Wirtschaftsforschung: Die Makrowirkung von Mikrodaten

14. Mai 2017, 17:50
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Um präzisere Kenntnis über Effekte und Wirksamkeit wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu bekommen, bräuchte die Wirtschaftswissenschaft Mikrodaten von Unternehmen

Wien – Mit knapp 528 Millionen Euro hat der Staat im Vorjahr Unternehmen entlastet, sofern sie in Forschung und Entwicklung (F&E) investiert haben. Heuer, schätzt die Statistik Austria, könnten dafür um hundert Millionen mehr aufgehen, also an die 628 Millionen. Trotz wachsender Beliebtheit aufseiten der Begünstigten weiß die Politik erstaunlich wenig über die volkswirtschaftlichen Wirkungen dieser Förderung, die über verminderte Abgabenschuld gewährt wird. Insbesondere die Wirkung auf kleinere und mittlere Unternehmen, das vielbeschworene Rückgrat der Wirtschaft, ist kaum erforscht.

Innovations- und Wirtschaftsforscher des Wifo setzen große Hoffnungen in die Verfügbarkeit großer Mikrodatensätze, sie erwarten "einen ähnlichen Entwicklungssprung wie seinerzeit bei der Einführung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Gemeinsam mit dem Bruttoinlandsprodukt vermittelte diese erstmals Informationen über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Volkswirtschaften auf der aggregierten Ebene", heißt es in der Studie über die Bedeutung von unternehmensbezogenen Individualdaten für empirische Wirtschaftsforschung und wirtschaftspolitische Beratung.

Womit klar ist, dass es kein Zufall ist, dass die volkswirtschaftliche Bedeutung von F&E in Schweden, Finnland, Dänemark, der Schweiz oder auch in Estland und Frankreich deutlich besser dokumentiert ist als in dem im Europavergleich gar nicht so viel schlechter abschneidenden Österreich. Im Gegensatz zu den "Innovation-Leaders" ist es Ökonomen und Statistikern in Österreich nämlich nicht erlaubt, Unternehmensdaten mit anderen Daten zu verknüpfen und so die Aktivitäten in betrieblicher F&E auszuwerten.

Während Luxemburg, Großbritannien, Frankreich und die Niederlande den Forschern Fernzugriff auf amtliche Mikrodaten ermöglichen oder zumindest sichere Datenräume (Safe Centers) einrichten wie Deutschland und Spanien bzw. Forschungsdatenzentren gewähren, sind in Österreich nicht einmal anonymisierte Mikrodaten zugänglich. Das macht Auswertungen wie Evaluierungen der Forschungsprämie aufwendig – und auch ungenau. Denn es müssen Befragungen durchgeführt werden, was bei den Betrieben aufgrund des Mehraufwands unbeliebt ist.

"Ein Vergleich mit jenen Firmen, die nicht forschen, und ihren Motiven ist nicht möglich. Denn Nichtinnovatoren beantworten unsere Fragen einfach nicht. Die interessiert das nicht", beschreibt Wifo-Studienautor Werner Hölzl das Problem. Er hat die Bedeutung von unternehmensbezogenen Individualdaten untersucht und kam zum Schluss: "Wir wissen zu wenig." Im Gegensatz zur Arbeitsmarkt-, Industrie- oder Außenwirtschaftsökonomie, die längst Zugang zu aussagekräftigeren Daten habe, tappe man bei F&E noch im Dunkeln. "Je mehr die Ökonomen wissen, desto gehaltvollere Aussagen können sie treffen, desto solidere wirtschaftspolitische Vorschläge können sie den Entscheidungsträgern in der Politik vorlegen", sagt Hölzl, der eine Änderung des Bundesstatistikgesetzes erhofft.

Selbiges regelt in § 31 den Zugang der Wissenschaft zu Statistikdaten sehr restriktiv. Unternehmensbezogene Mikrodaten stehen unter demselben Schutz wie personenbezogene Individualdaten, und deren Verwendung ist "auch für wissenschaftliche Zwecke unzulässig", wie es wörtlich heißt. Die Statistik Austria darf nur nichtpersonenbezogene statistische Daten hergeben, Ermittlung und Speicherung sind laut Datenschutzrecht verboten.

Das stellt Innovationsforscher vor Probleme. Denn anders als aggregierte Daten ermöglichen Mikrodaten eine Klassifikation nach Untersuchungseinheiten und Merkmalen (Größe, Branche, Alter, Wachstum, Innovationstätigkeit etc.) und vor allem die Verknüpfung mit anderen – je nach Forschungsfrage – relevanten Mikrodatenquellen. Auch ihr Informationsgehalt ist ungleich höher als der aggregierter Daten, weil die gesamte Breite der Unternehmensverteilung abgebildet werden kann (Perzentile, Median), sagt Hölzl, nicht nur Mittelwerte.

Noch ein Vorteil der Mikrodaten: Sie zeigen Veränderungen der Produktivität, Produktion, Beschäftigung, Investition samt Veränderungsraten, die auf der aggregierten Ebene des BIP und der Investitionen verborgen bleiben – obwohl sie die Entwicklung dieser Aggregate maßgeblich beeinflussen. (Luise Ungerboeck, 15.5.2017)

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