Volkstheater: Der biblische Lazarus in postfaktischer Zeit

    11. Mai 2017, 15:14
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    Das Wiener Volkstheater erinnert 2017/18 u. a. an George Orwell und an David Bowie

    Wien – Im Spielzeitkatalog der Saison 2017/18 steht es schwarz auf weiß: Die Welt, wie wir sie zu kennen vermeinen, ist aus den Fugen. Volkstheater-Direktorin Anna Badora ließ es sich nicht nehmen, auf ihrer Spielplanpressekonferenz die Rolle als Unglücksbotin zu strapazieren. Unsere demokratischen Regeln werden aufgekündigt. Und es ist das Volk selbst, so Badora, das mit überkommenen Vereinbarungen bricht.

    Das Volkstheater blicke jedenfalls mit allerlei optischen Gerätschaften entschlossen in die Welt hinein, und die Welt schaue (günstigstenfalls) zurück. Die Hausherrin eröffnet selbst im September die Saison mit einer Iphigenie in Aulis-Fassung nach Euripides, verschränkt mit einem Stück über paneuropäische Flüchtlingsrouten (Occident Express von Stefano Massini). Im selben Monat inszeniert Felix Hafner Nestroys Höllenangst. Ein Georg-Kreisler-Liederabend (Wien ohne Wiener) ruft u .a. Nikolaus Habjans Puppen auf den Plan. Der hochinteressante Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer liefert im November eine Fassung von Orwells 1984, naturgemäß eine Neubewertung des Stoffs angesichts von Fake-News und Postfaktizität.

    Zehn Gebote und Lärm um nichts

    Die Zehn Gebote nach den Filmen von Krzysztof Kieslowski verhelfen Regisseur Stephan Kimmig zu einem Comeback in Wien. Yael Ronen wird mit Ensemble in #Fröhliche Apokalypse (AT) den "Untergang eines dekadenten Empires" behandeln. Viel Lärm um nichts schlägt Regisseur Sebastian Schug ab März 2018. Worauf das Volkstheater umgebaut wird, der Betrieb in die Expositur ins Odeon übersiedelt. In der Taborstraße wird am 4. Mai 2018 das "Art-Musical" Lazarus von David Bowie / Enda Walsh erstaufgeführt. Die Karyatiden des Hauses trainieren bereits ihre Sangeskünste.

    In den Volkstheater/Bezirken verwöhnt man nicht nur mit Premieren von Lessing- und Jura-Soyfer-Stücken, sondern macht mit Das Haus am See (On Golden Pond) vor allem Leiterin Doris Weiner ein Geschenk (September 2017). Im Volx/Margareten wird u. a. das erste abendfüllende Stück von Clemens J. Setz aus der Taufe gehoben. Vereinte Nationen erzählt von der Ausbeutung eines Kindes durch dessen profitgierige Eltern (Oktober 2017). Jordan Tannahills Stück Concord Floral dockt an die Jugendkultur an und involviert Laienspieler (Februar 2018).

    Umbau hin oder her: Auch abseits des Bühnenalltags zeigt sich das Volkstheater diskursfest. Autor Ilija Trojanow wird sechs Mal Gesprächspartner aus Kunst und Wissenschaft auf einem Podium empfangen. (Ronald Pohl, 11.5.2017)

    • Dritte Spielzeit mit Umbau: Anna Badora ergründet die Gegenwart.
      foto: hans punz / apa

      Dritte Spielzeit mit Umbau: Anna Badora ergründet die Gegenwart.

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