"An einem hellen Morgen ging ich fort": Leben ohne Stundenplan

14. Mai 2017, 14:00
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Der Milena-Verlag entdeckt Laurie Lees Roman neu. Dieser blendet – auch – in das Spanien des beginnenden Bürgerkriegs

Dieser Roman ist in der bemerkenswerten Reihe "Moderne Klassiker" des Wiener Milena-Verlags erschienen, die zur Wiederentdeckung vergessener oder schwer zugänglicher Literatur einlädt. Es ist ein Klassiker der englischen Literatur, dessen komplexe kulturelle Struktur die Übersetzerin Vanessa Wieser voll zur Geltung bringt. Hier ist nicht nur ein bei uns wenig bekannter, aber in England sehr populärer Autor zu entdecken, sondern vor allem ein Reisebuch der besonderen Art, das uns Spanien vor dem großen touristischen Boom präsentiert.

Der gerade 20 Jahre alte Erzähler verlässt im Sommer 1934 sein Heimatdorf in Gloucestershire, seine Mutter und zwei Brüder – weitere vier Geschwister sind bereits vor ihm weggezogen -, und macht sich zu Fuß Richtung London auf. Bald wird klar, dass ihm das Gehen auch "Mittel zur Erkenntnis" ist, wie der Autor Robert Macfarlane in seinem Nachwort sagt. "Ein Auto freilich hätte [das bisschen England] in ein paar Stunden durchquert, doch ich brauchte dazu fast eine Woche; ich ging behutsam vor, durchmaß es Schritt für Schritt, erschnupperte die unterschiedlichen Gerüche des Erdreichs, nahm mir einen ganzen Vormittag Zeit, um einen Berg zu umgehen."

Ein Traum, den viele von uns haben mögen

Nach einem längeren Aufenthalt in London setzt er schließlich nach Spanien über und durchwandert das ganze Land. Einfach losgehen: ein Traum von Freiheit, den vermutlich viele von uns haben, aber nur wenige in die Realität umsetzen. In diesem Roman erscheint er allerdings konkret und möglich. "Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so reich an Zeit gefühlt", schwärmt der Erzähler, das "Leben schien keinen Stundenplan zu haben."

Die Landstraße bietet auch die Freiheit, sich vor anderen und vor sich selbst zu verstecken – "im Schutze ihres ewigen Staubes und meiner Anonymität, derentwegen hier niemand die Augenbrauen hochzog". Es ist das Europa der Wirtschaftskrise, die auch – und vor allem – im ländlichen Bereich deutlich sichtbar ist. Viele der Vagabunden, die der Erzähler trifft, reisen nicht aus Wanderlust und Erkenntnisdrang und mit der Geige als Einnahmequelle, sondern weil es ihre einzige Überlebensmöglichkeit ist.

Sein Zusammentreffen mit den Ärmsten und Deklassierten, mit spanischen Bauern, deren Ernte nicht einmal das eigene Überleben sichert und deren Töchter sich prostituieren müssen, vermittelt ein Bild des vorindustriellen Spanien zu Beginn des Bürgerkrieges: "Wenn du Blut sehen willst, dann bleib hier – du wirst genug davon sehen."

Winter in Almuñécar

Der Fußmarsch durch Spanien im Sommer 1935, der von Durst geprägt ist und in dem die "brutale Hitze die ganze Erde zu zerschmettern und ihre Rinde in eine riesige Narbe zu verwandeln" scheint, führt den Wanderer von Galicien über Valladolid und die Sierra de Guadarrama nach Madrid. Weiter zieht er über Toledo und Sevilla an die Südküste, wo er "den starken arabischen Einschlag, den die katholische Eroberung nicht hatte austreiben können", erkennt. Von hier aus blickt er hinüber nach Tanger und auf den gerade in die Nachrichten gekommenen spanischen Kolonialrest in Marokko, Ceuta.

Das Buch schließt mit einem Winter in der Stadt Almuñécar, wo der zur Ruhe gekommene Wanderer als Hoteldiener und Fiedler die scheinbar plötzliche Spaltung der Gesellschaft und den beginnenden Bürgerkrieg erlebt. Der zunächst recht unpolitische Engländer, der kurz nach Ausbruch der Feindseligkeiten von der britischen Marine eingesammelt und repatriiert wird, erkennt, dass die republikanische Regierung erreichen wollte, dass die "Söhne ein Handwerk erlernten und nicht Sklaven blieben, und ihre Töchter Bürgerinnen würden und nicht im Hause angestellte Huren."

Purpurne Abende

Es ist ein Buch zwischen Solidarität und Ausbeutung, und in dieser Situation findet sich auch der britische Protagonist selbst: Die Gastfreundschaft, die der Erzähler gerade seitens der Ärmsten überall erfährt, ist auffällig, passt aber nicht ganz zur Selbstverständlichkeit, mit der der schon etwas verdorbene Junge die billigen Bordelle preist.

Es ist ein faszinierendes und zugleich verstörendes Buch. Die betörenden Schauspiele der spanischen Natur sind voller Gegensätze und Widersprüche, die in intensiven Metaphern zum Ausdruck kommen: "Es gab purpurne Abende, saftig wie Trauben, an denen der schmale Mond eine Wolke wie ein Messer durchschnitt, und Morgendämmerungen mit plötzlichem Donner, wo ich im Dunkeln erwachte, weil Regengüsse aus blitzhellen Rissen hervorstürzten."

Das autobiografische Buch erschien erst 1969, weit über dreißig Jahre nach der geschilderten Zeit und vor allem nach Laurie Lees langjähriger Arbeit im Filmgeschäft. Der ungewöhnliche Reiseroman vereint ein jugendliches Bewusstsein ("auf eine Welt hinausschauen, für die ich keine Worte hatte") mit einem gekonnten ästhetischen Blick und einer reiferen Sprache, als sie dem jungen Mann zuzutrauen wäre.

Es bietet dem Spanienreisenden unserer Zeit viele überraschende Bilder, die mit seinen eigenen Erfahrungen in dem Land kontrastieren, an die er aber auch anschließen kann. Mit der Lektüre lässt man sich auf das Abenteuer einer Reise zu Fuß ein – und bereitet sich vielleicht sogar auf eine vor. (Walter Grünzweig, 13.5.2017)

Laurie Lee, "An einem hellen Morgen ging ich fort". Aus dem Englischen von Vanessa Wieser. € 23,90 / 280 Seiten. Milena, Wien 2017

  • Zu entdecken: der Schriftsteller und Drehbuchautor Laurie Lee.
    foto: getty images

    Zu entdecken: der Schriftsteller und Drehbuchautor Laurie Lee.

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