Schmerztherapie für Opioidabhängige problematisch

13. Mai 2017, 07:00
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Viele Personen mit Opioidabhängigkeit leiden an chronischen Schmerzen. Auf Mittel mit Opioiden sprechen sie jedoch meist nicht an, Behandlungsstandards fehlen

Menschen, die opioidabhängig oder in einer Substitutionstherapie sind, leiden nicht nur öfter und heftiger unter Schmerzen, sie brauchen auch andere und höher dosierte Schmerzmittel. Dafür gibt es jedoch keine Behandlungsstandards, berichten Ärzte.

"Für Patienten, die an Opioid-Abhängigkeit leiden oder in einer Substitutionstherapie sind, gibt es leider noch keine Behandlungsstandards", sagt Wolfgang Jaksch, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft. In Österreich sind nicht wenige Patienten davon betroffen. Experten gehen davon aus, dass rund 30.000 Menschen regelmäßig risikoreiche Drogen, allen voran Opioide, zu sich nehmen. Weitere 17.500 befinden sich in einer Substitutionsbehandlung.

Nur etwa ein Drittel der Personen mit Opioidabhängigkeit haben keine gesundheitlichen Einschränkungen. Sehr viele leiden allerdings an chronischen Schmerzen des Bewegungsapparates, die zudem früher und intensiver als in der Allgemeinbevölkerung auftreten. Auch schmerzhafte Neuropathien aufgrund von Mangelernährung oder Hepatitis sind weit verbreitet.

Patienten werden immer älter

90 Prozent der Langzeitsubstituierten sind zudem von Hypogonadismus, also einer Unterfunktion der Keimdrüsen, betroffen. Dadurch sinkt der Spiegel an Testosteron und anderen androgenen Sexualhormonen, was vor allem bei Männern oft zu Muskelschwäche, Reduzierung der Knochendichte (Osteopenie) und Osteoporose führt. Weil durch eine Opioid-Erhaltungstherapie die Lebenserwartung deutlich ansteigt, kommen dazu auch noch die im Alter erwartbaren Probleme. "Heute ist jeder dritte Substitutionspatient älter als 40 Jahre", so Jaksch. "Langzeitsubstituierte erreichen heute damit im Gegensatz zu früher ein Alter, in dem vermehrt schmerzhafte Beschwerden auftreten können, etwa im Zuge von Krebserkrankungen."

Ärzte stellt die Behandlung solcher Patienten gleich vor mehrere Herausforderungen. Nicht nur leiden Patienten mit Opioidabhängigkeit oft an einer opioidinduzierten Hyperalgesie, also einer Überempfindlichkeit auf schmerzhafte, aber auch nicht schmerzhafte Reize – sie sprechen aufgrund der erworbenen Toleranz gegenüber Opioiden auch weniger stark auf Schmerzmittel an. "Wir können uns bei dieser Patientengruppe deshalb nicht einfach am Stufenschema der WHO zur Schmerzbekämpfung orientieren", betont Jaksch.

Auch wenn einheitliche Standards in der Schmerzbehandlung dieser speziellen Patientengruppe noch fehlen, gibt es inzwischen doch Evidenz für ein paar wesentliche Orientierungspunkte: "An abstinente Patienten unter dem Substitutionsmittel Naltrexon dürfen keine Opioide verordnet werden", so Jaksch. "Auch sogenannte Partielle Morphinantagonisten dürfen bei solchen Patienten gar nicht eingesetzt werden, da diese Entzugssymptome auslösen können. In allen anderen Fällen gilt: Wenn möglich, sollten zusätzliche Opioide vermieden werden – sie dürfen aber, wenn notwendig, nicht vorenthalten werden", sagt der Mediziner.

Fachwissen notwendig

"Der Umgang mit Opioiden setzt gerade in dieser speziellen Patientengruppe ein hohes Maß an Fachwissen voraus, über das nicht viele Ärzte verfügen", so Jaksch. "Es gibt aber mittlerweile gute Gespräche zwischen der Österreichischen Schmerzgesellschaft und der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkrankheit, um die Expertise in beiden Bereichen zu bündeln und die Versorgungssituation zu optimieren."

Eine Einstellung auf ein zusätzliches Opioid oder die Umstellung auf eine andere Substanz setzen ein gutes Arzt-Patienten Verhältnis voraus, da zumindest eine ausgezeichnete Compliance des Patienten erforderlich ist. Genau in diesen Situationen wäre die enge Kooperation von Sucht- und Schmerzmedizinern wünschenswert. "Der Missing Link in der Versorgung dieser extrem gefährdeten Patientengruppe sind Spezialisten, die sich in der Sucht- wie in der Schmerzthematik gleichermaßen auskennen. Hier besteht dringender Forschungs- und Ausbildungsbedarf." (APA, 13.5.2017)

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