An der ÖVP-Spitze werden aus beliebten Ministern unbeliebte Parteichefs

Blog11. Mai 2017, 15:50
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Will Sebastian Kurz seine Popularität in Wählerstimmen umwandeln, ist jetzt dazu die beste Gelegenheit

Im Herbst 2008 war Josef Pröll einer der beliebtesten Politiker Österreichs. Populärer noch, als es Sebastian Kurz derzeit ist. Zu diesem Zeitpunkt war er aber beileibe kein Neuling mehr auf der politischen Bühne, sondern hatte bereits fünf Jahre Erfahrung als Landwirtschafts- und Umweltminister gesammelt.

Rund zweieinhalb Jahre später war der Glanz des Bauernbündlers stark verblasst, die Beliebtheitswerte waren gesunken, und im April 2011 legte Pröll aus gesundheitlichen Gründen seine politischen Funktionen zurück.

foto: standard/newald
Josef Pröll hat seine Popularität eingebüßt, als er ÖVP-Chef wurde.

Was war passiert? Ganz einfach: Josef Pröll hatte das Amt des ÖVP-Bundesparteiobmanns übernommen.

Die Grafik unten zeigt quartalsweise Vertrauenssaldos von ÖVP-Spitzenpolitikern vor und nach der Übernahme des Parteivorsitzes. Der Nullwert auf der x-Achse gibt das Quartal an, in dem die jeweilige Person an die Parteispitze tritt. Josef Pröll etwa hatte Vertrauenssaldos von rund plus 40 in seinen Jahren als Landwirtschaftsminister – am Ende seiner politischen Laufbahn bewegte er sich gerade noch im positiven Bereich.

Auch Michael Spindelegger war ein durchaus beliebter Außenminister, bevor er als Parteichef massive Vertrauensverluste hinnehmen musste. Ausgerechnet beim nun zurückgetretenen Reinhold Mitterlehner ist dieses Muster am wenigsten deutlich ausgeprägt. Zwar sinken auch hier die Werte rechts der Nulllinie. Jedoch bewegen sie sich in etwa dort, wo sie während der Zeit Mitterlehners als Minister auch schon waren.

Nun wäre es kühn, anhand dieser drei Fälle in die Zukunft zu extrapolieren. Dennoch zeigt das Beispiel Josef Prölls, dass sogar sehr populäre Minister binnen kurzer Frist viel von ihrem Glanz einbüßen können – selbst wenn sie vor dem Wechsel an die Parteispitze jahrelang hohe Beliebtheitswerte hatten.

Sebastian Kurz weiß also, dass das Zeitfenster, in dem er seine Popularität in Stimmen ummünzen kann, womöglich sehr begrenzt ist. Denn einmal an der Parteispitze, geht es mit der Beliebtheit allzu oft nur in eine Richtung: nach unten. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 11.5.2017)

Laurenz Ennser-Jedenastik ist Politkwissenschafter an der Universität Wien.

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