Vorarlberg denkt über Industriemuseum nach

10. Mai 2017, 10:00
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In Vorarlberg denkt man darüber nach, ob man ein Industriemuseum braucht und wie es ausschauen könnte

Dornbirn – 20 Prozent der Vorarlberger Beschäftigten arbeiten in der Industrie. Wie aus dem bäuerlichen Land des 19. Jahrhunderts innerhalb kurzer Zeit ein Industrieland wurde, wissen aber die wenigsten.

Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden erste Industriebauten, Kirchtürme bekamen Konkurrenz durch Schlote und Trockentürme. Bauernfamilien, die sich schon zuvor durch Heimarbeit für Schweizer Textilunternehmen ein Zubrot verdient hatten, schickten ihre Töchter in die Fabrik. Dann kamen Arbeiterinnen aus Südtirol, später aus Ostösterreich, Jugoslawien, der Türkei.

"Vorarlberg braucht ein Industriemuseum", ist der Dornbirner Stadtarchivar Werner Matt überzeugt, schließlich präge die Industrie das Leben hierzulande seit mehreren Generationen. Weil die Diskussion über die Notwendigkeit eines Industriemuseums seit den 1980er-Jahren immer wieder aufflammt, gab die Landesregierung ein Orientierungskonzept in Auftrag.

Techshop oder Denkwerkstatt

Die Conclusio der fünf Experten: Es soll ein Industriemuseum geschaffen werden, das einerseits die Geschichte erzählt, andererseits einen Blick auf Gegenwart und Zukunft der Arbeitswelt wirft.

Martin Ohneberg, Präsident der Industriellenvereinigung, möchte "ein nach vorne gerichtetes Museum", einen Ort, der Industrie greifbar macht, für Technik sensibilisiert, "eine Art Spielplatz für Produktion und Kreativität ähnlich den Techshops in den USA". Bruno Winkler, Museumsberater und einer der Verfasser des Orientierungskonzepts, hingegen warnt vor "zeitgeistigen Verlockungen". Ein Industriemuseum sollte weder ein Hightechpark noch eine "selbstgefällige Dokumentation einer Erfolgsgeschichte" sein, sondern Schauplatz, Forum und Denkwerkstatt.

Wo bleibt die Arbeiterschaft?

Zur ersten Diskussion über das Konzept holte man sich mit dem Grazer Museologen Gottfried Fliedl einen Experten mit Außenblick. Fliedl riet dazu, sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Ziel eines neuen Museums zu stellen: "Nicht: 'Wer will ein Museum', sondern: 'Wer braucht ein Industriemuseum und wozu?'"

Der aktuelle Zustand unserer Wirtschaft und Politik – ökologische Entgleisungen, in wenigen Händen konzentriertes Finanzkapital, Nationalismen – verlangten nach einer neuen Qualität öffentlicher Debatte. Ein herkömmliches Museum biete nicht den Raum dafür. Eine wesentliche Frage, die Fliedl aufwirft, ist jene nach der Einbeziehung der Arbeiterschaft. Landesausstellungen und Museumsgründungen der letzten Jahrzehnte hätten gezeigt, dass diese bisher gefehlt hat.

Dornbirn als Standort

Dornbirn, wo die früheren Rüsch-Werke, ein 1884 gegründeter Metall verarbeitender Betrieb, 2003 zum erfolgreichen Naturmuseum Inatura umgebaut wurden, wäre ein möglicher Standort für das neue Museum. Bürgermeisterin Andrea Kaufmann (VP) sieht keinen Grund zur Eile und hofft auf Kooperation der Wirtschaft. Ob sich die Industrie finanziell beteiligen würde, ist noch ungewiss. Für konkrete Zusagen sei es noch zu früh, heißt es aus der Industriellenvereinigung. (Jutta Berger, 10.5.2017)

  • Früher wurden hier Turbinen gebaut, heute wohnen in der Inatura Dornbirn Fuchs und Co.
    foto: dietmar walser

    Früher wurden hier Turbinen gebaut, heute wohnen in der Inatura Dornbirn Fuchs und Co.

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