das Finale, und wie immer bei einem österreichischen Beitrag, ist alles weitere eine schöne Draufgabe. Diese könnte für Nathan viel Radio-Airplay in Europa sein. Laut Spotify-Listen ist er schon ein enorm viel gestreamter Künstler in Europa. Er hat seine Sache hier mit viel Energie ganz hervorragend gemacht. Er kann heute befreit und ohne Druck singen, das wird helfen weiter zu strahlen.

Tipp: Mittelfeld

5. Armenien: Artsvik – Fly With Me

Die erste Kandidatin heute Abend, die ganz weit vorne mitmischen wird können. Der hypnotische Ethno-Beat, die langsame Steigerung, die charismatische Ausstrahlung von Artsvik: Da stimmt das Gesamtpaket. Armenien verwöhnt all diejenigen, die vom Eurovisionseinheitsbrei schon etwas genug haben und die Ethno-Töne vermissen. Dass diese sehr zeitgemäß und überraschend sein können, beweist Armenien.

Tipp: Top 5

6. Niederlande: OG3NE – Lights and Shadows

Ich nehme meine Oranje-Brille als gebürtiger Niederländer jetzt einmal ab. Der Song ist auch dann noch eine Wucht. Wenig Bühneninszenierung, sondern drei unglaublich faszinierend zusammen wirkende Stimmen der drei Schwester. Sehr faszinierender Beitrag, ganz auf die Vocals reduziert.

Tipp: Oberes Mittelfeld

7. Moldawien: Sunstroke Project – Hey Mamma

Schade, dass dieser Song nicht als Opener des Abends genommen wurde, denn die Vollprofis vom Sunstroke Project, die bereits 2010 in Oslo dabei waren, haben so einen ansteckenden Spaß und so viel Freude an dem, was sie da machen, dass die Post abgeht. Der Funke springt beim moldawischen Beitrag rüber.

Tipp: Top 10

8. Ungarn: Joci Pápai – Origo

"Herkunft" bedeutet der Titel. Zum Entsetzen rechtsextremer Gruppen in Ungarn repräsentiert Joci Pápai die Roma-Kultur seines Landes zweisprachig, nämlich in Romani und Ungarisch. Der sympathische Interpret, der den Beitrag auch selbst geschrieben hat, macht dies sehr eindringlich und überzeugend. Ich muss gestehen, dass ich im Zweiten Semifinale, als Österreich stimmberechtigt war, für diesen Beitrag Geld opferte und dafür stimmte.

Tipp: Oberes Mittelfeld

9. Italien: Francesco Gabbani – Occidentali’s Karma

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Monatelang der große Favorit, bis Portugal kam. Francesco Gabbani aus Italien.

Endlich kommt er! Francesco Gabbani ist einer der zwei Top-Favoriten für den Sieg. Der Tanz mit dem Gorilla basiert auf Verhaltensforscher Desmond Morris und seinem Buch "Der nackte Affe". Francesco Gabbani ist zurecht der Favorit, denn da stimmt einfach alles: Eindringlicher Ohrwurm, eine charismatische Rampensau als Interpret und ein intelligenter Text. Gabbani könnte in die Fußstapfen von Adriano Celentano und Eros Ramazotti treten, auch wenn er heute nicht gewinnen sollte. Heute wird eine Karriere gestartet. Italien war in den letzten Jahren so oft knapp vor dem Sieg, dass mir ein Scheitern schon leid tun würde. I put the Abba in Gabbani.

Tipp: Top 3, Favorit für den Sieg

10. Dänemark: Anja – Where I Am

Nach Polen der nächste Beitrag, bei dem ich den Finaleinzug nicht verstehen kann. Vielleicht mag ja jemand, der am Donnerstag dafür anrief, unten kommentieren und begründen warum. Ich lasse mich gerne überzeugen. Bislang finde ich diesen Beitrag einfach nur langweilig und das Geschrei nervig. Umso schlimmer, dass genau diese Nummer zwischen den beiden Top-Favoriten stattfinden muss. Vielleicht hilft ihre Popularität in Australien ein paar Pünktchen zu ergattern.

Tipp: Schlusslichtplätze

11. Portugal: Salvador Sobral – Amar pelos Dois

Dieser Psychologiestudent braucht eigentlich gar keinen Schnickschnack. Er braucht offenbar nicht einmal Proben (weswegen er seinen Song während aller Proben jedesmal anders variierte). Eigentlich hätte man die LED-Wand mit dem schönen Wald ruhig auch abschalten können, er braucht ihn wirklich nicht. Der Song ist so schön, so berührend und funktioniert so großartig aus sich heraus, dass man danach einfach nur glücklich ist. Was will man mehr? Portugal ist seit 1964 dabei und hat noch nie gewonnen. 2017 könnte es beim 49. Versuch endlich soweit sein. Das Momentum hat er auf seiner Seite.

Tipp: Top 3, Favorit für den Sieg

12. Aserbaidschan: Dihaj – Skeletons

Da seit einigen Jahren beim Song Contest die LED-Wand alles an Inszenierung ist, das man einsetzt, möchte ich hier die theatralische Verwendung von Requisiten ausdrücklich loben. Denn das ist fast schon die Ausnahme geworden (auch der Mond von Nathan ist da eine Ausnahme!). Der aserbaidschanische Beitrag ist ein wirklich guter Popsong. Dihaj ist seit einigen Jahren ein Indie-Star in ihrer Heimat.

Tipp: Top 10

13. Kroatien: Jacques Houdek – My Friend

Sollten Sie jetzt so einen WTF-Moment haben, keine Sorge. Den haben viele bei diesem absurden Beitrag. Er singt mit sich selbst, und das klingt alles so schrecklich dass man eben nicht wegschauen und weghören kann. Dies brachte Kroatien vielleicht auch ins Finale. Immerhin kann man einen hohen Trashfaktor feststellen, und davon lebt der ESC ja auch.

Tipp: Hinteres Mittelfeld

14. Australien: Isaiah – Don’t Come Easy

Seit zwei Jahren ist Australien nun schon eine fixe Größe des Eurovision Song Contest und konnte immer überzeugen. 2017 ist aber eher eine Enttäuschung. Zumindest ich kann mit "Don’t Come Easy" nicht viel anfangen und hätte den Song schon im Semifinale als Wackelkandidat gesehen. Die selbstverliebte Inszenierung tut sein übriges. Es wird aber ohnehin Zeit Australien als ganz normales Teilnehmerland anzusehen, und nicht mehr als Ausnahme.

Tipp: Hinteres Mittelfeld

15. Griechenland: Demy – This is Love

Griechenland schickt uns Eurotrash der wirklich übelsten Sorte, was aber wiederum ein fixer Bestandteil der Show ist und irgendwie dazu gehört. Demy steht auf einem Podest und langweilt uns drei Minuten mit einer Dancefloor-Hymne, die mehr sein möchte, als er ist. Hin und wieder trifft sie dabei einen Ton. Meistens aber nicht.

Tipp: weiter hinten, könnte durch die griechische Diaspora besser als verdient abschneiden.

16. Spanien: Manuel Navarro – Do it for Your Lover

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Hawaiihemdpop aus Spanien.

Feelgood-Musik, so im Hawai-Hemd an einem Strand dahin geschunkelt. So interpretiert Manuel Navarro seinen Song "Do ít for Your Lover", den er mit seinen Kumpels performt. Der spanische Beitrag könnte ein Sommerhit werden, wenn er nicht so belanglos wäre. Kaum gehört, schon wieder vergessen.

Tipp: Schlusslichtplätze

17. Norwegen: JOWST – Grab the Moment

Anspruchsvoller Elektropop aus Norwegen, für den die EBU erstmals Stimmen vom Band erlaubt. Gut, dass man diesbezüglich mit der Zeit mitging. Im zeitgenössischen Pop werden eben Stimmen auch als Instrumente eingesetzt. Ich finde den Beitrag sehr gelungen und könnte sich durchaus zu einem Radiohit entwickelt.

Tipp: Hinteres Mittelfeld

18. UK: Lucie Jones – Never Give Up on You

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Musicalklänge aus dem Vereinigten Königreich. Manche befürchten den Eurovisionsbrexit 2018.

Das Vereinigte Königreich ist schon länger in einer ESC-Krise. Ganze 20 Jahre ist der Sieg von Katrina & the Waves schon her. Dieser Sieg wird sich 2017 nicht wiederholen, auch wenn hier in Kiew viele UK sogar in den Top 10 sehen. Die Musicalsängerin Lucie Jones haut ihre ganze Emotion in diese Ballade. Ich glaube jedoch nicht an einen vorderen Platz, aber womöglich irre ich mich.

Tipp: Weiter hinten

19. Zypern: Hovig – Gravity

Das typische Beispiel schwedischer Fabriksware kommt dieses Jahr aus Zypern. G:Son versucht es jedes Jahr wieder, dieses Mal mit "Gravity", das hemmungslos von "Human" von Rag’n’Bone Man geklaut ist. Generischer Plastik und langweilig, was uns Hovig hier präsentiert. Auch die LED-Projektionen glaubt man schon alle gesehen zu haben. Der Beitrag wird wohl trotzdem einigen gefallen.

Tipp: Oberes Mittelfeld

20. Rumänien: Ilinca feat. Alex Florea – Yodel It!

Es gibt nicht nur schlechten Trash. Es gibt auch so richtig guten! Der rumänische Beitrag etwa, der auf jeder Party Stimmung machen kann, wobei Alkohol schon hilfreich sein kann. Die stimmakrobatischen Künste von Ilinca sind tatsächlich enorm beeindruckend. Wenn sie sich hinter der Bühne einsingt, ist dies auf dem ganzen Gelände deutlich hörbar. Vielleicht sogar bis zur ukrainisch-rumänischen Grenze.

Tipp: Top 10

21. Deutschland: Levina – Perfect Life

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Levina aus Deutschland hofft auf einen vorderen Platz.

Alles würde anders werden, versprachen die Deutschen nach den vielen schlechten Plätzen der letzten Jahre. Man würde wirklich gute Acts finden und internationale Stars des Songschreibens bitten, einen richtigen Hit zu komponieren. Das Ergebnis war die ödeste nationale Vorausscheidung aller Vorausscheidungen heuer, und dieses Lied, das sich wieder um den letzten Platz raufen darf. Es wird Zeit, dass Deutschland ihren Eberhard Forcher findet, der die Acts aussucht. Denn so wird das nix.

Tipp: Schlusslichtplätze

22. Ukraine: O.Torvald – City Lights

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O.Torvald sind in der Ukraine eine grobe Nummer und rocken für ihr Gastgeberland.

O.Torvald sind seit vielen Jahren eine fixe Größe in der Ukraine und können hier große Hallen füllen. Der diesjährige Contest ist arm an Indie und Rockmusik, daher hat das Gastgeberland mit diesem Genre dieses Jahr ein Alleinstellungsmerkmal und keine Konkurrenten. Die rocken übrigens wirklich gut und die Bühneninszenierung ist sehr stimmig. Nahezu alle meiner Kollegen hier sehen diesen Beitrag am unteren Ende des Scoreboards. Ich denke das ganz und gar nicht.

Tipp: Top 10

23. Belgien: Blanche – City Lights

Das wird der Radiohit des diesjährigen Bewerbs werden. Nach den ersten Proben waren wir in Kiew alle ziemlich geschockt als wir die Bühneninszenierung sahen, galt dieser Beitrag doch als ein Favorit. Blanche konnte aber ihre Ängste vor der großen Bühne nach und nach überwinden und macht das nun schon deutlich besser. Natürlich hätte man das ganz anders umsetzen sollen, doch der Song ist einer der besten dieses Jahrgangs.

Tipp: Top 10

24. Schweden: Robin Bengtsson – I Can’t Go On

Meisterhafte TV-Inszenierungen kann man von den Schweden wirklich lernen, auch wenn der Song eher schwächer ist. Das Gesamtpaket weiß aber einfach zu überzeugen. Jede Faser der Inszenierung, vom feinen Zwirn bis zur kleinen Handgeste, sind genau strategisch festgelegt. Auch wenn man diesen Beitrag nicht mag, muss man Respekt zollen. Das ist ESC-Perfektion.

Tipp: Top 5

25. Bulgarien: Kristian Kostov – Beautiful Mess

Der jüngste Teilnehmer beim diesjährigen Song Contest (17 Jahre alt, geboren 2000), ist der große Herausforderer. Der in Russland geborenen Halbbulgare und Halbkasache hat eine unfassbar gute Stimme, die erstaunlich erwachsen und im starkem Kontrast zu seinem kindliche Aussehen wirkt, was auch die Spannung dieser Performance ausmacht. Großes Kino aus Bulgarien!

Tipp: Top 3

26. Frankreich: Alma – Requiem

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Alma singt für Frankreich, während im Hintergrund Paris wackelt.

Die LED-Inszenierung wirkt in der Halle noch aufregender, als es im TV rüberkommt. Paris wackelt und dreht, als würde Inception noch einmal neu gedreht werden. Ich fürchte, dass Alma nicht überzeugen wird können, obwohl mir persönlich der feine Beat und der gefällige Popsong ans Herz gewachsen ist. Vielleicht schubsen die Jurys den Song doch noch etwas weiter nach vorne. Ich würde mich bei meinem Tipp nämlich gerne irren.

Tipp: weiter hinten (Marco Schreuder, 13.5.2017)

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