Neues Weinshop-Konzept: Erst probieren, dann kaufen

15. Mai 2017, 14:00
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Veltliner, Riesling und Co: In der Wiener Innenstadt eröffneten zwei Unternehmer eine Weinshop-Bar, in der alle lagernden Weine verkostet werden können. Möglich macht das ein einzigartiges Schanksystem

Weintrinken sei ein besseres Gehirntraining als das Lösen von Mathematikaufgaben. Das behauptete unlängst der US-Neurowissenschafter Gordon Shepherd. Doch um sein Gehirn zu trainieren, reicht es nicht, jeden Tag eine Bouteille zu leeren. Es geht darum, möglichst viele unterschiedliche Weine zu verkosten. Für diese Art des Gehirntrainings gibt es seit kurzem ein Trainingszentrum. In der Wiener Innenstadt eröffneten Oliver Sartena und Dietmar Pirolt ihre erste Just-Taste-Filiale, eine Weinshop-Bar, in der Kunden alle lagernden Weine verkosten und natürlich kaufen können.

Abgetrennte Sitzbereiche, Kellner mit weißen Hemden oder Sommeliers mit hochtrabenden Weinbeschreibungen sucht man hier vergebens. In dem Lokal, das gleichzeitig auch ein Shop ist, macht offenbar jeder alles, und das auf sehr unprätentiöse Art. "Den Wein muss man einfach aufreißen und sofort austrinken", erklärt der stellvertretende Shopleiter Vincent Jakabb und spricht dabei über den Grünen Veltliner Filius vom Weingut Hagn aus dem Weinviertel.

Diese Art der Weinbeschreibung dürfte nicht nur von Sommeliers jahrelang bevormundete Weintrinker vor dem Kopf stoßen. "Menschen haben oft Angst, Wein zu kaufen oder ihn im Restaurant zu bestellen, weil sie sich nicht auskennen. Wir wollen Kunden nicht belehren, sondern beraten", sagt Dietmar Pirolt.

Der Unternehmer verbrachte deshalb viel Zeit mit der Mitarbeitersuche. "Es war extrem schwierig, das richtige Personal zu finden. Anfangs dachten wir, die Mitarbeiter müssen Weinprofis sein. In Wirklichkeit sind es aber Leute mit der richtigen Einstellung zum Kunden. Profis sind teilweise zu abgehoben."

Geschäftspartner Oliver Sartena hat bereits Erfahrung mit Weinshopkonzepten, war er doch lang im Management von Wein & Co. Das Just-Taste-Konzept sei laut Sartena aber nicht vergleichbar mit dem seines früheren Arbeitgebers. "Wir haben viele Studien gemacht. Als einen der wichtigsten Faktoren für den Weinkauf gibt ein Großteil der Befragten an, dass er Wein vor dem Kauf kosten möchte. Beim Winzer kann man das, und deshalb kaufen so viele Leute dort gern ihren Wein".

Alles neu

So entstand die Idee, jeden im Shop verfügbaren Wein auch verkosten zu lassen. "Viele Leute haben uns für verrückt erklärt. Genau das hat uns motiviert, es zu machen. Wenn du eine Idee hast und jemand klopft dir zustimmend auf die Schulter, dann lass es lieber bleiben. Wir hatten keine Ahnung, wie wir es machen. Wir wussten nur, dass wir es machen wollen", sagt Sartena.

Weil man für einen Schluck Wein keine ganze Flasche öffnet, arbeiten die Unternehmer mit einem ausgeklügelten System. Zum Ausschenken wird die Flasche mit einem eigenen Verschluss in ein Ausschankgerät gestellt, und die gewünschte Menge Wein kann entnommen werden. Um den Wein zu konservieren, kommt gleichzeitig das Edelgas Argon in die Flasche. "Durch das Gas stoppen wir die Oxidation, und der Wein hält sich über zwei Wochen in der Flasche", sagt Stefano Palo, der das Gerät in Italien entwickelte.

Rund 600 Flaschen Wein sind mit besagten Verschlüssen versehen und können auf Wunsch verkostet werden, vorausgesetzt, der Mitarbeiter weiß, in welchem Weinklimaschrank die entsprechende Flasche steht. Der Fokus liegt auf österreichischen Weinen von bekannten, aber auch jungen Winzern.

Weil Sartena und Pirolt aber auch ein Online-Verkostungssystem implementieren wollten, gehen sie noch einen Schritt weiter: Weinflaschen werden in einer eigenen Anlage geöffnet und umgefüllt. Was auf den ersten Blick aussieht wie das von vielen verachtete und schon fast ausgestorbene Stifterl, ist eine kleine Flasche mit dem zuvor online bestellten Wein. So kann man unterschiedliche Weine auch zu Hause verkosten.

Für die Kulinarik haben sich die Unternehmer unter anderem Schneckenzüchter Andreas Gugumuck und Käsemacher Johannes Lingenhel an Bord geholt. Diese kreierten kleine Gerichte, die zum Wein serviert werden.

Ende des Jahres soll eine weitere Just-Taste-Filiale in Berlin dazukommen. "Im Moment sind wir noch auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie in Mitte oder Prenzlauer Berg", sagt Sartena. Jetzt müsse aber erst einmal der Shop in Wien laufen. (Alex Stranig, RONDO, 15.5.2017)

Just Taste
Stubenring 16
1010 Wien

  • Die Inneneinrichtung stammt von den Vintage-Möbel-Experten Vermöbelt aus Wiener Neustadt. Bar und Sitzgelegenheiten sind in den Shop integriert.
    foto: graph art line e. u. 2017, winefit

    Die Inneneinrichtung stammt von den Vintage-Möbel-Experten Vermöbelt aus Wiener Neustadt. Bar und Sitzgelegenheiten sind in den Shop integriert.

  • Dietmar Pirolt (links) und Oliver Sartena planen weitere Filialen in Österreich und Deutschland.
    foto: graph art line e. u. 2017, winefit

    Dietmar Pirolt (links) und Oliver Sartena planen weitere Filialen in Österreich und Deutschland.

  • Zum Ausschenken wird die Flasche mit einem eigenen Verschluss in das Ausschankgerät gestellt, und die gewünschte Menge Wein kann entnommen werden.
    foto: graph art line e. u. 2017, winefit

    Zum Ausschenken wird die Flasche mit einem eigenen Verschluss in das Ausschankgerät gestellt, und die gewünschte Menge Wein kann entnommen werden.

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