"Der Feuervogel": Hier bist du Vogelfutter

12. Mai 2017, 17:18
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Ein neuer dreiteiliger Abend des Wiener Staatsballetts an der Volksoper

Wien – Das Original von Michail Fokines Ballett "Petruschka" (1911) zur Musik von Igor Strawinsky würden heute viele als frauenfeindlich und rassistisch bezeichnen: wegen der eitlen Ballerina darin und des bösartigen "Mohren", der den Titelhelden umbringt. Der Wiener Tänzer und Choreograf Eno Peci wagt eine Neuinterpretation, zu sehen an erster Stelle des dreiteiligen Abends "Der Feuervogel", den das Wiener Staatsballett gerade frisch an der Volksoper zeigt.

Peci hat das Libretto über den traurigen Kasperl Petruschka umgemodelt in die Geschichte eines idealistischen Lehrers (Davide Dato), der zwischen Klassenzimmer und Privatleben aufgerieben wird. Den Fokine'schen "Mohren" verwandelt er in eine dämonische Schuldirektorin mit weißblonder Perücke, deren Kostüm-Vorderseite das Gesicht eines Außerirdischen mit den dafür typischen schrägen schwarzen Augen andeutet. Rebecca Horner, die kürzlich zur Solotänzerin der Compagnie avanciert ist, tanzt diesen Part wirklich überzeugend.

Stoff für Diskussionen

Konsequenter kritisch könnte das Stück sein, wenn Dato und Horner die Rollen tauschen. Denn was uns heute das Leben ähnlich vermiest wie das von Pecis "Petruschka", ist vorwiegend eine von Männern betriebene Struktur. Jedenfalls bietet diese "Petruschka"-Auslegung reichlich Stoff für Diskussionen. Was beim Staatsballett eher rar ist.

Und damit die Überraschung auch wirklich sitzt, bietet Andrey Kaydanovskiys "Der Feuervogel" zum Abschluss des Abends ebenfalls Zeitkritik. Wieder die Adaption eines Balletts von Fokine und Strawinsky, diesmal aus dem Jahr 1910. Auch hier tanzt Horner mit – die Rolle der Vasilissa –, und abermals ist sie brillant. Die Geschichte: Gieriger Besitzer eines Kaufhauses (der Name "Universal" prangt in Kyrillica auf dem Schaufenster), wird von armem Aufsteiger-Iwan abgelöst, den die neue Machtrolle in das Ebenbild seines Vorgängers verwandelt.

Auf zwei Regalen im Inneren des Kaufhauses steht in kyrillischen Buchstaben zu lesen: "Hier bist du – Vogelfutter". Der Choreograf ist nicht nur der Spross von Andrej Tarkowkis "Stalker"-Hauptdarsteller Alexander Kaidanovsky, sondern sichtlich auch ein Spaßvogel: Daher tanzt im Stück auch ein Hot Dog an. Diese "Feuervogel"-Reinterpretation ätzt sichtlich gegen männerherrschaftlichen US-Kapitalismus im Allgemeinen und wider Putins Oligarchenparadies im Speziellen.

Zwischen "Petruschka" und dem "Feuervogel" lässt András Lukácz sehr feine "Movements to Strawinsky" tanzen. Leider kam diese Aufführung am Donnerstag tänzerisch etwas verwackelt daher. Insgesamt ein interessanter Abend (Dirigent: David Levi), der unverdient mit eher zurückhaltendem Applaus quittiert wurde. (Helmut Ploebst, 12.5.2017)

Die nächsten Aufführungen finden in der Wiener Volksoper am 16., 21. und 23. Mai statt.

  • Rebecca Horner tanzt in "Petruschka" an der Wiener Volksoper.
    foto: ashley taylor

    Rebecca Horner tanzt in "Petruschka" an der Wiener Volksoper.

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