Die ganz große Koalition

Kolumne10. Mai 2017, 17:08
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Rot und Schwarz scheinen mittlerweile in erster Linie darauf bedacht, den Koalitionspartner wie eine Oppositionspartei zu behandeln

"Kann Journalismus zu kritisch sein?", wollte das neue Ö1-Medienmagazin #doublecheck in seiner ersten Folge wissen. Eine Frage, die ähnlich sinnvoll klingt wie "Kann Essen zu gut schmecken?" oder "Kann Felix Baumgartner zu oft schweigen?", sich aber auf eine tatsächlich existierende Debatte bezieht, in der es um die Interviews des ZiB 2-Moderators Armin Wolf geht.

Dieser hat es sich zur Angewohnheit gemacht, Fragen, die von seinen Gesprächspartnern nicht beantwortet wurden, noch einmal zu stellen. Das gehört an sich zu den Spielregeln menschlicher Kommunikation und ist ähnlich gewagt, als würde man im Restaurant versuchen, eine vom Ober ignorierte Bestellung erneut vorzubringen. Trotzdem gibt es Menschen, die sich nicht genieren, ernsthaft zu behaupten, dass es sich bei dieser journalistischen Selbstverständlichkeit um "Verhörmethoden" handelt.

Da glaubt man im ersten Moment, sich verhört zu haben, doch ein Blick auf die Phalanx der sich zum "Wer viel fragt, geht viel fehl"-Prinzip Bekennenden erklärt einiges. Sie reicht von SPÖ-Stiftungsräten über ÖVP-Landespolitiker bis zum FPÖ-Obmann und dem ihm ergebenen ORF-Online-Direktor. Eine bizarre Allianz, in der sich aber möglicherweise eine auf uns zukommende Entwicklung der heimischen Politik widerspiegelt: Die große Koalition ist tot, es lebe die ganz große Koalition!

Rot und Schwarz scheinen mittlerweile in erster Linie darauf bedacht, den Koalitionspartner wie eine Oppositionspartei zu behandeln und gleichzeitig sich der größten Oppositionspartei nicht nur immer mehr anzunähern, sondern sie sich auch für künftige Partnerschaften schönzulügen. Dabei werden die drei Parteien in vielen Aspekten einander immer ähnlicher und entdecken auch gemeinsame Abneigungen. Zum Beispiel gegen ungehörige Fragen von Journalisten.

Begünstigt wird die Bildung dieser ganz großen Koalition noch durch den Umstand, dass die restlichen Parteien dank grüner Selbstvernichtung und pinker Selbstauflösung Richtung ganz kleiner Opposition unterwegs sind. (Das aufgrund seiner hohen Korruptionsaffinität für eine Partnerschaft mit SP, VP und FP wie geschaffene Team Stronach hat sich bereits selbstvernichtend aufgelöst.)

Zur Feuerprobe des neuen Bündnisses könnte der Eurofighter-Untersuchungsausschuss werden, bei dem alle drei Megakoalitionspartner eine nicht unbegründete Sorge wegen allzu vieler Enthüllungen eint. Eine Situation, in der so unterschiedliche Politiker-Persönlichkeiten wie Alfred Gusenbauer, Wolfgang Schüssel und Heinz-Christian Strache plötzlich in einem Boot sitzen, was bei ihren jeweiligen Parteifreunden intensive Seenot-Retter-Instinkte auslösen könnte. Dieses Zusammenhalten in der Not hätte das Potenzial, sich zu einer leidenschaftlichen Ménage-à-trois zu entwickeln, als deren künftige Protagonisten man sich beispielsweise Hans Niessl, Wolfgang Sobotka und Ursula Stenzel jetzt schon gut vorstellen kann, auch wenn das möglicherweise Bilder im Kopf auslöst, die man dort lieber nie gehabt hätte.

In diesem Fall erscheint es sogar denkbar, dass eine bloße Abbildung bereits als zu kritischer Journalismus empfunden wird. (Florian Scheuba, 10.5.2017)

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