Biennale: Wo der Boden schwankt und das Nationenprinzip hinterfragt wird

12. Mai 2017, 06:00
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Im NSK-Pavillon werden Besucher zu Bittstellern, Nigeria hat erstmals eigenen Biennale-Pavillon

Wenn man den Raum betritt, den Ahmet Ögüt in die Ca' Tron, einem Standort der IUAV-Universität in Venedig, gebaut hat, verliert man auf der Stelle jede Standfestigkeit. Ein Schwindelgefühl kommt auf, der Boden scheint sich zu bewegen – stärker als jedes Vaporetto, das draußen durch die Lagune schippert. Man muss sich an den Wänden entlangtasten, um den Raum zu durchqueren – vorbei an ausgestellten Texten und Videos. Man hat keine Chance, diese in Ruhe zu lesen, man muss zusehen, dass man nicht umkippt.

"Genau so fühlt sich jemand, der seine Heimat verlassen musste, alles verloren hat und dann noch Dokumente lesen und Fragen beantworten soll", erklärt Ögüt dem STANDARD. Er hat den Raum, der hinter einem Vorhang auf Besucher lauert, um exakt 45 Grad gekippt. Das ist alles. Ein Winkel, der etwas mit unserem Gehirn macht, ein alter Trick aus Vergnügungsparks. Ögüt schafft es so, jeden Besucher erst einmal in die Knie zu zwingen und ihm ohne Worte zu vermitteln, was Flucht und Asylsuche heißen können. Die Installation ist Teil des "NSK State Pavilion", eines der Off-Pavillons der Biennale, im Stadtteil Santa Croce.

Prinzip der nationalen Pavillons abgeschafft

Hier wird das Prinzip der nationalen Pavillons nicht nur infrage gestellt, sondern abgeschafft. Was ist eine Nation, wie definiert man Identität, was sind wir ohne Nationen? Das sind die Fragen des Projekts, das eine Kooperation mit den Wiener Festwochen ist. NSK steht für Neue Slowenische Kunst, jenes politisch-künstlerische Kollektiv, das noch zu Zeiten Jugoslawiens gegründet wurde und dessen musikalischer Flügel die Band Laibach war.

Das Kollektiv Irwin übernahm die Funktion des Kommissärs für den Pavillon in Venedig, Kuratoren sind Zdenka Badovinac und Charles Esche. Den zweiten Pavillon, der am Dienstag in Wien eröffnet wird, kuratierten Wolfgang Schlag und Birgit Lurz. Gemeinsam produzierte man eine Zeitung und ein Buch mit Beiträgen unter anderem vom Philosophenpopstar Slavoj Zizek. Er sprach am Donnerstag über die Courage der Hoffnungslosigkeit in der überfüllten Aula der Uni.

Doch zurück in den Raum, der einen schwanken macht. Die Texte und Videos an den Wänden des gekippten Kubus sind Antworten von über 100 Menschen, denen Fragen gestellt wurden wie etwa jene, was sie an Europa gut finden oder was sie von ihrer eigenen Kultur gerne vergessen möchten.

Asylwerber als "NSK-Officers"

Wer den Raum durchschreiten konnte, gelangt an der Rückseite über eine steile Stiege hinunter in ein Passamt, das von vier Asylwerbern aus Nigeria, Ghana und Indien betrieben wird. Bis 15. Juli arbeiten die vier jungen Menschen hier als "NSK-Officers" und erleben die andere Seite im bürokratischen Prozedere.

Einer ihrer Schreibtische steht auf einer überhöhten Plattform knapp unter der Decke des Palazzos. Ohnmächtig sieht man hinauf. Erst wenn man alle Formulare ausgefüllt hat, wird einem eine Stiege wie auf einem Rollfeld hingeschoben, damit man bei dem Officer oben vorsprechen kann.

Das Passamt in Wien wird von Ramesch Daha und Anna Jermolaewa gestaltet. Auch sie befragten Menschen – etwa zu Europa, ihrer Heimat oder ihrem Lieblingskunstwerk – und interpretierten und malten die Antworten.

Erstmals Nigeria-Pavillon

Nur zwei Gehminuten vom NSK-Pavillon entfernt hat erstmals Nigeria einen Pavillon. Bespielt wird er mit drei sehr unterschiedlichen Installationen: Victor Ehikhamenor hat einen Himmel aus hunderten Handspiegeln, traditionellen Amuletten und Stoffen geschaffen. Die Biography of the Forgotten ist verstorbenen Künstlern und dem kulturellen Erbe seiner ursprünglichen Heimat Benin gewidmet. "Ich habe mir angesehen, was Kolonialismus mit uns gemacht hat, es ist ein Blick zurück, aber auch eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart", sagt Ehikhamenor.

Seine Kollegin Peju Alatise hat sich mit Kinderarbeit beschäftigt und den Traum von Freiheit eines zehnjährigen Mädchens in der Skulptur Flying Girls manifestiert. Acht Mädchen mit Flügeln werden von Schmetterlingen und Vögeln umschwirrt, aus Lautsprechern kommen unbeschwerte Kinderlieder. Doch Türen und Fenster um sie herum führen ins Nichts.

Qudus Onikeku stellt im Nebenraum mit seinen Performancevideos die eigene Biografie als Künstler dem kollektiven Gedächtnis seines Landes gegenüber. Der Titel der Trilogie: Right Here. Right Now. Die Nigerianer hoffen, dass ihr Pavillon zur permanenten Einrichtung wird. (Colette M. Schmidt aus Venedig, 12.5.2017)

  • Ögüts Installation: Wer sich hinter den Vorhang wagt, wankt.
    foto: maria giulia sofi

    Ögüts Installation: Wer sich hinter den Vorhang wagt, wankt.

  • Wer den schwankenden Raum hinter sich lässt, gelangt in ein Passamt, das von vier Asylwerbern betrieben wird.
    foto: maria giulia sofi

    Wer den schwankenden Raum hinter sich lässt, gelangt in ein Passamt, das von vier Asylwerbern betrieben wird.

  • Thema Kinderarbeit in Peju Alatises "Flying Girls".
    foto: colette m. schmidt

    Thema Kinderarbeit in Peju Alatises "Flying Girls".

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