Ausstellung "Woman": Einschnürungen und Ausbrüche

12. Mai 2017, 12:00
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Mit der Schau, gespeist aus der Sammlung Verbund, widmet sich das Mumok feministischer Kunst der 1970er-Jahre. Es entfaltet sich ein so dichter wie aufregender Blick auf künstlerische Strategien in einer Zeit des großen Aufbruchs

Wien – Im Video Semiotics of the Kitchen der US-amerikanischen Künstlerin Martha Rosler sieht man eine Frau in der Küche stehen. Mit einem gesegneten Mahl ist jedoch nicht zu rechnen. Die Performerin führt, in alphabetischer Reihenfolge, Küchengeräte technisch vor – eine Schürze, einen Eispickel, einen Fleischklopfer. Sie agiert dabei durchwegs hölzern wie eine Marionette, bisweilen aber auch aggressiv, etwa als sie zum Messer greift. Für etwaige Fantasien von der Frau als "guter Fee des Haushalts" bleibt keinerlei Platz.

Semiotics of the Kitchen, entstanden 1973, zählt zu den großen Klassikern der feministischen Kunst. Und als solcher ist es aktuell auch in der Ausstellung Woman im Mumok zu sehen: Sich speisend aus der Sammlung Verbund, versammelt die sehenswerte Schau Positionen der "feministischen Avantgarde" der 1970er-Jahre. Diesen Begriff im Kunstdiskurs zu verankern ist dabei ein zentrales Anliegen von Verbund-Sammlungsleiterin Gabriele Schor: Sie möchte den gemeinhin mit Männern assoziierten Terminus Avantgarde erweitern.

Und sie tut dies mit Gründlichkeit. Immerhin präsentiert Schor nämlich nicht nur große Namen feministischer Kunst wie Cindy Sherman, Carolee Schneemann oder Birgit Jürgenssen, sondern nahm sich eine tiefer greifende Recherche vor. Die Arbeiten der deutschen Künstlerin Renate Eisenegger etwa, so erzählt Schor, seien vier Jahrzehnte auf dem Dachboden der Künstlerin gelegen, ohne dass sich jemand recht darum geschert hätte.

Unterdrückter Ausdruck der Frau

Nun also hängen sie im Mumok, zum Beispiel die Fotoserie Isolamento (1972). Zu sehen ist das Gesicht einer Frau, deren Augen und Mund mit Klebeband und Wattebäuschen einbandagiert sind – ein Bild für den unterdrückten Ausdruck der Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft. Dem eingeschnürten Körper begegnet man in der Schau dabei immer wieder, etwa in der Serie Selbst (1975) von Annegret Soltau. Im Gegensatz zu Eisenegger sah Soltau die Verschnürung mit schwarzem Garn jedoch als "Einpuppung", durch die sich Neues entwickeln kann.

Neben expliziten Bildern des Gefangen- und Eingeengtseins ist auch der deformierte Körper ein Leitmotiv der Schau – etwa in der Fotoserie Poemim (Series A) der serbischen Künstlerin Katalin Ladik aus dem Jahr 1978: Ladik drückt ihr Gesicht gegen das Glas eines Bilderrahmens, um gängige (Porträt-)Schönheitsideale zu persiflieren. Man findet diese Strategie in einer Fotoserie der kubanisch-amerikanischen Künstlerin Ana Mendieta wieder.

Derlei Parallelen sichtbar zu machen ist Schor wichtig. Es sei frappant, zu welch ähnlichen Strategien entfernt voneinander arbeitende Künstlerinnen gefunden hätten, obwohl sie sich mitunter nicht kannten. Daher ist die Schau auch nicht etwa nach geografischen Maßgaben strukturiert, sondern nach künstlerischen Strategien bzw. Themen. Sie heißen "Normativität der Schönheit" oder "Reduktion auf Mutter, Hausfrau und Ehefrau".

Die Vagina blickt zurück

Ein Kapitel ist jenen "Rollenspielen" gewidmet, mit denen sich Künstlerinnen in den 1970er-Jahren an die Konstruktion eines selbstbestimmten Bilds der Frau machten. Arbeiten der "Verwandlungskünstlerin" Cindy Sherman finden sich hier, aber auch jenes Portrait of the King (1972), für das Eleanor Antin per Bart und Hut in eine Männerrolle schlüpfte.

Ein wesentliches Thema ist freilich auch die "befreite Sexualität". Im dazugehörigen Kapitel begrüßt einen die Fotoserie ICU, Eye Sea You, I See You (1973) von Penny Slinger: Die Künstlerin, verpackt in ein Hochzeitstortenkostüm (sic!), das ihren Schritt entblößt (sic!), spreizt die Beine. Auf einem der Bilder gewahrt man an der Stelle der Vagina – ein Auge. Immer wieder nutzte Slinger dieses Motiv der sinnlich "erwachten" Vagina: Das Geschlechtsteil blickt nach Jahrhunderten des passiven Betrachtetwerdens endlich zurück, wehrt sich gegen die Objektivierung.

Im selben Kapitel ist auch Renate Bertlmann vertreten, die jüngst den Großen Österreichischen Staatspreis bekam. Wesentlich an ihrem Werk ist das ironische Spiel mit Phallussymbolen, für das sie etwa Kondome oder Schnuller nutzte. Bertlmann steht für eine Position, der es um die Verbindung von weiblichem und männlichem Prinzip geht: Sie spielt mit Gegensätzen von hart und weich oder Anziehung und Abstoßung – oder schuf für eine Fotoarbeit Fingerhüte aus Schnullern, aus denen Messer ragen. (Roman Gerold, 12.5.2017)

  • Ambivalente Gefühle vermittelt Renate Bertlmanns "Zärtliche Pantomime" aus dem Jahr 1976.
    foto: renate bertlmann / sammlung verbund, wien

    Ambivalente Gefühle vermittelt Renate Bertlmanns "Zärtliche Pantomime" aus dem Jahr 1976.

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