Oh Mutter – was für ein Tag!

14. Mai 2017, 08:00
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Alle Jahre wieder: Wie stehen wir zum Muttertag?

Die einen lehnen ihn ab oder absolvieren ein eher lästiges Pflichtprogramm, andere freuen sich oder sind gar gerührt. Ob und wie man Mütter ehren soll, daran scheiden sich auch im STANDARD die Geister – bei RedakteurInnen und LeserInnen

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Es ist der 8. Mai 2016. Der erste Muttertag, den ich als Mutter erlebe. Die Tochter, gerade einmal zehn Monate jung, plappert schon ein paar Silben vor sich hin und übt diese gefühlt den ganzen Tag. An diesem Maisonntag steht der Papa mit der Kleinen auf. Die Mama darf ausschlafen – endlich! Eigentlich schon das perfekte Geschenk. Dann ein Frühstück, Blumen – das übliche Programm. Fehlte nur noch, dass wir zum Mittagessen einen Tisch in einem Gastgarten reserviert gehabt hätten. Doch dann der magische Moment: Zwischen Butterbrot streichen, Ei auslöffeln und schauen, ob der Nachwuchs nicht vielleicht doch auch mal an einer Gurke nagen mag, fügen sich die Silben zusammen. "Mama", sagt die Kleine. "Ooohhh", tönt die stolze Mama. Von da an blieb ein Monat Zeit und die Frage, ob dieses Kunststück auch am Vatertag gelingt. Aber das ist eine andere Geschichte ...

Bettina Pfluger, Redakteurin Wirtschaft

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Muttertag 1980, maximaler Stresstag für Mutter und Kind. Gedicht auswendig gelernt, Blumen gepflückt, Topflappen gehäkelt. So weit, so gut. Aber am großen Tag selbst musste der Programmpunkt "Mama verwöhnen" erfüllt werden. Die Zehnjährige drohte unter der Last der Verantwortung zu zerbrechen, bis sie sich an einen TV-Moment erinnerte.

In einem Film hatte die Königin im Bett gefrühstückt, der Inbegriff von Luxus. Also schlich das Kind um sieben Uhr ins Schlafzimmer, drapierte Flieder auf dem Nachtkastl, stellte ein Tablett mit Speck und Marmelade aufs Bett. Flieder und Speck rochen stark, das Kind fand es königlich. Die Mutter allerdings sah so unglücklich drein wie Maria Stuart auf dem Weg zum Schafott. Es war das erste und letzte Mal, dass sie am Muttertag im Bett frühstückte.

Birgit Baumann, Deutschland-Korrespondentin

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Man kommt dem Muttertag nicht aus. Das war mir beim ersten meiner drei Kinder klar. Ab dem Kindergarten wird gebastelt als gäbe es kein Morgen. Die Kinder freuten sich auf das Schenken – wie meine eigene Mutter auf das gemeinsame Essen oder den Kinobesuch.

Als meine Töchter in der Volksschule waren, zogen sie eines Tages mit wenig Taschengeld und viel Geheimnistuerei los, um mir etwas zu kaufen. Sie hatten offenbar das Basteln satt. An diesem Muttertagübernahmen sie außerdem erstmals "das Kommando". Ich musste liegen bleiben, bekam eine Speisekarte und das Frühstück ans Bett. Das Geschenk war ein fliederfarbenes T-Shirt mit ausladenden Stoffblüten. Keine meiner nun erwachsenen Töchter würde es anziehen. Ich trug es aus Liebe. Manchmal muss man die Kinder übernehmen lassen. Mein Sohn ist jetzt Volksschüler. Sein Frühstücksomelette ist legendär.

Colette M. Schmidt, Redakteurin

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foto: dpa-zentralbild/martin schutt

Das große Kind war das erste Jahr im Kindergarten, das kleine hing noch an der Mutterbrust. Ich litt unter chronischem Schlafmangel. Seit Jahren. Kaum war das erste Kind bereit durchzuschlafen, machte sich das zweite im Bauch breit. So breit, dass an erholsamen Schlaf nicht mehr zu denken war. Ein paar Stunden ungestört im Träumeland waren purer Luxus. Es war gefühlt Mitternacht, als ein kleines Mädchen eines Sonntags am Bettrand stand, Blümchen in den Händen, und in seltsamen Reimen vom lieben Mütterlein erzählte. Dank traditionsbewusster Kindergärtnerinnen hatte der Muttertag unsere Familie, zuvor glücklich ohne Mutterehrungen, erreicht. Decke über den Kopf, umdrehen, Kind dem Vater überlassen? Nein, tapfer durchhalten. Das kleine Mädchen wurde geherzt und unter die Decke geholt. Die nächsten Muttertage waren dann wieder ganz normale Sonntage.

Jutta Berger, Redakteurin Vorarlberg

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Es sind nicht nur die schönen Momente, in denen einer bewusst wird, dass man nun zur Gruppe "Mütter" gehört. Gerade in der ersten Zeit mit dem Kind stolpert man eher durch Belehrungen, Kritik und Bevormundung – gerne auch von Wildfremden – ins Mutterdasein, von dem am wenigsten das Kind selbst, aber offenbar alle anderen eine recht konkretes Bild haben. So konkret, dass es einer kognitive Höchstleistungen abverlangt, das noch neue Leben mit Kind fernab von grobschlächtigen Kategorien wie Muttertier, Latte-Macchiato-Mum, Feminist-Mum oder Regretting Motherhood zu beschreiben – ohne daraus gleich eine Lebensaufgabe oder zumindest einen Mütterblog machen zu wollen. Und als ob das noch nicht genug Schablone wäre, noch Muttertage mit Mutterbildern und Liebesbekundungen von der Stange? Das muss nun wirklich nicht sein.

Beate Hausbichler, Redakteurin Wissen & Gesellschaft

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foto: apa/helmut fohringer

Muttertag ist kein leichter Tag. Will man den Mamas in geballter Form das zurückgeben, was sie einem das ganze Jahr über geschenkt haben, sind Kinder und Papas extrem gefordert. Am Sonntag müssen Blumen und Gebäck besorgt werden. Es hat aber alles geschlossen! Hallo, "Familienpartei" ÖVP! Ist da wer?! Der Weg führt also zu Bahnhöfen oder Tankstellen, wo Horden verzweifelter Menschen um Grünzeug und Last-Minute-Geschenke kämpfen. Wer das übersteht, muss vor dem Augenaufschlag der Mama Frühstück, Gedicht und Nachwuchs perfekt in Szene setzen. Und warum das alles? Weil es die Muttis mehr als verdienen, weil sie die besten und liebsten sind. Vor allem meine.

Rainer Schüller, Stellvertretender Chefredakteur

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Liebe Mama! Der Muttertag wäre die Gelegenheit gewesen, Dir einmal zu sagen, was ich gerne von Dir geerbt hätte. Optimismus! Zuversicht! Deine Herzlichkeit und Gabe, auf andere Menschen zuzugehen! Aber Mutter- und Vatertag wurden nicht gefeiert, weil die Hausarbeit ohnehin unter den Familienmitgliedern aufgeteilt wurde. Und dann übernahm Papa alles, als die Lungenkrankheit bei Dir ausbrach. Zwölf Jahre hingst Du am Sauerstoffschlauch, warst fast nie verzagt. Vor zwei Jahren dann der Platz auf der Transplantationsliste, ein Spenderorgan. Als ich mich um halb drei Uhr früh vor dem OP-Saal verabschiedete, hast Du gemeint: "Auch wenn's nichts wird, ich habe ein schönes Leben gehabt!" Wie sehr bewundere ich Deine Kraft, auch in schwierigen Situationen den Mut nicht zu verlieren. Und jetzt feiern wir noch immer nicht den Muttertag, aber zweimal Deinen Geburtstag.

Alexandra Föderl-Schmid, Chefredakteurin

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