"Europa erzählen": Europa endet an den Grenzen der Vorstellungskraft

    11. Mai 2017, 11:00
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    Eine der letzten großen Retrospektiven von Alexander Horwath als Filmmuseum-Direktor: Ein aus 50 Filmen bestehendes Mosaik, in dem historische Linien eines Jahrhunderts sichtbar werden

    Wien – Das Europa, das es nie gab, bekam im Jahr 1989 eine einmalige Chance: Wie sollte es mit dem geteilten Deutschland verfahren? Die Wiedervereinigung war ein Risiko, von dem man heute gern wüsste, ob es sich gelohnt hat. Vielleicht kann man Konrad Wolfs Film Der geteilte Himmel (1964) als ein Indiz dafür nehmen, dass die Vereinigung gerade deswegen richtig war, weil sich Gegensätze unter einem Dach besser (auch: dialektischer) entfalten können.

    Die DDR als Utopie, die schon in der Verfilmung des Romans von Christa Wolf auseinandergenommen wurde, ist in der Berliner Republik zwar fast schon vergessen, im kulturellen Gedächtnis wird sie aber aufbewahrt. Damit gehört Der geteilte Himmel gerade deswegen in eine Filmschau zum Thema Europa erzählen.

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    Denn Europa ist im Grunde ebendies: eine Erzählung, die sich gegen den Begriff sträubt. Eine Erzählung, die eine konkrete Utopie aus den Details entstehen lassen will. Diese Details sammelt Alexander Horwath in seiner großen Schau im Filmmuseum (er tritt mit 1. Oktober als Direktor ab): Europa entsteht hier aus einer Vielfalt von historischen und geografischen (geopolitischen) Bezügen als eine Idee, die nicht so wie Amerika vor allem als Mythologie überliefert wird, sondern als ein Experiment.

    Dabei zeigt sich, dass es die Außengrenzen, von denen man heute selbstgewiss spricht, nie gab, da dadurch etwa die senegalesischen Soldaten ausgeschlossen würden, die auf der Seite Frankreichs im Zweiten Weltkrieg kämpften und danach interniert wurden: Camp de Thiaroye (1988) von Ousmane Sembène ist die vielleicht radikalste Wahl in diesem Programm, ein Film, der Europa als Kolonialmacht auf die Widersprüche seiner antifaschistischen Befreiungslegende verweist.

    Im Zeichen des Kapitals

    1945 ist das Jahr, in dem das Nachkriegseuropa begann, das nach 1989 das Wagnis unternahm, seine systemische Spaltung zu überwinden, und seither Gefahr läuft, eine andere systemische Spaltung zu verstetigen – im Zeichen des Kapitals. Die Schweiz, von der Leopold Lindtberg in Die letzte Chance (1945) eine bedrückende, realistische Allegorie zeichnete, ist das Land, in dem der Konflikt zwischen den Freizügigkeiten des Geldes und den Beschränkungen für die Menschen sinnbildlich ausgetragen wird.

    Das Kino ist ungefähr so alt wie die Blüte der Nationalstaaten. Davon kann man in dieser Schau, die aus den Dekaden vor dem Zweiten Weltkrieg nur Stichproben enthält, noch viel mitbekommen, denn in den Logiken des Nationalkinos schrieb sich lange etwas fort, was die kommerzielle Idee von Europa nach 1950 schon in den Strudel der Koproduktionen zog. Symptomatisch dafür ist Confidential Report (Mr. Arkadin) (1955) von Orson Welles, in dem das Europa des Jetsets sich auf eine Globalisierung der tödlichen Eliten hin öffnet und alles Genealogische zu einer Gefahr wird.

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    Ein Lob des Herkommens singt Europa erzählen auf gar keinen Fall, eher schon vollzieht die umfangreiche Schau noch einmal die große geisteshistorische Linie des 20. Jahrhunderts nach, die darin besteht, in den Bodenlosigkeiten der Dekonstruktion, mit denen man sich aus den Totalitarismen der Moderne zu retten versuchte, fragmentarische Gewissheiten zu verwurzeln.

    Man findet sich bei einem ethischen Erzähler wie Vitalij Kanevskij, mit dessen Ein unabhängiges Leben (1992) das Europa des Filmmuseums bis ins hintere Sibirien reicht, oder in den schier unauslotbaren Facetten zwischen Differenz und Wiederholung, Norm und Abweichung, die Lucian Pintilie 1968 in Rekonstruktion zwischen sich und die Orthodoxien des Kommunismus setzte.

    Allen ständigen Versuchen, eine große Synthese zu ziehen (und sei es ein missverständlicher Begriff wie der eines Weltbürgerkriegs), setzt Europa erzählen die "Spielzeit" (Playtime, Jacques Tati, 1968) hypothetischer Identifikationen entgegen, die aber gerade im dunklen Saal in der Albertina alles Hypothetische verlieren.

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    Fluchtpunkt könnte vielleicht Jacques Roziers neuer Robinson in Die Schiffbrüchigen der Schildkröteninsel (1976) werden: ein Urlauber im Exotischen, der unvermutet erlebt, wie sich heutige Flüchtlinge vorkommen müssen. Das Fazit der vielen Filme: Europa endet weder am Ural noch am Bosporus, sondern nur an den Grenzen einer Vorstellungskraft, mit der sich Menschen in etwas hineinversetzen können, das (und wo) sie nicht sind. (Bert Rebhandl, 11.5.2017)

    Filmmuseum, bis 25. Juni

    • Europa reicht bis ins hintere Sibirien: Vitalij Kanevskijs autobiografisch inspirierter Film  "Ein unabhängiges Leben" erzählt von einem Jugendlichen, der durch ein hoffnungsloses Land zieht.
      foto: filmmuseum

      Europa reicht bis ins hintere Sibirien: Vitalij Kanevskijs autobiografisch inspirierter Film "Ein unabhängiges Leben" erzählt von einem Jugendlichen, der durch ein hoffnungsloses Land zieht.


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