Wilder Wein als Rettung für anfällige Reben

11. Mai 2017, 09:00
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Weinreben werden häufiger als jede andere Kulturpflanze gespritzt. Doch der Trend ist ein anderer: weg vom Gift zugunsten eines nachhaltigen Weinbaus – mithilfe wilder Reben

Graz/Freiburg/Wien – Die Weinrebe war eines der ersten Opfer der Globalisierung. Zu Versuchszwecken führte man im Laufe des 19. Jahrhunderts nordamerikanische Reben nach Bordeaux ein, mit an Bord waren gleich mehrere blinde Passagiere: die Reblaus, der Echte und der Falsche Mehltau. Zügig breiteten sich die Schädlinge in allen europäischen Weinanbaugebieten aus und führten zu dramatischen Ernteverlusten. Bis heute sind Winzer gezwungen, regelmäßig Gift zu spritzen, um die damals eingeschleppten Schädlinge in Schach zu halten.

Verschärfung durch Klimawandel

Der Gifteintrag ist dabei beachtlich: Rund 60 Prozent des Fungizidverbrauchs, knapp 90.000 Tonnen Pilzbekämpfungsmittel, gehen in Europa auf Kosten des Weinbaus – der gerade einmal fünf Prozent der Anbaufläche ausmacht. Selbst im ökologischen Weinbau müssen Winzer Kupfer- und Schwefelpräparate einsetzen, um ihre Ernte zu sichern. Der Klimawandel könnte die Situation weiter verschärfen: Denn Wetterereignisse wie Starkregen und anhaltende Trockenperioden fördern den Schädlingsbefall.

Zwar wird die Gesetzgebung für Pflanzenschutzmittel europaweit restriktiver – so soll in Frankreich die Pestizidmenge bis 2025 um 50 Prozent verringert werden, und auch Österreich, die Schweiz und Deutschland verfolgen ähnliche Ziele – aber die Maßnahmen alleine reichen nicht aus. "Viele Winzer wollen sich nicht mehr der Kontamination mit Pflanzenschutzmitteln aussetzen, und Konsumenten sehnen sich immer mehr nach rückstandsarmen Produkten", sagt Weinbauingenieur Wolfgang Renner von der Versuchsstation Obst- und Weinbau Haidegg in Graz. Das kann nur auf einem Weg funktionieren: Unsere Kulturrebe (Vitis vinifera) muss robuster werden – das gelingt etwa mithilfe wilder Reben.

Resistenzgene

"Wildreben aus Amerika und Asien tragen im Vergleich zu den anfälligen europäischen Rebenarten in ihrem Genom zahlreiche Resistenzgene", sagt Reinhard Töpfer, Leiter des Instituts für Rebenzüchtung Geilweilerhof in Siebeldingen, Deutschland. Wird die amerikanische Wildrebe etwa von Erregern des Falschen Mehltaus befallen, begehen die infizierten Zellen Selbstmord. Da der Erreger im Inneren der Zellen lebt, wird er mit in den Tod gerissen. Die asiatischen Wildreben hingegen sondern einen Duftstoff ab, der den Erreger verwirrt, sodass er nicht ins Blatt eindringen kann.

Die Reblaus bekam man durch "Veredlung" in den Griff: Winzer pfropften amerikanischen Unterlagsreben, die resistent sind gegen den Wurzelschädling, Zweige der europäischen Reben auf und hatten Erfolg. Gegen die Mehltauerreger helfen bis heute aber nur Gift oder ein langer Atem bei der Resistenzzucht. Denn das Vereinen der positiven Eigenschaften von Wild- und Kulturrebe ist nicht so einfach: "Amerikanische Wildreben sind resistent, aber qualitativ schlecht. Sie führen zu Defiziten im Ertrag und – weitaus schlimmer – erheblichen Defiziten in der erforderlichen und vom Verbraucher gewünschten Qualität", erklärt Töpfer.

Aufwändige Zucht

Werden Resistenzen erfolgreich in eine Rebe eingekreuzt, werden oftmals weitere Eigenschaften wie schlechter Geschmack etc. mit eingekreuzt. Um die unerwünschten Merkmale zu entfernen, sind zahlreiche Rückkreuzungsschritte notwendig. So dauert der Aufbau neuer Zuchtlinien bislang rund 30 Jahre.

Eine führende Rolle in der Zucht pilzwiderstandsfähiger Reben (Piwi-Reben) nimmt das Freiburger Staatliche Weinbauinstitut ein: Im Programm sind momentan 13 Piwi-Sorten, die gegen den Falschen und Echten Mehltau resistent sind. In Österreich existieren ebenfalls eigene Piwi-Sorten wie Rösler, Rathay oder Donauriesling. "Insgesamt sind in Österreich derzeit aber nur 0,5 bis 1 Prozent der Rebfläche mit Piwis bepflanzt", schätzt Renner.

Das könnte sich langfristig ändern, denn Piwis finden europaweit immer mehr Anhänger, und selbst in Frankreich, das den Trend lange verschlafen hat, stehen vier Piwi-Sorten kurz vor der Zulassung.

Eine Rebsorte bereitet Wissenschaftern allerdings Sorgen: Einige neue Stämme des Falschen Mehltaus vermögen auf dem Piwi-Rotwein Regent zu wachsen, der bereits 1996 in Europa zugelassen wurde. Die Sorte verfügt "nur" über jeweils einen Resistenzgenort für den Echten und einen für den Falschen Mehltau, den die Erreger nun überwunden haben. Deswegen setzen Wissenschafter heute auf eine Kombination mehrerer Resistenzfaktoren, die für Krankheitserreger schwieriger zu knacken sind.

Molekularbiologische Methoden

Und mithilfe neuartiger molekularbiologischer Methoden kann man neue Rebsorten heute etwa doppelt so schnell züchten: "Der entscheidende Fortschritt war die Entschlüsselung der Reben-DNS, denn heute weiß man, auf welchen Positionen entscheidende Eigenschaften sitzen, etwa der Widerstandsmechanismus gegen Pilzbefall", erklärt Wolfgang Renner. Anhand solcher Marker identifizieren Forscher schon früh diejenigen Pflänzchen, die die gewünschte Resistenz in sich tragen. Finden sich die Marker nicht, werden die Sämlinge nicht weiter kultiviert. "Man spart sich damit Zeit und Geld", sagt Renner.

Es handelt sich aber nach wie vor um konventionelle Zucht, das heißt, das genetische Material beider Rebenarten mischt sich. Das führt zwangsläufig zu neuen Sorten, die unbekannte Namen tragen, wie Johanniter, der dem Riesling ähnelt, oder Muscaris, der an Muskateller erinnert. Das wiederum erschwert die Vermarktung: "Weinkultur hat viel mit Tradition zu tun. Das Wissen über Rebsorten und Terroirs wird von Generation zu Generation weitergegeben. Somit müssen Winzer und Konsumenten von den neuen Sorten erst überzeugt werden", sagt Astrid Forneck, Leiterin der Wein- und Obstbauabteilung der Universität für Bodenkultur Wien.

Keine Akzeptanz für Gen-Wein

Hier hätte die Gentechnik theoretisch einen Vorteil: Da nur kleinere Genabschnitte ins Erbgut eingefügt würden, bliebe die genetische Struktur weitgehend erhalten und damit auch Sortennamen wie Spätburgunder oder Sauvignon blanc. Doch: "Derzeit spielt Gentechnik weltweit keine Rolle in der Rebenzüchtung, da es in wichtigen Verbraucherländern keine Akzeptanz dafür gibt", so Töpfer.

Bis sich Piwi-Weine fest etabliert haben, wird es wohl noch dauern. "Momentan interessieren sich vor allem die neugierigen Weinkonsumenten für Piwis", sagt Leonhard Steinbauer, Leiter der Versuchsstation Obst- und Weinbau Haidegg. In Zukunft könnte ihre Bedeutung aber noch weiter zunehmen: "Piwis existieren nicht nur als Kellertrauben für die Weinproduktion, sondern auch als Tafeltrauben, die roh gegessen werden", sagt Forneck, "Deren Anbaufläche steigt in Österreich, und das Management von Pflanzenschutzmitteln ist hier noch anspruchsvoller. Piwis haben auch hier eine große Chance." (Juliette Irmer, 11.5.2017)

  • Wein, der ohne Pestizide auskommt: Gene widerstandsfähiger Wildreben und neue molekularbiologische Methoden sollen es möglich machen.
    foto: picturedesk/weingartner

    Wein, der ohne Pestizide auskommt: Gene widerstandsfähiger Wildreben und neue molekularbiologische Methoden sollen es möglich machen.

  • Denn bis heute sind Winzer gezwungen, regelmäßig Gift gegen Schädlinge zu spritzen.
    foto: apa/dpa

    Denn bis heute sind Winzer gezwungen, regelmäßig Gift gegen Schädlinge zu spritzen.

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