Der Roboter als Knecht: Wie Bauern knallharte Unternehmer werden

Viele Bauern geben ihren Hof auf. Andere probieren, am Weltmarkt zu bestehen. Zu Besuch in Weistrach, bei einem, der es wissen will

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Reportage25. Mai 2017, 08:00

Als ich noch nicht einmal wusste, was ich studieren werde, wurde eine halbe Million Euro in meinen Freund Josef investiert. Ich wollte weg vom Land, nach Wien, irgendetwas auf der Uni machen. Pläne für die Zukunft? Fehlanzeige. Seine Zukunft wurde hingegen in Beton gegossen, oder besser gesagt in einen riesigen Kuhstall. Josef Payrleitner ist Bauer, er ist 26 und lebt in Weistrach, einer 2.000-Einwohner-Gemeinde im Mostviertel in Niederösterreich. Wir kennen uns seit Kindestagen, seinen Bauernhof und den meiner Familie trennen ein paar Hundert Meter.

Josef ist ein Vollblutbauer. In der wilden Fahrt, in der die Landwirtschaft steckt, hat er sich für das Gaspedal entschieden. Seine Geschichte erzählt viel darüber, wohin die Reise in Österreich geht. Immerhin wird fast nirgendwo im Land so viel Milch produziert wie in der Gegend, aus der ich komme.

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Weistrach ist im Vergleich mit vielen Städten so etwas wie eine Insel der Seligen. Die Arbeitslosigkeit ist in den vergangenen Jahren von zwei auf drei Prozent gestiegen, im Österreich-Schnitt ist sie dreimal so hoch. Noch immer arbeitet jeder Siebente in der Landwirtschaft, einer Branche, die in einem massiven Umbruch steckt. In Weistrach schlägt er voll durch. Viele hören auf. Manche fangen erst so richtig an. Josef ist einer von ihnen.

foto: maria von usslar
Josef, 26, ein Vollblutbauer.

Die Kühe starren uns an, als kämen da gerade Superstars auf die Bühne, vor der sie seit Stunden warten. 58 Milchkühe und 36 Kälber stehen in der riesigen, hellen Halle, gleich neben Josefs Haus. Ihre Köpfe ragen durch die Gitterstäbe. Der Stall wurde 2010 gebaut. Josef, braune Locken, groß, bullig, war damals noch keine 20 und musste sich entscheiden. Wie für viele andere stellte sich auch für ihn die Frage: Aufhören oder ausbauen? Denn für die meisten Kleinen zahlt es sich nicht aus.

Josef wollte Bauer werden. Immer schon. Als wir früher zusammengesessen sind, hat er auch nach dem dritten Bier noch über den Stall und die Kühe sinniert. Der Beruf ist für ihn pure Freiheit, "ich habe keinen Chef, kann mir den Tag selber einteilen". Am Hof lebt und arbeitet er mit seinen Eltern, die 450.000 Euro investiert haben. Das Geld wurde über Jahrzehnte gespart, der Betrieb binnen kurzer Zeit in der Größe verdoppelt, "um einen Job für mich zu schaffen", sagt er.

Weil dadurch auch viel mehr Arbeit anfällt, hat er nun einen Butler. Der saust gerade laut brummend durch den Stall, ist keinen halben Meter groß, grün, ein kleiner Roboter, der aussieht wie ein zu groß geratener Rasenmäher. Er serviert hier quasi das Essen. "Futter-Butler nennt sich das", sagt Josef. "22.000 Euro." Mussten die Fäkalien der Tiere früher noch mühsam händisch durch ein Gitter entfernt werden, macht auch das jetzt eine Maschine. Im alten Stall wurde die Melkmaschine zu jeder Kuh einzeln gebracht, "jetzt werden zehn Kühe gleichzeitig gemolken", in einer Kammer, die ein wenig an ein Labor erinnert: weiße Fliesen, fahles Licht, kalter Beton.

Die Landwirtschaft wandelt sich seit langer Zeit. Fast nirgendwo in Europa sind aber die Höfe im Schnitt noch so klein wie in Österreich. Und das, obwohl die Zahl der Kleinstbetriebe mit weniger als fünf Hektar Grund seit 1990 von fast 100.000 auf 34.000 gesunken ist. Auch in Weistrach hat in den vergangenen 20 Jahren fast jeder dritte Bauer aufgegeben, vor allem die, die nebenbei noch einen Brotberuf hatten. Josefs Hof ist gewachsen und gehört der Fläche nach – er waltet über umgerechnet 60 Fußballfelder – nun zu den größten 20 Prozent des Landes. Den zusätzlichen Grund hat er von Nachbarn, die zusperrten.

Ein kleiner Roboter, ein sogenannter "Futter-Butler", hilft beim Füttern der Tiere.

"Das wird in den nächsten 30, 40 Jahren noch so weitergehen", sagt der Agrarökonom Franz Sinabell. "Das, was manche Bauernsterben nennen, ist der ganz normale, wirtschaftliche Wandel." Schon früher hätte es sich für viele nicht mehr ausgezahlt, "viele haben es der Tradition wegen weitergemacht".

Der Bauer wird Unternehmer. Viel Marktwirtschaft steckte in der Landwirtschaft lange nicht. Weil es in den 1960ern einmal zu wenig Milch gab, versprach die Politik den Bauern hohe Preise. Viele begannen deshalb, mehr und mehr zu produzieren. Auch dann, als es keinen Engpass mehr gab. Die Politik kaufte die Milch auf, versuchte sie im Ausland zu verscherbeln, Milchseen und Butterberge entstanden. Diesen garantierten Preis gibt es noch immer, er ist nur viel niedriger als früher. Erst im Vorjahr ging die EU-Kommission wieder auf Einkaufstour, weil die Preise so stark gefallen waren. Bauern wurde auch noch bis vor zwei Jahren vorgeschrieben, wie viel Milch sie produzieren dürfen.

Zwar bekommen Landwirte noch immer hohe Förderungen – das meiste davon schlicht für ihren Grund –, sie müssen sich heute aber viel mehr Gedanken machen, wie sie wirtschaften. "Meine Generation rechnet viel mehr", sagt Josef. "In der Ausbildung lernt man, wie man so einen Betrieb durchkalkuliert." Wenn er über seinen Hof spricht, klingt er wie der Manager einer Bank, er müsse Kosten senken, rationalisieren, die Milchleistung optimieren. Es gibt in Österreich immer noch 90.000 Bauern, die den Betrieb neben ihrem "normalen" Job schmeißen. Wirtschaftlich zahlt sich das meistens nicht aus. Viele machen es noch, weil es ihnen Spaß macht und sie eine oft jahrhundertelange Familientradition fortführen.

Die nächste Generation tut sich das dann aber oft nicht mehr an, sagt Josef. "Die machen ihren Beruf, arbeiten 40 Stunden – und fertig." Jeder dritte Nebenerwerbsbauer findet laut Manuela Larcher (von der Boku) keinen Nachfolger. "Die Jungen wollen nicht mehr nur arbeiten. Recht haben sie", sagt Josef. Früher sind viele Bauern jahrelang nicht in den Urlaub gefahren. "Drei Wochen kann auch ich nicht weg", sagt er, "aber ein paar Tage fahren wir jedes Jahr fort."

Dass viele Bauern aufhören, ist oft nicht nur für die Familien schwer, sondern auch für die Region. In strukturschwachen Gegenden, in denen es sonst nicht viel gibt, sind Bauern oft eine der letzten Stützen. Hören sie auf, verlieren manche Landstriche jegliche Perspektive, noch mehr Menschen ziehen weg, die letzten Läden sperren zu. Viele Regionen am Land haben sich aber gut angepasst, sagt der Agrarökonom Franz Sinabell vom Wifo. Das trifft auch für Weistrach zu.

maria von usslar
Der Stall von Josef und seinen Eltern.

Zwar hat auch bei uns die Post zugesperrt, der Schlecker, eine Bank. Die Erde dreht sich aber trotzdem weiter. Die meisten pendeln, in 15 Minuten ist man in Steyr, auch nach Linz und Amstetten ist es nicht weit. So ist auch die Zahl der Einwohner konstant. Es wandern – anders als in anderen Gegenden auf dem Land – nur wenige ab, und – anders als in der Stadt – auch nur wenige zu. Einer der wenigen Zuwanderer im Dorf ist der Pfarrer, ein Inder.

Das Land und die Landwirte haben einen konservativen Ruf, zeigen sich aber flexibel. Und werden das auch künftig tun müssen. "Mir wäre es so wie früher auch lieber", sagt Josef. "Am liebsten hätte ich ein paar Kühe und 20 Hühner. Davon kann man aber nicht leben." (Andreas Sator, Maria von Usslar, 25.5.2017)

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