Aufklärungskampagne über personalisierte Medizin

11. Mai 2017, 10:10
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Zwischen Hype, realistischer Darstellung und deutlichen Fortschritten: Die personalisierte Medizin ist im Kommen

Wien – Biomedizinische Tests bei Patienten und darauf abgestimmte Therapien verbreiten sich in der Heilkunde immer mehr. "1901 hat Karl Landsteiner die Blutgruppen entdeckt. Das war eigentlich der Start der personalisierten Medizin", sagt Hellmut Samonigg. Er ist Rektor der MedUni Graz und jahrzehntelang als führender Onkologe tätig.

Vor rund 30 Jahren sei die Bestimmung der Hormonrezeptoren bei Brustkrebs ein weiterer großer Schritt gewesen. Derzeit nähere man sich bereits einer Situation, in der man bei vielen Krebserkrankungen aus der Biologie des Tumors, Prognosefaktoren und vielen anderen Informationen Aussagen treffen könne, ob ein Patient auf eine bestimmte Therapie ansprechen werde oder nicht. Gleichzeitig werde die Verarbeitung aller dieser Informationen zum Nutzen der Patienten immer komplexer.

Entwicklung als Prozess

Michael Gnant, Chef der Chirurgischen Universitätsklinik der MedUni Wien (AKH), denkt die Entwicklung als Prozess: "Wenn wir 2050 vielleicht in der Frühdiagnostik besser sind, werden wir durch Blutabnahme bei jungen Menschen sagen können, welche persönliche Prädisposition sie für eine Krebserkrankung haben. Wir werden mit medikamentöser Therapie, Operation, Strahlen- und Immuntherapie sicherstellen, dass wahrscheinlich 80 bis 90 Prozent der Patienten gesund werden. In der Form, dass sie an etwas anderem sterben."

Das bedeute aber auch die Verpflichtung realistisch über Stand und Zukunftsaussichten der Präzisionsmedizin zu informieren. "Wichtig ist, dass wir transparent, fair und realistisch sagen, wo wir auf diesem Weg sind", sagt Chirurg Gnant. Gerade in Österreich sei es besonders notwendig, die Menschen davon zu überzeugen, dass Innovationen notwendig und positiv für jeden Einzelnen sein könnten. Als Beispiel nennt er die sogenannten HER2/neu-positiven Mammakarzinome. Noch vor etwas mehr als 15 Jahren hätte ein solches Tumormerkmal besonders schlechte Überlebenschancen bedeutet. Mit der Entdeckung dieses Wachstumsfaktor-Rezeptors im Jahr 1984 und der Entwicklung des dagegen gerichteten monoklonalen Antikörpers Trastuzumab hat sich die Situation ins Gegenteil verkehrt. HER2/neu-positiver Brustkrebs (auch bei anderen Karzinomen kann dieser Marker vorkommen; Anm.) ist seither medikamentös besonders gut behandelbar.

Sprung nach vorn

"Heute werden acht von zehn Frauen mit Brustkrebs geheilt. Die zwei anderen haben nicht mehr eine Lebenserwartung von zwei, sondern von sechs, sieben oder gar zehn Jahren", sagte Gnant. "Beim Melanom wurde ein tatsächlicher Durchbruch erzielt. Da wurde etwas erreicht, was vor zehn Jahren nur ein Desaster war. Wir sind dabei, einen wesentlichen Sprung nach vorn zu machen", fügt Samonigg hinzu.

Freilich, immer mehr sehr guten Detailerfolgen bei der Therapie von manchen Krebserkrankungen stehen auch weiterhin große Probleme bei anderen bösartigen Leiden gegenüber. Die Präzisionsmedizin soll aber neben der Gewährleistung besserer Heilungschancen auch verhindern, dass Patienten Therapien erhalten, die ihnen vor allem oder nur Nebenwirkungen ohne positiven Effekt bringen. "Wir sollten nicht übersehen, dass wir bei vielen Menschen auch Schaden abwenden", sagte Samonigg. Die Experten betonten, dass es in Zukunft auch immer wichtiger werde, an die Gesundheitspolitik und die Sozialversicherungsträger jene Expertise heranzutragen, welche sie für ihre Entscheidungen über die Finanzierung etc. benötigen. Eine Situation, in der die Krankenkassen beispielsweise "hinter Mauern" säßen und hofften, dass die Forscher eben nichts Neues an Therapien brächten, sei kein gangbarer Weg für die Zukunft.

Der Schweizer Pharmakonzern Roche hat nun dazu eine Internet-basierte Informationskampagne "Medizin für mich" gestartet. (APA, 11.5.2017)

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